Ebermannstadt
Wahlkampf

"Ich verstehe mich als Sozialist"

Sebastian Sommerer stammt aus einer oberfränkischen Landwirts-Familie. Die Bankenkrise hat den Bankfachwirt wachgerüttelt.
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Sebastian Sommerer auf dem Campus der Universität Bayreuth. Foto: Ekkehard Roepert
Sebastian Sommerer auf dem Campus der Universität Bayreuth. Foto: Ekkehard Roepert
Fränkische Schweiz Marx-Leser dürften unter Bankfachwirten dünn gesät sein. Aber das ist nicht das einzige Klischee, das Sebastian Sommerer widerlegt. Der 24-Jährige stammt aus Tröstau, einem Dorf im Landkreis Wunsiedel - aus einer Gegend also, die nicht als typischer Nährboden für eine Parteikarriere bei den Linken gilt.
Und dennoch habe sich in seinem Dorf niemand gewundert, als er kandidierte. Für seinen Widerspruchsgeist sei er schon länger bekannt gewesen. Im Wahlkreis Bayreuth/Forchheim geht er als Direktkandidat auf Platz 12 der Landesliste in das Bundestagswahlrennen. Und auch wenn er am 24. September kaum eine Chance hat, in den Bundestag gewählt zu werden, tut das seinem Elan keinen Abbruch.

"Es wird so getan, als ob man durch Opposition nichts erreicht. Aber das Bewusstsein ist veränderbar." Eindrucksvoll habe dies das Thema Mindestlohn gezeigt. "Anfangs war nur die PDS dafür. Es gab riesige Kampagnen dagegen von der Kapital-Seite. Aber heute ist der Mindestlohn eine Selbstverständlichkeit."

Als sich der Sohn eines Landwirts-Ehepaares vor eineinhalb Jahren den Linken anschloss, war das für den jungen Mann aus Tröstau die Konsequenz einer Entwicklung, die mit der Bankenkrise 2010 begann. "Warum die Welt so ist wie sie ist?" - diese Frage habe sich ihm damals plötzlich dringender denn je gestellt. Seine Kurzanalyse der Bankenkrise aus aktueller Sicht: "Es ist das System, das zwingt, nicht die Gier des Einzelnen."


Karriere bei Gemeinde abgesagt

Nachdem er Bankfachwirt geworden war, hatte Sebastian Sommerer ein Angebot, das er zumindest aus Sicht seiner Eltern besser nicht ausgeschlagen hätte: Die Gemeinde Tröstau bot ihm an, ihn als Verwaltungsangestellten zu beschäftigen.

Doch er schlug aus. Nach der mittleren Reife und zweieinhalb Jahren Berufserfahrung (bei den Vereinigten Raiffeisenbanken Fichtelgebirge) hatte Sommerer als sogenannter beruflich Qualifizierter das Recht, eine Hochschule zu besuchen. Seit 2015 ist er in Bayreuth für den Studiengang "Philosophy & Economics" eingeschrieben.

Sein Lieblingsautor ist Karl Marx. Dass dieser Klassiker der Ökonomie im Kanon der Universität nicht vorkommt und dass die Linken in der Parteienlandschaft eine untergeordnete Rolle spielen - dafür hat der Student ein und die selbe Erklärung.

Mit Verweis auf die DDR werde Marx für gescheitert erklärt und mit Verweis auf die DDR werde auch die Linke mit der PDS und der gescheiterten sozialistischen Vergangenheit in Zusammenhang gebracht. "Das höre ich sehr oft, als ob ich in der DDR gelebt hätte", wundert sich der 24-Jährige.

Dennoch macht der Student bei seinen Begegnungen an der Universität oder in der Bayreuther Fußgängerzone gute Erfahrungen. Auch durch den Haustürwahlkampf fühlt sich der Linke bestärkt: "Diejenigen, die aufmachen, sind meist positiv überrascht." Das gilt auch für die Auseinandersetzungen mit seinen Eltern und den drei Schwestern: "Die geben mir oft Recht."

Sebastian Sommerers Lieblingsthema: "Sozial Fragen in Verbindung mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Ich versuche mit den Leuten auf eine antikapitalistische Basis zu kommen." Gäbe es nur nicht dieses hartnäckige Problem, das in vielen Köpfen stecke: "Immer wieder wird die Überwindung des Kapitalismus mit Stalinismus gleichgesetzt."

Der Linke aus Tröstau möchte vor allem jene überzeugen, die zuletzt nicht mehr zur Wahl gingen. "Diejenigen, die auf das System wütend sind, aber dennoch konstruktiv sein wollen." Als besonders konstruktiv erlebt es der 24-Jährige, "soziale Kämpfe zu unterstützen" - also zu streiken, gegen Abschiebungen zu protestieren und dergleichen. Kurzum: Sebastian Sommerer will "mehr Basisdemokratie". Seine Partei sei davon geprägt. Die Linke charakterisiert er als "ziemlich durchlässig" - eine Mitgliederpartei ohne spürbare Hierarchien.

An "grundsätzlicher Zustimmung" fehle es dieser Partei in der Bevölkerung nicht, bemerkt Sebastian Sommerer. Allerdings spüre er auch: "Wenn es um die Umsetzung geht, macht sich regelmäßig Hoffnungslosigkeit breit." Begriffe wie "Verstaatlichung großer Konzerne" seien den Leuten nicht geheuer.

Wenn Sebastian Sommerer damit wirbt und in irritierte Gesichter blickt, dann erinnert er daran, dass beispielsweise die Post und die Stromversorgung schon einmal in staatlicher Hand waren. "Offenbar haben die Menschen vergessen, dass dies den Bedürfnissen der Mehrheit diente."

Daher will Sebastian Sommerer daran erinnern, dass die Gesellschaft "keineswegs durch Moral bestimmt" werde. "Wirtschaftspolitik, marxistisch betrachtet, ergäbe eine schlüssige Lösung. Die Linke steht dafür, den Kapitalismus durch Reformen zu überwinden." Sommerer arbeitet an dieser Überwindung - nicht nur im Wahlkampf. Er ist in vielen Gruppierungen aktiv, etwa bei der Gewerkschaft oder bei der Sozialistischen Alternative (SAV). Zudem ist er Sprecher der Antikapitalistischen Linken in Bayern. In einer Gesellschaft, die aus seiner Sicht durch "knallharte Interessen" bestimmt ist, hat sich Sebastian Sommerer ein klares Selbstverständnis erworben: "Ich verstehe mich als Sozialist."