Coburg
Wirtschaft

100 Jahre Brose Coburg: Menschen, Technik, Anekdoten

Rosemarie Koenig war die erste Auszubildende, die bei Brose Technische Zeichnerin lernte. Sie erinnert sich ans Vorstellungsgespräch beim Firmengründer, an Tusche und Reißbrett sowie an Fahrradständer statt Parkplätzen.
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"Ach, ist das schön!" Die heute 79-jährige Rosemarie Koenig freut sich, dass bei den Designtagen ihr alter Arbeitsplatz besichtigt werden kann. Als Technische Zeichnerin gehörte damals auch ein kleiner Handbesen zur Grundausstattung.Foto: Oliver Schmidt
"Ach, ist das schön!" Die heute 79-jährige Rosemarie Koenig freut sich, dass bei den Designtagen ihr alter Arbeitsplatz besichtigt werden kann. Als Technische Zeichnerin gehörte damals auch ein kleiner Handbesen zur Grundausstattung.Foto: Oliver Schmidt
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Rosemarie Koenig steht in der alten Pakethalle am Coburger Güterbahnhof und durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Zum einen ist sie sehr gerührt, weil am Stand der Firma Brose ihr ehemaliger Arbeitsplatz nachgebaut ist. "Ach, ist das schön", sagt sie, als sie das Reißbrett, die Reißfeder oder auch einen kleinen Handbesen (dazu später mehr!) erblickt. Zum anderen ist Rosemarie Koenig aber auch fasziniert von den vielen bunten, dreidimensionalen Grafiken, die sich gleich nebenan auf einem Computerbildschirm drehen und bewegen. "Toll", findet sie das und lässt sich von der heutigen Brose-Mitarbeiterin Sandra Kieser kurz in die Welt der modernen CAD-Technik einführen.

Auf gewisse Weise ist Rosemarie Koenig sozusagen das Bindeglied zwischen diesen beiden Arbeitswelten, die doch beide für die eine Brose-Firmenphilosophie stehen. Denn dem Unternehmen waren ein hoher Qualitätsanspruch sowie der Einsatz moderner Technik schon immer besonders wichtig - das kann für die Gegenwart Sandra Kieser bestätigen, und für damals Rosemarie Koenig.

Wenn Rosemarie Koenig von früher erzählt, dann tut sie das mit leiser Stimme. Nur manchmal wird sie etwas lauter: wenn sie lachen muss, über die eine oder andere Anekdote. Zum Beispiel über die, dass Brose damals gar keinen Parkplatz hatte. "Es gab nur ein paar Fahrradständer", erzählt sie, "aber die meisten sind ja sowieso zu Fuß gekommen." Rosemarie Koenig auch - und auf dem Weg zur Ketschendorfer Straße hat sie morgens auch immer noch aus dem Schließfach bei der Post alle Briefe mitgebracht. "Naja, das war immer nur so ein Bündel!" Sagt's und lacht - das mag darüber hinwegtäuschen, dass Rosemarie Koenigs Anfang bei Brose in keine einfache Zeit fiel.

Mit Zeugnis und Zeichnungen

Rückblende, 1954 - der Sommer, in dem der deutschen Fußballnationalmannschaft das "Wunder von Bern" gelang. Für die 14-jährige Rosemarie Koenig, die damals noch Niedrich hieß, sah die Welt aber gar nicht so rosig aus. Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg gefallen und eine geplante Ausbildung als Grafikerin beim Vogel-Verlag hatte sich zerschlagen, weil der Verlag gerade nach Würzburg umsiedelte. "Ich wollte aber in Coburg bleiben", erinnert sie sich. Ihre Mutter hatte deshalb die Idee, beim Metallwerk von Max Brose nachzufragen - und zwar: ganz direkt beim Chef und Gründer. Wir probieren es einfach mal", habe ihre Mutter gesagt und außer einem Schulzeugnis auch noch ein paar Zeichnungen von ihr eingepackt. "Denn ich habe schon immer gerne und viel gezeichnet!"

"Dann fangen Sie mal an!"

Während Sandra Kieser gut 40 Jahre später erst ein Assessment Center durchlaufen musste, ehe sie ihren Ausbildungsplatz bei Brose bekam, war das bei Rosemarie Koenig alles deutlich unkomplizierter. Mit ihrer Mutter schaffte sie es tatsächlich bis mitten hinein ins Chefbüro. Und wie ging's weiter? "Herr Brose hat zu mir gesagt: Dann fangen Sie mal an!" So wurde Rosemarie Koenig - mit der Personalnummer 66 - der erste Lehrling als technischer Zeichner, den es je bei Brose gab. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, funkeln Rosemarie Koenigs Augen - obwohl einem vieles davon aus heutiger Sicht so aufwendig und umständlich vorkommen mag. Aber für die damalige Zeit war Brose damit sehr wohl auf dem Stand der Technik. "Die DIN-A-1-Papiere, auf denen wir die neuen Produkte gezeichnet haben, wurden mit Reißzwecken am Reißbrett befestigt. Die Vorzeichnungen erfolgten mit Bleistift - dann wurde alles nachgezeichnet mit einer Reißfeder, die mit Tusche befüllt war. Die Stärke der Feder wurde mit einem Rädchen eingestellt."

