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Kaltenbrunn im Itzgrund
Interview

10 Corona-Wochen aus der Sicht eines Hausarztes

Ullrich Zuber, Hausarzt in Kaltenbrunn im Itzgrund, zieht eine Bilanz aus der ersten Phase der Corona-Pandemie: "Wir sind für unsere Patienten da."
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Nichts ist mehr wie früher:  "Ohne Angst, aber mit Respekt" gehen Ullrich Zuber und seine Hausarztkollegen mit dem Coronavirus um.  Der Hausarzt aus dem Itzgrund sieht künftig  aber nicht nur die Ärzte in der Verantwortung, was den Kampf gegen die Infektionen angeht. - Foto: Berthold Köhler
Nichts ist mehr wie früher: "Ohne Angst, aber mit Respekt" gehen Ullrich Zuber und seine Hausarztkollegen mit dem Coronavirus um. Der Hausarzt aus dem Itzgrund sieht künftig aber nicht nur die Ärzte in der Verantwortung, was den Kampf gegen die Infektionen angeht. - Foto: Berthold Köhler

Die Geschäfte sind schon geöffnet, die Biergärten sind es bald - so langsam kehrt der Alltag ins Coburger Land zurück. In der Corona-Krise scheint die schlimmste Phase überstanden zu sein. Jetzt kann auch Ullrich Zuber (Vorsitzender des Hausarztvereins Coburg Stadt und Land) die hektischen zwei zurückliegenden Monate Revue passieren lassen. "Die ambulante Medizin als Speerspitze und zugleich Schutzschild zur Abwehr des neuen Virus hat ihre Bewährungsprobe glänzend bestanden", sagt Zuber, der im Itzgrund eine Hausarzt-Praxis betreibt. Im Gespräch mit dem Tageblatt blickt Zuber auf die erste Phase der Corona-Pandemie zurück und wagt auch einen ersten Ausblick, was in den nächsten Wochen kommen könnte.

Was waren die großen Herausforderung und täglichen Probleme für die Hausärzte in den vergangenen Wochen?

Ullrich Zuber: "Einerseits die Fokussierung auf Corona, andererseits die Tatsache, dass auch die übrigen Erkrankungen auftreten. Der Spagat zwischen den beiden Vorgaben unter den widrigen Umständen der fehlenden Schutzausrüstung und räumlichen Abgrenzungen in der Praxis. Gemeinsam mit unseren Teams ist es uns gelungen, die Probleme mit viel Improvisation und Geschick zu lösen."

Warum ist die Corona-Pandemie - Stand heute - in Deutschland deutlich glimpflicher verlaufen als in anderen Region Europas?

Der Erfolg des deutschen Gesundheitswesen ist auch in diesem ambulanten System begründet. Diagnostik, Behandlung und Information über die Erkrankung als erster Ansprechpartner wurde durch uns und unsere Mitarbeiter durchgeführt.

Welche Lehren konnte man in Deutschland aus den Ereignissen in Italien ziehen, wo die große Welle bei den Erkrankungen deutlich früher losbrach?

Unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder und den völlig unzureichenden Bedingungen besonders in Italien mit vielen Opfern auch aus den Reihen des medizinischen Personals konnten wir uns einigermaßen besser vorbereiten und individuell reagieren. Bezüglich der Schutzausrüstung ist eine deutliche Verbesserung der Lieferungen von Masken festzustellen, jedoch hapert es immer noch vor allem an Schutzkittel für das medizinische Personal. Dank hier an dieser Stelle auch noch mal den vielen Privatpersonen und Firmen, welche sich hierbei eingebracht haben ,um in diesen Wochen das medizinische Personal auszurüsten.

Was erwarten sie in den kommenden Wochen in Deutschland?

Nach Abwehr der ersten Welle gilt es nun in gemeinsamer lokaler Verantwortung wieder zu einer normalen, insbesondere haus- und fachärztlichen Regelversorgung, zurückzukehren. Dabei dürfen wir aber die Wachsamkeit für Covid-19-Neuerkrankungen auf keinen Fall vernachlässigen.

Wird sich auch die Arbeit der Mediziner vor Ort ändern?

Die Zeit mit Corona wird auch in der ambulanten Medizin in den Praxen wie in vielen anderen Bereichen einen Wandel in Abläufen bedingen. Manches Gewohnte wird sich ändern. Konsequenz und Disziplin der Menschen werden auch bei der Inanspruchnahme des Gesundheitssystems gefordert und werden auch notwendig. Dennoch traue mich mir schon zu sagen, dass die Hausarztpraxis ein ziemlich sicherer Ort ist, was die Ansteckungsgefahr angeht.

Wie schätzen Sie die Situation aus Sicht der Patienten ein?

Sie nehmen jedenfalls aus der Situation die Erfahrung mit, dass sie sich auf uns verlassen und auch in Krisensituationen Fürsorge und auch Führung in gesundheitlichen Fragen erwarten können.

