Coburg
Lebensgefahr

30.000 Minen - das tödliche Erbe der DDR

An der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegen noch mehr als 30.000 Minen. Besonders riskant für Grenzgänger sind einige Gebiete in Ober- und Unterfranken. Die Suche nach den Sprengfallen würde Millionen verschlingen.
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Der Todesstreifen an der Grenze zwischen Deutschland Ost und West hat seinen Schrecken bis heute nicht verloren. Der Tod lauert im Grünen Band, das den einstigen Eisernen Vorhang heute markiert. Mehr als 30 000 vergessene Minen dürften dort noch liegen.

Am 2. April hat ein Spaziergänger im Wald bei Neuhaus im Landkreis Sonneberg eine verdächtige runde Plastikdose gefunden und richtig gehandelt: Er verständigte die Polizei. Es ist der bislang letzte in einer langen Reihe von Zufallsfunden an der ehemaligen Grenze.

Nach unterschiedlichen Angaben starben zwischen 1962 und 1989 fast eintausend Menschen bei dem Versuch, von Ost nach West zu gelangen, die meisten in der geteilten Stadt Berlin. Dass der einstige Todesstreifen, aus dem das "Grüne Band" zwischen Ost und West wurde, noch immer tödliche Gefahren birgt, verwundert eigentlich nicht. Rund 1,4 Millionen Minen hat das DDR-Regime zwischen 1961 und 1984 an der innerdeutschen Grenze verbuddelt. Zusammen mit den Selbstschussanlagen an den meterhohen Zäunen, scharfen Hunden und Rund-um-die Uhr-Bewachung machten die Sprengladungen aus der Grenze ein nahezu unüberwindbares Bollwerk.



"Es ist ein Wunder, dass es immer wieder Menschen in den Westen geschafft haben", sagt der ehemalige Beamte der Bundespolizei, Reinhold Albert aus Ebern, der seit Jahren akribisch alle Fakten zur deutschen Teilung sammelt.

Die Grenzerfahrung ist bis heute nicht ungefährlich. 1984 ließ die DDR auf Druck aus dem Westen (und als Gegenleistung für einen von Franz-Josef Strauß maßgeblich eingefädelten Eine-Milliarde-D-Mark-Kredit) die innerdeutsche Grenze entschärfen: Die Minen wurden geräumt, die Selbstschussanlagen abgebaut. Aber bei weitem nicht alle. Das Kartenmaterial, dass die DDR-Grenztrupen nutzten, war vielfach ungenau. Außerdem sind die an der DDR-Grenze verlegten Minen schwer aufzuspüren: Die erste Generation bestand aus simplen Holzkästen, später wurden Minen des sowjetischen Typs PMN verlegt, die überwiegend aus Plastik bestehen und von Metallsuchgeräten nicht lokalisiert werden.

"Nach menschlichem Ermessen"
Wegen dieses Risikos ließ die Bundesrepublik 1995 den einstigen Todesstreifen umfassend untersuchen. Mit Räumpanzern wurden die Minen zur Explosion gebracht. Ende 1995 verkündete das Bundesinnenministerium, dass die einstige deutsch-deutsche Grenze "nach menschlichem Ermessen" minenfrei sei.

Doch immer wieder wurden in den folgenden Jahren Minen gefunden - nicht selten an Plätzen, an denen sie gar nicht hätten liegen dürfen. Die Sprengkörper wurden durch Hochwasser weggespült, bei der Explosion anderer Minen weggeschleudert.

Das Landwirtschaftsministerium in Thüringen hat deshalb 2012 ein weiteres Gutachten zur Gefahr an der Grenze in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist alarmierend: Auf 42 Flächen entlang des einstigen Eisernen Vorhangs besteht laut Andreas Maruschke vom Ministerium in Erfurt ein "erhöhtes Restrisiko". Betroffen seien 25 Kilometer; das sind zwar nur 3,3 Prozent der 763 Kilometer langen Grenze auf dem Gebiet Thüringens; allerdings stufen Fachleute das "Restrisiko" als überaus kritisch ein, weil die Minen auch noch nach Jahrzehnten funktionstüchtig sind und bei der Detonation schwerste Verletzungen verursachen.

Besonders betroffen sind der Raum Sonneberg an der Grenze zu Oberfranken sowie die Rhön, die an Unterfranken grenzt. Eine flächendeckende Räumung würde sechs Millionen Euro kosten, sagt die Landesregierung. Ein Sprecher des Erfurter Umweltministeriums sagt, die Wanderwege in den betroffenen Regionen seien aber ohne Bedenken zu benutzen.

Allerdings sollte man in den "Restrisikogebieten" die Warntafeln beachten und die ausgewiesenen Wege nicht verlassen. Das "Austreten" am Wegesrand könnte lebensgefährlich sein.
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