Kompliziert wurde es, wenn mal ein Strich danebenging. Dann hieß es: die Tusche trocknen lassen und mit einer Rasierklinge ganz vorsichtig wegkratzen - falls dabei das Papier kaputt ging, musste alles neu gezeichnet werden! Die weggekratzten Tuschereste wurden mit einem Handbesen (!) vom Papier gekehrt. Bei diesen Schilderungen muss Sandra Kieser fast ein wenig mitleidig seufzen: Wenn heute am Computer etwas misslingt, genügt zur Korrektur ein einziger Mausklick. "Ich habe den allerhöchsten Respekt vor Frau Koenig und ihrer Arbeit", sagt Sandra Kieser. Aber ihr wird in diesem Moment erneut bewusst, welche Parallelen es zwischen damals und früher gibt. Stichwort Innovation. "Es ist schon damals viel ausprobiert worden", bestätigt Rosemarie Koenig, die sich an Max Brose außerdem als einen sehr fürsorglichen Chef erinnert. "Er hat viel gemacht für seine Mitarbeiter!"

Und wie war das, als Broses Enkel Michael Stoschek die Geschäftsführung übernahm?

Comeback in der Ölkrise

"Da war gleich alles ganz anders", sagt Rosemarie Koenig und meint damit nicht nur die Renovierung von Gebäuden, die Stoschek wichtig gewesen sei, sondern auch eine Modernisierung der Arbeitsplätze. Stoschek habe schon sehr früh auf Computer gesetzt; die Reißbretter verschwanden nach und nach. "Zum Schluss gab es nur noch eins - und das war meins!"

Moderne Arbeitsgeräte sind aber nur der eine Teil der Brose-Erfolgsgeschichte. Der andere sind seit jeher solch engagierte Mitarbeiter wie Rosemarie Koenig. Selten wurde das so deutlich wie Anfang der 1970er Jahre. "Ich hatte kurz zuvor eigentlich aufgehört", erzählt sie. Doch dann kam die Öl-Krise. Plötzlich gab es den Druck, dass Autos benzinsparender werden mussten. Für Zulieferer bedeutete das: Alle Fahrzeugteile mussten leichter werden. "Wegen meiner großen Erfahrung hat man mich zurückgeholt", erzählt Rosemarie Koenig. Ihre aktive Brose-Zeit endete schließlich erst 1999. Die Wandlung von der kleinen Firma zum weltweit agierenden Unternehmen hat sie also zum Teil noch hautnah mitbekommen. Trotzdem ist Rosemarie Koenig neulich ins Schwärmen geraten, als sie durch die neuesten, großen Brose-Gebäude in Coburg geführt wurde: "Das ist schon Wahnsinn!" Sie freut sich über diese Entwicklung - und sie freut sich über den Nachbau ihres Arbeitsplatzes, der während der Coburger Designtage in der Pakethalle am Güterbahnhof besichtigt werden kann.

100 Jahre Brose und die 31. Designtage

Geschichte Die heutige Brose-Gruppe mit weltweit rund 26000 Mitarbeitern an 62 Standorten in 23 Ländern hat ihren Ursprung im Jahr 1908. Damals eröffnete Max Brose in Berlin ein Handelsgeschäft für Automobilzubehör, wobei er auch Generalvertreter des Karosseriebau-Unternehmens seines Vaters in Wuppertal war. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er am 14. Juni 1919 in Coburg zusammen mit Ernst Jühling das Metallwerk Max Brose. Somit kann in diesem Jahr das Jubiläum "100 Jahre Brose in Coburg" gefeiert werden. Der Automobilzulieferer ist der größte Industriearbeitgeber in der Stadt Coburg. Ausstellung Bei den 31. Coburger Designtagen, die am Dienstagabend auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs eröffnet wurden, ist die Firma Brose mit einem Stand in der alten Pakethalle vertreten. Gezeigt werden dort "Meilensteine" aus der Unternehmensgeschichte - und dazu zählt allen voran der historische Arbeitsplatz von Rosemarie Koenig. Designtage Die Coburger Designtage warten bis einschließlich Sonntag, 2. Juni, mit einem umfangreichen Programm rund um den ehemaligen Güterbahnhof auf. Viele weitere Informationen zum Programm gibt es unter www.coburger-designtage.de

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