Bayreuth
Eishockey

Wie bei den Bayreuth Tigers aus Gewinnern Verlierer wurden

Nach ihrem steilen Aufstieg durchleben die Bayreuth Tigers ihre erste sportliche Krise - begleitet von viel Streit und einem großen personellen Umbruch.
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Trainer Sergej Waßmiller (links) und Teammanager Dietmar Habnitt prägten über Jahre die sportlichen Geschicke der Bayreuth Tigers. Nun musste das Duo gehen - allerdings nicht im Guten.  Foto: Peter Mularczyk
Trainer Sergej Waßmiller (links) und Teammanager Dietmar Habnitt prägten über Jahre die sportlichen Geschicke der Bayreuth Tigers. Nun musste das Duo gehen - allerdings nicht im Guten. Foto: Peter Mularczyk
Die Bayreuth Tigers schrieben seit der Gründung im Jahr 2006 eine Erfolgsgeschichte. Sportlicher Höhepunkt war 2017 der souveräne Klassenerhalt in der zweithöchsten deutschen Liga. Doch ein Jahr später folgte der sportliche Abstieg. Streit, Missgunst und gegenseitige Vorwürfe bestimmen nun das Szenario. Beim erfolgsgewöhnten Verein gibt es aktuell keine Gewinner.

"Unsere Stärke in Bayreuth war immer der Zusammenhalt. Wir waren eine große Familie aus Fans, Spielern, Betreuern, sportlicher Leitung und Vereinsführung", sagt Sebastian Mayer. Er war stets Teil dieser Familie, lernte in Bayreuth das Eishockeyspielen und blieb den Vereinen seiner Heimatstadt - mit Ausnahme einer Saison - immer treu. "Eigentlich wollte ich meine Karriere in Bayreuth beenden", sagt Mayer. "Aber noch eine Saison tue ich mir das nicht an."


Galionsfigur muss gehen

Der Wechsel des 33-Jährigen steht fest. Auch sein langjähriger Reihenkollege Andreas Geigenmüller (seit 2010 bei den Tigers) geht. Mayer und Geigenmüller werden wohl nicht die letzten Identifikationsfiguren der vergangenen Jahre sein, die den Tigers den Rücken kehren.

Was zum Großteil mit der Demission der langjährigen Galionsfigur des Bayreuther Eishockeys zusammenhängt: Dietmar Habnitt hat maßgeblichen Anteil am Erfolg der Tigers. Der Teammanager schenkte Spielern wie Mayer, Geigenmüller, Jozef Potac (seit 2010), Michal Bartosch (seit 2010), Ivan Kolozvary (seit 2013) und Christopher Kasten (von 2012 bis 2017) das Vertrauen. Er war Ziehvater für diese Spieler und baute um sie herum eine schlagkräftige Mannschaft auf.

Der 59-Jährige setzte im schnelllebigen Eishockeygeschäft erfolgreich auf Konstanz - auch auf der Trainerposition. Der scheidende Coach Sergej Waßmiller (seit 2011) führte die Tigers von der Bayernliga in die DEL2.

Habnitt erfuhr aus einer Pressemitteilung, dass das Geschäftsführer-Ehepaar der Spielbetriebs-GmbH, Margrit und Matthias Wendel, nicht mehr mit ihm als Teammanager plant. Die Begründung: Die Kommunikation zwischen Trainer/sportlicher Leitung und dem Team sei schwierig bis nicht vorhanden gewesen.

Habnitt war geschockt und überrascht - und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Der ehemalige Bayreuther Erstliga-Torhüter, in der Vergangenheit stets ein Mann klarer und offener Worte, will sich nicht zur aktuellen Situation äußern.