Welche Forderungen formulieren Sie aus Sicht der Hausärzte an die Vertreter der Politik, oder besser: das gesamte Gesundheitssystem?

Die Entscheidungsträger und Gestalter unseres Gesundheitssystems sollten sich noch einmal vor Augen halten, wie wichtig und systemrelevant ein primäres Anlaufsystem insbesondere im hausärztlichen Bereich ist. Auch dieses Bewusstsein sollte eine Konsequenz der Krise sein und in kommenden Entscheidungen berücksichtigt werden. Die Unterstützung durch unsere Standesvertretung besonders in hausärztlichen Belangen im Sinne der hausarztzentrierten Versorgung ist jedenfalls eine wohltuende und notwendige Begleitung.

Wie sehen Sie für das Gesundheitssystem den Weg zurück zur Normalität?

Wir müssen nach vorne schauen und uns zu wappnen für eventuell kommende Infektionswellen. Gleichzeitig dürfen wir aber die Patienten mit anderen Erkrankungen nicht vernachlässigen. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen im haus- und fachärztlichen Bereich sollten von ihnen nach Maßgabe der Ärzteschaft wieder wahrgenommen werden. Die gesundheitlichen Folgekosten für die Allgemeinheit wäre bei einer weiter bestehenden Fixierung und Fokussierung auf Corona immens.

Aber das Corona-Virus wird den medizinischen Alltag noch auf lange Zeit beschäftigen...

Wir stellen uns aber auch weiterhin der Aufgabe, welche nun die Zeit mit Corona für uns Arztpraxen bedingt. Dazu haben und werden wir Infektionssprechstunden einrichten ,um die infektiösen Verdachtspatienten getrennt von unseren Risikogruppen zu behandeln. Eine wesentliche Aufgabe fällt hier unseren tüchtigen Mitarbeitern zu, welche bereits an der Anmeldung oder am Telefon die richtigen Weichen stellen müssen. Der Schutz der Risikogruppen, insbesondere unserer älteren Menschen ,muss auch weiter ein Hauptaugenmerk sein. Dies aber unter der Prämisse der Patientenautonomie, das heißt: der freien Willensentscheidung der Betroffenen. Jeder sollte das Maß der Behandlungsweite im Infektionsfall selbst bestimmen können. Nach dem Ende des derzeit ausgerufenen Katastrophenfalles muss und wird auch weiterhin eine reibungslose Versorgung gewährleistet sein.

Wie kann und wird diese Ihrer Ansicht nach aussehen?

Es werden lokal und auch überregional Möglichkeiten der interkollegialen Zusammenarbeit bezüglich Diagnostik und Therapie der Erkrankung im Sinne von Netzwerken geschaffen werden. Wir sollten flexibel auf die Dynamik des Infektionsgeschehens reagieren können. Ausreichend Möglichkeiten der Testung und Diagnostik sowie auch der hochspezialisierten Behandlung müssen erhalten bleiben und hierbei Ärzteschaft und Politik auf Augenhöhe miteinander zusammenarbeiten.

Wie schätzen sie den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie ein?

Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab, welche Gegenstand intensiver Diskussion sind. Jedenfalls können wir nicht einfach nur abwarten bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Wir müssen uns zum Beispiel mit Tragen von Masken, ausreichende Abstand Halten und Hygienegrundsätzen das Infektionsrisiko selber reduzieren. Nur so ist eine langsame Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung möglich. Gleichzeitig muss Gesellschaft und wirtschaftliches Leben wieder in geregelten Abläufen stattfinden. Wenn ein zuverlässiger und verträglicher Impfstoff auf dem Markt ist, bleibt zu hoffen, dass es um die Impfmoral der Bevölkerung besser bestellt ist als zum Beispiel bei der Influenza, der echten Grippe .Auch dies trägt zur sogenannten Herdenimmunität der Bevölkerung bei, welche die Ausbreitung der Erkrankung vermindert. Wie gut wir die Sache in den Griff bekommen wird also nicht allein von den Ärzten entschieden, sondern von der Disziplin der Menschen.

Die ersten Teile der Bevölkerung scharren schon mit den Hufen, weil sie wieder in Urlaub fahren wollen. Wie werden Sie es heuer mit Urlaubsreisen handhaben?

Wir haben eine so schöne Gegend hier mit viel Ruhe und Natur - da muss ich kein internationales Reiseziel anstreben. Aber denke, dass man auch ein bisschen weiter wegfahren kann, wenn man weiß, wie man sich auf die Herausforderungen einrichtet. Nur mit den Massenveranstaltungen wie dem Samba-Festival oder dem Fußball, den wir alle so lieben, wird es heuer auf jeden Fall relativ problematisch werden.

Zum Abschluss: Ihre Bilanz aus zwei Monaten im Krisenmodus?

Die Versorgung unserer Patienten, unabhängig von den aktuellen Umständen ist gegeben. Damit werden wir im haus- und fachärztlichen Bereich unserer Verantwortung gerecht. Wir sind für unsere Patienten da.