LKR Coburg

Ärztin und Patienten landen wegen eines Medikaments auf der Anklagebank

Eine 74-jährige Allgemeinmedizinerin aus dem Raum Sonneberg steht vor Gericht. Ihre Patienten sitzen gleich mit auf der Anklagebank. Es geht um Fentanyl.
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Eine 74-jährige Allgemeinmedizinerin aus dem Raum Sonneberg steht vor Gericht. Ihre Patienten sitzen gleich mit auf der Anklagebank. Symbolfoto: dpa
Eine 74-jährige Allgemeinmedizinerin aus dem Raum Sonneberg steht vor Gericht. Ihre Patienten sitzen gleich mit auf der Anklagebank. Symbolfoto: dpa
"Die Wirkung tritt so schlagartig auf, dass keine Chance mehr besteht, die Zufuhr zu unterbrechen. Der Tod tritt in der Regel durch Atemlähmung oder Kreislaufzusammenbruch ein, häufig auch zeitlich verzögert durch das Einatmen von Erbrochenem." Die Rede ist vom Missbrauch des Schmerzmittels Fentanyl, das rund 50 bis 100 Mal stärker wirkt als Morphin und vornehmlich bei Tumor- und Amputationspatienten als Medikament eingesetzt wird. Bereits im Jahr 2014 hakte das Tageblatt bei einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der zudem als Gutachter für das Landgericht Coburg arbeitete, nach, denn die Zahlen waren alarmierend.

Immer mehr Abhängige - auch im Coburger Raum - besorgten sich Fentanyl-Pflaster, um ihren Drogenkonsum zu befriedigen. Die Zahl der Drogentoten im Landkreis Coburg stieg 2014 von zwei bis drei Fällen auf rund zehn Fälle. "Drogenabhängige haben ihre Methoden, diese sehr hohen Rückstände herauszulösen und sich die Substanzen intravenös zu verabreichen oder oral zu konsumieren", erklärte der Gutachter. Der Leiter des Coburger Rauschgiftdezernats Wolfgang Pfister erläuterte die Strategien, mit denen sich Süchtige die begehrten Pflaster beschaffen: "Dazu gehört das Ärztehopping. Damit kriegen die den Wirkstoff immer verschrieben."


Laut dem deutschen Ärzteblatt stieg im Zeitraum von 2008 bis 2013 der Anteil von Drogentoten mit Fentanylnachweis von 6,5 auf 30 Prozent (69 Fälle). Vor der leichtfertigen Verordnung von Fentanylpflastern, insbesondere bei chronischen, nicht tumorbedingten Schmerzen warnt das Ärzteblatt deutlich.

Um an die gewünschte Verschreibung zu gelangen, würden häufig von Suchtkranken orthopädische Krankheitsbilder angegeben. Geradezu typisch sei die Konstellation "unbekannter Patient, volle Praxis, kurz vor dem Wochenende oder vor Feiertagen". Die Patienten geben an, dass der sonst verordnende Arzt kurzfristig nicht erreichbar sei und nun dringend Fentanylpflaster benötigt würden. Zum Beweis werde oft eine leere Originalpackung vorgelegt, so das Ärzteblatt.

Auch in Coburg wurden erst kürzlich erneut Fälle von fentanylabhängigen Straftätern, aber auch verschreibenden Ärzten, verhandelt. Der gestrige Freitag bildete den Auftakt zu einem aufwändigen Prozess, der sich erneut um das opioidhaltige Medikament dreht. Insgesamt acht Patienten sollen sich über einen Zeitraum von April 2014 bis Dezember 2015 illegal Rezepte für das Medikament, das unter das deutsche Betäubungsmittelgesetz fällt, besorgt haben. Sie sollen verschiedene Ärzte in der Region und auch eine Fachärztin aus dem Raum Sonneberg konsultiert haben.


Wie kamen sie an die Rezepte?

Fünf dieser Patienten, unter anderem ein fentanylabhängiger Mann, der erst kürzlich für einen Handtaschenraub in der Coburger Innenstadt eine Freiheitsstrafe erhalten hatte, sitzen seit Freitag zusammen mit der Ärztin auf der Anklagebank der Ersten Großen Strafkammer am Landgericht Coburg. Wie die Angeklagten an die Rezepte gekommen sind, soll sich in den nächsten Verhandlungstagen, die für kommende Woche anberaumt sind, herausstellen.

"Ich mache meine Arbeit gerne", erklärte die fast 75-jährige Allgemeinmedizinerin, die vor Gericht auch aussagen wird. Am gestrigen Freitag entbanden die mitangeklagten Patienten die Hausärztin von ihrer ärztlichen Schweigepflicht. Auch sie wollen aussagen.

Der Ärztin wirft Staatsanwältin Jana Huber einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz vor, die mitangeklagten Patienten müssen sich teilweise wegen Beihilfe zum Verschreiben, unerlaubtem Besitz und vorsätzlichem unerlaubten Erwerb von Betäubungsmitteln verantworten.


Ohne Eingangsuntersuchung oder Diagnose?

In 266 Fällen soll die Ärztin ohne entsprechende Eingangsuntersuchung oder Diagnose und medizinische Indikation in ihren Praxisräumen im Landkreis Sonneberg die Rezepte für das Schmerzmittel ausgestellt haben. Dabei soll ihr teilweise die Betäubungsmittelabhängigkeit ihrer Patienten bekannt gewesen sein. Sie habe bewusst die missbräuchliche Verwendung des Medikaments in Kauf genommen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Die Rezepte wurden von den Angeklagten in zahlreichen Apotheken in der Stadt und im Landkreis Coburg, aber auch in Thüringen eingelöst. Dabei belief sich der Wirkstoffgehalt der Gesamtverschreibung teilweise auf bis zu 482 Milligramm Opioid.
Der Prozess wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt.
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