Trainer kämpft um seinen Ruf

Ganz im Gegenteil zu Waßmiller. "Die vielen falschen Darstellungen über Dietmars und meine Arbeit kann ich nicht unkommentiert stehen lassen", schreibt der Ex-Coach in einem öffentlichen Brief. Eine Grundlage des jahrelangen Erfolgs sei gewesen, dass sich die Vereinsspitze nicht in sportliche Angelegenheiten eingemischt hätte. "Das hat sich im Sommer 2017 massiv verändert", sagt Waßmiller in Richtung GmbH-Geschäftsführung und nennt zahlreiche Beispiele.

So hätten vor der Saison - gegen seinen Wunsch - die Leistungsträger Christopher Kasten und Marcus Marsall keine Verträge mehr erhalten. Allgemein sei der Kader zu dünn gewesen. Gestandene Spieler seien wegen fehlender Unterkünfte zeitweise in Jugendherbergen untergebracht gewesen oder hätten bei Teamkollegen auf der Couch übernachten müssen. Das Material sei rigoros reglementiert gewesen. "Gegen Ende der Saison waren keine Pucks mehr vorhanden", sagt Waßmiller. "Das sucht in der Branche sicher seinesgleichen." Der Trainer vermutet deshalb, dass das für die DEL2 nötige Budget nicht vorhanden war.

Der nächste Punkt in Waßmillers langer Liste: "Teilweise in der Art und Weise völlig unangemessene, persönlich vorgetragene Kritik der Geschäftsführung an einzelnen Spielern oder ihren Beratern waren an der Tagesordnung." Das habe die Autorität der sportlichen Leitung wiederholt untergraben. Waßmiller betont: "Das Verhältnis zwischen Team und sportlicher Leitung war nie so negativ, wie es jetzt von der Geschäftsführung dargestellt wird."


Keine Meuterei der Spieler

Das bestätigt Sebastian Mayer. Er berichtet von einem Treffen der Mannschaft mit dem Ehepaar Wendel - ohne Habnitt und Waßmiller. "Es wurde offen diskutiert", sagt der Verteidiger. "Aber es gab mit Sicherheit keine Meuterei der Spieler gegen die sportliche Leitung. Mittlerweile gehen jedoch so viele Gerüchte rum. Man weiß ja selbst nicht mehr, was man glauben soll."

Zudem nennt der langjährige Spieler eine weitere - und für ihn entscheidende - Baustelle im Konstrukt der Bayreuth Tigers: das Verhältnis zwischen Stammverein und GmbH. Eine Zusammenarbeit zwischen Vereinsvorstand und GmbH-Geschäftsführung gebe es nicht. Den DEL2-Spielern, die in der Vergangenheit immer wieder als Trainer im Jugendbereich tätig waren, wurde jegliches Engagement für den Stammverein untersagt. "Das haben viele als sehr negativ empfunden", sagt Mayer. Waßmiller ergänzt, dass Nachwuchsspieler selbst bei größten Personalproblemen im DEL2-Trainingsbetrieb nicht aushelfen durften.


Großer Imageschaden

"In den letzten eineinhalb Jahren sind auf so vielen Ebenen persönliche Differenzen aufgetaucht", fasst Mayer zusammen. "Ich gebe niemandem die Schuld, aber das Traurige daran ist: Die Probleme sind alle hausgemacht." Er ist fest davon überzeugt, dass der DEL2-Klassenerhalt möglich gewesen wäre, wenn alle Parteien an einem Strang gezogen hätten. "Der Imageschaden für das Bayreuther Eishockey ist jetzt natürlich enorm. Aktuell gibt es nur Verlierer, der größte ist der Eishockeystandort Bayreuth."

Zu den Gescheiterten zählt auch Margrit Wendel. Die GmbH-Geschäftsführerin hat nach teils massiver öffentlicher Kritik an ihrer Personihr Amt Anfang Mainiedergelegt. Sie reiht sich bei den vielen Abgängen ein.

Von den prägenden und einflussreichsten Tigers-Offiziellen der vergangenen Jahre im sportlichen und administrativen Bereich ist somit nur noch Matthias Wendel übrig - und auf den nun alleinigen GmbH-Geschäftsführer wartet auf allen Ebenen viel Arbeit.


