Coburg
Interview

Als Entwicklungshelfer von Coburg nach Kalkutta

Christl und Holger Göbel engagieren sich seit 20 Jahren für den Christlichen Entwicklungsdienst. Zum Jubiläum findet am 29. Dezember ein Benefizkonzert statt.
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Holger Göbel hilft den Kindern in der Schule im Dorf Piali bei Kalkutta.  Fotos: privat
Holger Göbel hilft den Kindern in der Schule im Dorf Piali bei Kalkutta. Fotos: privat
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Als Pater Josef Mittermaier 1993 aus München in die Pfarrei St. Marien nach Coburg kam, hatte ein Jahr zuvor die Tropenärztin Susanne Pechel den Christlichen Entwicklungsdienst (CED) in München-Schwabing ins Leben gerufen. Mittermeier brachte so die Idee mit nach Oberfranken und die gelernte Kirchenmusikerin Christl Göbel und ihr Mann, Holger, Chefarzt am Klinikum Lichtenfels, wurden Gründungsmitglieder des Helferkreises Coburg. Die beiden 54-Jährigen sprechen im Interview über die Menschen in den Entwicklungsländern und welche Entwicklung die Menschen bei uns machen sollten.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz erinnern?
Holger Göbel: Meine erste Reise führte mich 1995 nach Kalkutta, Indien, um beim Neubau eines Armenhauses zu Helfen.
Christl Göbel: Mein erster Einsatz war in einem unglaublich armen Dorf in Bulgarien, wo wir für den Unterhalt einer Armenküche sorgen. Wir sollten erwähnen, dass wir auf eigene Kosten zu unseren Hilfsprojekten reisen und dafür keine Spendengelder verwenden.

Was ist Ihnen in den 20 Jahren besonders in Erinnerung geblieben?
Holger Göbel: Natürlich hinterließ meine erste Reise nach Indien den tiefsten Eindruck in mir. Ein Schicksal von damals lässt mich gar nicht mehr los. Ich arbeitete auch im Sterbehaus der Mutter Teresa und begleitete eine junge Frau auf ihrem letzten Weg. Sie starb, weil sie zu arm war, um ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Als Arzt könnten Sie sich ja auch für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" engagieren. Gibt es einen speziellen Grund, warum Sie sich im CED engagieren?
Holger Göbel: Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" verdient mit ihrem Einsatz höchsten Respekt. Ich könnte mir gut vorstellen, auch dort mitzuarbeiten. Aber unsere Aufgaben im CED fordern uns genug. Der CED bietet uns die Möglichkeit, in unserem direkten Umfeld die Sensibilität für die Probleme der Ärmsten der Armen wachzuhalten. Ganz konkret und unmittelbar. Hinzu kommt im CED natürlich auch das christliche Moment der Nächstenliebe, dem wir uns verpflichtet und verbunden fühlen.

Was machen Sie konkret, um Spenden zu sammeln?
Christl Göbel: Wir gestalten bei uns und in anderen Gemeinden Gottesdienste mit unserem kleinen CED-Chor. Zu Pfingsten gibt es immer ein Weißwurstessen, im Advent haben wir Gemüseeintopf für unsere Gemeinde gekocht. Ja und jetzt führen wir am 29. Dezember die "Weihnachtskantate für junge Leute" auf. Wenn ich immer "wir" sage meine ich nicht nur meinen Mann und mich. Wir sind rund 30 Helfer in der Gemeinde St. Marien. Allen voran auch Hans und Mone Burkhard.

Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Menschen generell zum Spenden ein? Hat sich am Spenderverhalten in den 20 Jahren geändert?
Holger Göbel:Wir haben bei uns in Coburg einen festen Stamm von Spendern, die uns immer wieder Geld zustecken, obwohl sie weiß Gott nicht zu den von Reichtümern gesegneten Menschen gehören. Das berührt uns ganz besonders. Der CED als Ganzes ist in den letzten 20 Jahren immens gewachsen und einem größeren Kreis bekannt geworden. So erhalten wir jetzt Spenden aus dem ganzen Bundesgebiet. Die Bereitschaft zu spenden ist in unserem Land unverändert groß.

Wie viele Spenden haben Sie in den 20 Jahren eingenommen?
Holger Göbel: Genau kann ich das nicht sagen. Anfangs hatten wir ein jährliches Spendenaufkommen von einigen Zehntausend Euro im Jahr, jetzt sind es schon einige Hunderttausend. Das ist sehr viel für eine kleine Organisation wie die unsere, die ehrenamtlich arbeitet.

Die "Hilfe zur Selbsthilfe", von der auf der Homepage immer wieder die Rede ist - können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie Sie das vor Ort umgesetzt haben?
Christl Göbel: Ein ganz aktuelles Beispiel ist der Aufbau einer Grundschule in Piali, einem Vorort von Kalkutta. Dort kümmert sich ein Einheimischer, dem selbst mit Hilfe einer Patenschaft in seiner Kindheit eine Schul- und Berufsausbildung ermöglicht wurde, zusammen mit seiner Frau um die Schulausbildung der Kinder im Dorf. Sie unterrichten derzeit über hundert Kinder und ihre Bleibe platzt aus allen Nähten. Wir finanzieren ihnen jetzt den Neubau einer Grundschule und sorgen dafür, dass die Lehrer dort bezahlt werden können.

Wenn man in die Länder reist, was bringt man dort hin, und was nimmt man auch für sich wieder mit nach Hause?
Holger Göbel: Wir bringen zunächst einmal unsere konkrete Solidarität mit. Das ist keine Worthülse, das ist gelebte Mitmenschlichkeit. Mindestens genauso viel wiegt aber, dass wir selbst Beschenkte sind. Zu erfahren, was es für Menschen heißt, ein Dach über dem Kopf, ein bescheidenes Essen, sauberes Wasser, einfache medizinische Hilfe und Bildung zu erhalten, ist für einen Menschen, der im Überfluss lebt, ein heilsamer Schock.

Inwiefern hat das Engagement Sie auch selbst verändert?
Holger Göbel: Als erstes fällt mir dazu meine Sicht auf und mein Urteil über unsere Lebensweise hier ein, die so nicht weitergehen kann. Da gehe ich soweit zu sagen, dass nicht diejenigen, die offen für die Nöte der anderen sind, begründen müssten, warum sie sich engagnieren. Vielmehr sollte sich jeder, der ihnen gegenüber verschlossen ist, fragen, ob sein enger, egoistischer Horizont die richtige Antwort ist. Es ist eine Schande, dass Kinder dahinvegetieren und sterben müssen, weil sie nicht das Nötigste zum Leben haben.

Das Gespräch führte Anja Greiner


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