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"Tristan und Isolde" in Bayreuth: eine beliebige Effekthascherei

Katharina Wagner ist ein Regie-Eichhörnchen, das Ideen sammelt, in den Kochtopf wirft und verrührt.
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Stephen Gould (Tristan) und Petra Lang (Isolde) Enrico Nawrath,dpa
Stephen Gould (Tristan) und Petra Lang (Isolde) Enrico Nawrath,dpa
Warum wurde noch nicht untersucht, wer warum wann bei den Bayreuther Festspielen buht oder jubelt? Natürlich wäre das arbeits- und zeitaufwendig, personalintensiv und kostspielig. Aber zu gerne wüsste man aufgrund von seriösen, möglichst mehrjährigen repräsentativen Umfragen, ob das Publikum bei der Eröffnung anders ist als bei den Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen.
Und wie bedeutsam die Meinungsunsicherheit bei etwas komplett Neuem ist. Die Buhrufer nach der "Lohengrin"-Premiere konnte man an zwei Händen abzählen, während die Intensität der Ablehnung von Teams, die dem "deutschen Regietheater" zuzurechnen sind, im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zugenommen hat. Schon bei "Parsifal" wurde viel gebuht, erst recht nach "Tristan und Isolde" am Freitag.


Massiver Protest

Als Katharina Wagner sich zeigte - sie kommt übrigens nie alleine vor den Vorhang, sondern stellt sich dem Publikum nur kurz ein einziges Mal mit ihrem Team und weiteren Mitwirkenden -, war der Zuschauerprotest überraschend massiv.
Wobei man nur raten kann, ob er nur ihrer Regiearbeit galt oder nicht auch der Festspielleiterin, als die sie seit zehn Jahren fungiert. Um beim kleineren Übel anzufangen: Ihre "Tristan"-Inszenierung von 2015 hat zwar einige Umbesetzungen und Modifikationen erfahren. Aber das ändert nichts daran, dass diese Mischung aus modischer Dekonstruktion und dem Versuch, auch konservativen Zuschauern etwas bieten zu wollen, überwiegend in Beliebigkeit, Biederkeit und Bedeutungsleere versinkt.


Der Hase im Pfeffer

Katharina Wagner ist ein Regie-Eichhörnchen, das Ideen sammelt, in den Kochtopf wirft und verrührt. Das machen andere auch. Das Problem ist, dass konzeptuelle Einfälle nur etwas taugen, wenn sie nicht oberflächlich bleiben, sondern von den Solisten verstanden und inkarniert, mit Kopf und Körper, Seele und Stimme ausgedrückt werden.

Genau da liegt beim "Tristan" der Hase im Pfeffer. Wenn man beim Zerreißen des Brautschleiers genau hinschaut, sieht man erstens, dass die Protagonisten vor allem die präparierten Stellen suchen, die sich problemlos reißen lassen. Und zweitens, dass es der Regisseurin nicht gelungen ist, die Solisten von der Richtigkeit dieser Aktion zu überzeugen.

Sie machen es nicht, weil sie mit entsprechender Energie aufgeladen wurden, sondern weil sie es machen sollen. Das ist, selbst wenn die Hauptsolisten gesanglich extrem Schwieriges zu bewältigen haben, einfach zu wenig. Wenn das Titelpaar den Liebestrank mit großer Geste wegschüttet, bekommt das eben nicht die Tiefe, die in einschlägigen Gedanken Thomas Manns steckt, sondern ist wie der Selbstmordversuch und andere "unkonventionelle" Regie-Ideen (Bühne: Frank Philipp Schlößmann, Thomas Lippert; Kostüme: Thomas Kaiser) durch nichts beglaubigte Effekthascherei.
Die Solisten können immer noch viel, aber nicht ihr Bestes geben. Das Publikum feierte Tristan Stephen Gould und Isolde Petra Lang ausgiebig. Beide sind mit ein paar darstellerischen und stimmlichen Defiziten solide Wagnersänger, die der wunderbare Bassist René Pape als König Marke spielerisch in den Schatten stellt und mit dem noch tiefer sitzenden gelben Hut vielleicht sein Unbehagen an der absurden Figurenzeichnung seiner Rolle ausdrückt.
Durchgängig Glanzpunkte setzten für mich an diesem Abend nur Christian Thielemann und das Festspielorchester. Für so viele Feinheiten und zeitlos scheinenden Schwebezustand, für so viel rasante Steigerungen und Leidenschaft bei gleichzeitig kluger Übersicht und großer Linie muss man schlichtweg dankbar sein.


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