Matthias Wendel plant Neuanfang und geht auf Fans zu


Matthias Wendel ist der letzte verbliebene starke Mann bei den Bayreuth Tigers - und will das auch bleiben. Der GmbH-Geschäftsführer spielt nicht mit Rücktrittsgedanken, plant intensiv die kommende Saison und ist von einer positiven Entwicklung überzeugt.

"Sicherlich machen wir aktuell bei den Tigers eine schwierige Situation durch", sagt Wendel. "Aber es ist nicht die schwerste Krise in der Vereinsgeschichte." Schließlich hätten die Tigers - im Gegensatz zur Vergangenheit - keine finanziellen Probleme. Die Pleite drohe nicht. Bereits die abgelaufene Saison habe auf "soliden finanziellen Füßen gestanden".

Vorwürfe, dass das nötige DEL2-Budget nicht vorhanden gewesen und es deshalb zu finanziellen Engpässen gekommen sei, sind für den GmbH-Geschäftsführer aus der Luft gegriffen: "Diese Gerüchte und Vorwürfe sind Blödsinn. Wir waren stets liquide." Die Saison sei finanziell nach Plan gelaufen. Einzig der massive Einbruch bei den Zuschauerzahlen habe ein Finanzloch gerissen, das mit Stammkapital der GmbH abgefangen worden sei.

Weitere Fragen zur abgelaufenen Saison lässt Wendel nicht zu: "Ich bin es leid, in der Vergangenheit zu wühlen. Der Blick muss in die Zukunft gehen - und da ist jetzt auf allen Ebenen der richtige Zeitpunkt für einen kompletten Neuanfang gekommen."

Finanziell stehen die Tigers nach Auskunft Wendels gut da. Die GmbH habe keine Verbindlichkeiten. "Wir starten die neue Saison bei null und haben durch die Erhöhung des GmbH-Stammkapitals um 120 000 Euro sogar einen Puffer." Zudem sei schon "Kapital für die neue Saison eingesammelt" worden.

Zwar besteht noch eine kleine Chance auf das Nachrücken in die DEL2, doch die Tigers planen zu "90 Prozent" für die Oberliga. In dieser Woche soll der neue Trainer vorgestellt werden. Den Namen verrät Wendel nicht. Auch ob der neue Coach in Personalunion sportlicher Leiter wird, lässt er offen.


Runderneuerter Kader


Sicher ist dagegen, dass der Trainer eine neue Mannschaft zusammenstellen muss. Kein Spieler der Vorsaison hat einen gültigen Vertrag für die Oberliga. "Mit etwa zehn unserer bisherigen Spieler sind wir in Gesprächen", lässt Wendel durchblicken, gibt aber keine Wasserstandsmeldung ab. Dass viele Identifikationspersonen der vergangenen Jahre die Tigers verlassen, bereitet ihm keine Sorgen.

Neue Liga, neuer Trainer, neuer Kader - und in einem weiteren Punkt strebt Wendel einen Neuanfang an: "Die atmosphärischen Störungen und die Streitigkeiten im Umfeld der Tigers gehören der Vergangenheit an." Schließlich seien viele wichtige Positionen neu besetzt.


Zusammenarbeit mit Stammverein soll belebt werden


Auch die zuletzt nicht vorhandene Zusammenarbeit zwischen Stammverein und GmbH will Wendel beleben. Es gebe einen Vermittler, der die beiden Parteien zusammenführen soll und bereits die Gespräche aufgenommen habe.

Und dann sind da noch die Fans der Bayreuth Tigers, die sich in einem öffentlichen Appell an die Gesellschafter für die Ablösung des Ehepaars Wendel an der GmbH-Spitze ausgesprochen haben. "Ich werde auf die Fans zugehen und mit ihnen das Gespräch suchen", sagt Matthias Wendel und betont, dass sich seine massiv in der Kritik gestandene Frau Margrit komplett aus dem Bayreuther Eishockey zurückgezogen hat.


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