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Coburg
Prozess

Angriff eines Freundes: Rätselhafte Prügel-Attacke im Schlaf

Zwei Kumpels schauen Filme, zocken an der Konsole. Stunden später prügelt einer der beiden brutal auf seinen schlafenden Freund ein.
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Foto: Symbolbild Fotolia
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Unsicher sitzt der 20-Jährige auf dem Stuhl, blickt immer wieder nervös durch den Sitzungssaal des Coburger Landgerichts. Mit seiner schwarzen Jeans und dem grauen Hemd wirkt der junge Mann eher nicht wie jemand, der irgendwann mit dem Gesetz in Konflikt kommen könnte. Doch Stefan R. (Name von der Redaktion geändert) sitzt seit gestern in Fußfesseln vor Gericht. Er soll einem Freund etwas Schreckliches angetan haben. Die Anklage lautet: versuchter Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.


Stress mit der Freundin

Ende Mai 2016, irgendeine Wohnung im Landkreis Coburg. Laut Staatsanwaltschaft trinken R. und sein 25-jähriger Freund am Abend einige Bier, schauen sich einen Horrorfilm an und zocken verschiedene Spiele an der Konsole.

Eigentlich wollen sich beide dann irgendwann schlafen legen. Doch R. hat Ärger mit seiner Freundin, die sich trennen will. Das spätere Opfer bekommt einen Streit am Telefon mit und will seinen Kumpel aufmuntern. Sie reden, trinken auch Schnaps. "Er hat mir gut zugeredet. Ich wollte den Liebeskummer ertränken", sagt der Angeklagte. Gegen 3 Uhr legen sie sich schlafen.

Etwa drei Stunden später geschieht das Unbegreifliche. Laut Anklage geht der Beschuldigte in das Zimmer des Freundes, setzt sich auf den Schlafenden und prügelt heftig auf ihn ein. Durch die Attacke geweckt, ruft der 25-Jährige um Hilfe, klopft in Panik gegen die Wand. Erst als seine Mutter ins Zimmer stürmt und den Angeklagten anschreit, beruhigt sich dieser. Allerdings, sagt die Mutter vor Gericht aus, habe der 20-Jährige nicht wirklich anwesend gewirkt. "Er hat durch mich durch geguckt."


"Hätte anders ausgehen können"

Aufgrund des brutalen Angriffs zieht sich das Opfer schwerste Verletzungen zu: unter anderem einen Bruch der Augenhöhle sowie blutige Platzwunden am Kopf und im Gesicht. Der 25-Jährige muss operiert werden, ist mehrere Wochen krank geschrieben. Laut des medizinischen Gutachtens von Peter Betz waren die massiven Schläge durchaus lebensbedrohlich. "Es war nicht fünf vor Zwölf. Aber das alles hätte auch anders ausgehen können."

Der Angeklagte, der seit Ende Mai in der JVA Kronach einsitzt, ist von sich selbst erschrocken. "Ich war im Wahn, habe keine Erklärung dafür." Von den Erlebnissen der Nacht hat er nur wenige Erinnerungen: Dass er auf einem Bett gesessen hat ("Da war irgendetwas Hartes unter mir. Dann wurde mir schwarz vor Augen"). Dass er neben dem Bett saß und jemand an der Zimmertür stand. Und, dass er irgendwann gefesselt im Wohnzimmer auf dem Bauch lag und langsam zu sich kam. "Ich verstehe das alles nicht. Ich bin doch ein guter Mensch."

Auch das Opfer hat keine Erklärung für den hinterhältigen Angriff. "Wir haben uns den ganzen Abend gut verstanden." Die Faustschläge im Bett habe er im Schlaf zunächst nur unterbewusst wahrgenommen. "Ich bekam Atemprobleme." Als er dann wach wurde, habe er um sein Leben gebettelt. "Ich wusste: Wenn ich keine Hilfe bekomme, bin ich tot", sagte der 25-Jährige, den die Geschehnisse noch immer nicht loslassen. "Ich habe Probleme, Menschen zu vertrauen. Das hat tiefe Wunden hinterlassen."


In virtuelle Welt abgedriftet


Die Mutter und der Stiefvater des Opfers waren in der Nacht von den Schreien geweckt worden und eilten dem Sohn zur Hilfe. Auf beide machte der Beschuldigte einen verwirrten Eindruck. Der Stiefvater sagte aus, R. habe teilweise in unverständlicher Sprache vor sich hin geredet. "Er sagte zum Beispiel, er sei einer von zehn Rächern, die die Welt retten müssen." Er hätte aber alles gemacht, was man von ihm verlangt habe.

Das bestätigten auch die Polizeibeamten, die mit dem Beschuldigten Kontakt hatten. Am Tatort, berichtet ein Zeuge vor Gericht, sei R. immer wieder durch die Wohnung gerannt und in eine virtuelle Welt abgedriftet. "Er sprach unter anderem von einem bevorstehenden Luftschlag der Bundeswehr. Ein normales Gespräch war nicht möglich."

Inwieweit es beim Tatvorwurf des versuchten Tötungsdeliktes bleiben wird, muss der weitere Prozessverlauf zeigen. Viel wird vom psychologischen Gutachten abhängen, das am zweiten Verhandlungstag vorgetragen wird. Im Vorfeld des Prozesses hatten sich Verteidigung und Nebenklage zudem bereits auf eine Schmerzensgeldzahlung geeinigt.

Dem 20-jährigen Angeklagten war am ersten Verhandlungstag deutlich anzumerken, dass er die Geschehnisse zutiefst bereut. Die letzten sechs Monate seien nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. "Das Gefängnis ist die Hölle." An den Geschädigten und dessen Familie gerichtet, sagte er unter Tränen: "Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Es tut mir unendlich leid."

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