Coburg
Premiere

Ach, was für süße Provokationsdeppen

Mit Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" bespiegelt sich das Theater mal wieder selbst, und zwar sehr vergnüglich.
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Wer hat denn nun die Theaterwahrheit mit dem Löffel gefressen? Von links Niklaus Scheibli, Stephan Mertl und Thomas Straus.  Foto: Henning Rosenbusch
Wer hat denn nun die Theaterwahrheit mit dem Löffel gefressen? Von links Niklaus Scheibli, Stephan Mertl und Thomas Straus. Foto: Henning Rosenbusch
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Das Gespräch, eigentlich die mehr oder weniger diffizilen Attacken zwischen den drei alten Schauspielern finden im Leeren statt, egal wie üppig das gemalte Alpenpanorama im Hintergrund der Reithallenbühne - nicht - leuchtet. Was auch bereits auf die "Lehre" von Theresia Walsers amüsanter Komödie in der nachsichtig lächelnden Inszenierung des Coburger Schauspielchefs Matthias Straub verweisen mag. "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm." Viel Lärm um Nichts und doch auch um das ganze Theater, das sich die Menschen machen und das - mehr oder weniger - das Leben widerspiegelt. Alles und nichts halt.
Wo befinden sich die zwei schäbigen Ledersessel - also einer zu wenig - in gediegenem Holzambiente des süffisant hintergründigen Bühnenraumes von Carola Volles? Hotellobby, angestaubtes Privatentrée eines reichen Filmfuzzis, überkandidelter Showroom für eine Fernseh-Interview-Duell-Talkshow, zu dem die drei alten Schauspieler geladen sind? Jedenfalls wandeln, irren, tigern, hängen sie darin herum, verweisen immer wieder darauf, dass etwas unter ihnen Gesagtes unbedingt "später" wiederholt werden müsse, und zwar genau so, wobei es doch viel schwerer ist, sich selbst zu spielen als einen anderen.
Noch häufiger reitet jeder für sich durch die vom Winde verwehten Schauspielerprärien und bezwingt die Gipfel der Literaturgeschichte, erschauernd vor sich selbst. Was besonders der unglaublich sensible, der Empfindsamkeit unerbittlich ergebene Star Franz Prächtel (Stephan Mertl) praktiziert. Der sagt grundsätzlich nur "Hämlet".


Ärgerliche Radikalbuben

Zwei von ihnen haben Hitler dargestellt, der dritte "nur" Goebbels. Aber der, Ulli Lerch (Thomas Straus), kann neben den beiden Heroen ohnehin nicht bestehen, ist zudem einer, der den "regieführenden Radikalbuben" anhängt, immer noch den Graben zwischen Darsteller und Zuschauer überwinden will, einer der noch immer an die gesellschaftsverändernde Kraft der Avantgarde glaubt.
Der kann doch nicht mal richtig sprechen, was ihm dieser kleine Hinterhältige, Peter Söst (Niklaus Scheibli) neben vielem anderen genüsslich vorhält. Söst wiederum zieht seine Kraft aus schleimigem Anwanzen an den verehrten Franz, dem er ins Innerste nachkriecht, ohne dass dabei etwas von seiner eigenen Leere gefüllt würde.
Und immer wieder das Ungeheuerliche! Hitler darstellen! Darf, soll, muss man das? Was ist hinterher. Kommt dann die absolute Schamlosigkeit, ein KZ-Opfer zu spielen? Wer von den beiden war das doch gleich, der gespielt hat, wie Hitler Schokoladenkuchen aß und dabei die "gesamte Vernichtung" mitgespielt hat? Aber wie der Ulli Lerch das formuliert, dass der Franz Prächtel "im besten Sinne einen grauenvollen Hitler gespielt hat", das war doch wieder ganz daneben. Unmöglich.
Matthias Straub meistert mit sicherer Regiehand die Gratwanderung zwischen vorsichtig-ironischer Überzeichnung und ersthaftem Spüren nach dem Wahrheitsgehalt der Sprücheklopferei. Das Stück dauert gerade eine gute Stunde, was reicht, um in dieser neuerlichen süffisanten Selbstbespiegelung des Theaters den Zuschauer vergnüglich zu umarmen.


Ach, wie wir sie verehren

Naa, Stephan Mertl, Niklaus Scheibli und Thomas Straus, unsere drei schon lange vertrauten und selbstverständlich tief verehrten Coburger Theaterheroen, sich gegenseitig so patschelnd zu erleben, das genügt doch allein schon...
Ach und noch was, was ganz Zartes, Schönes, das Engelsflügelchen, das durch diese Produktion streift: Rosalie Mertl, die jüngste Mertl-Tochter, taucht immer nur kurz auf, jedes Mal in anderer verführerischer Frauen-Aufmachung. Ein Augenzwinkern aus welcher Wirklichkeitsebene auch immer. Zum Schluss bringt sie als Krankenschwester die Medikamente für die drei Alten.

Landestheater Coburg Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm. Schauspiel von Theresia Walser. Inszenierung Matthias Straub, Bühnenbild und Kostüme Carola Volles, Dramaturgie Carola von Gradulewski. Darsteller: Stephan Mertl, Niklaus Scheibli, Thomas Straus

Weitere Termine 11., 12., April, 20 Uhr, 30. April, 18 Uhr, in der Reithalle
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