Wunsiedel
Festspiele

Luisenburg-Auftakt: Comedian Harmonists überzeugen Publikum

Zum Auftakt der 100. Luisenburg-Festspiele wird die Felsenbühne zur Kulisse für das Berlin der frühen 1930er. Stefan Tilchs Inszenierung der Comedian Harmonists hält geschickt die Balance zwischen musikalischer Leichtigkeit und dem Schrecken der Nazi-Diktatur.
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Mein kleiner grüner Kaktus durfte beim Auftakt der Luisenburg-Festspiele der Comedian Harmonists natürlich nicht fehlen. Foto Miedl
Mein kleiner grüner Kaktus durfte beim Auftakt der Luisenburg-Festspiele der Comedian Harmonists natürlich nicht fehlen. Foto Miedl
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Die "Comedian Harmonists" kennt dank Evergreens wie dem "Kleinen grünen Kaktus" fast jeder. Deren Geschichte und das Berlin zur quirligsten Vorkriegszeit in die Naturkulisse auf der Luisenburg zu versetzen, erscheint freilich als mutiges Experiment - das in der Inszenierung von Stefan Tilch erstaunlich gut gelingt.

Die Felsenbühne eigne sich nur für von der Natur gegebene Stücke, hat Luisenburg-Pionier Fritz Basil vor 100 Jahren festgestellt. Der heutige Intendant Michael Lerchenberg hält die Spielstätte hingegen für "viel moderner und erstaunlich geduldig" - wenn man denn auf die Bühne höre. Jörg Brombachers Bühnenbild macht nun dankenswerter Weise nicht den Versuch, Hochhausschluchten in die Felsen zu pflanzen. Stattdessen sind es schrankhohe Koffer, die sich immer wieder als Wundertüten erweisen, Konzertsäle, Flügel und ganze Amtsstuben beherbergen.
Wenn die Koffertüren roten Samt ausspucken, Pagen Seidebahnen über die Felsen rollen lassen und blaues Licht die perfekt in Schale geworfenen Sänger trifft, entsteht im Handumdrehen Konzertsaalatmosphäre.

Auch akustisch ist die Bühne sicher eine Herausforderung, vor allem im oberen Teil ist die Stimme der Schauspieler stark gefordert. Dem zeigt sich gleich zu Beginn Victor Petitjean als Bass Robert Biberti gewachsen, wenn er über die ganze Bühne zum Vorsingen schlendert und mit seinem Lied nicht nur Harry Frommermann (William Danne) beeindruckt. Überhaupt ist die Wunsiedler Ausgabe der Comedian Harmonists, zu denen sich bald noch Ari Leschnikoff (Paul Hörmann), Erich Abraham Collin (Michael Berner), Roman Cycowski (Johann Anzenberger) und Erwin Bootz (Alexander Lutz) gesellen, gesanglich wie tänzerisch ausgezeichnet besetzt (musikalische Leitung: Jörg Gerlach). Der Erfolg dieser frühen Boyband begründete sich auf zwar meist nicht tiefschürfenden, aber witzig-originellen Texten (Wer wollte nicht manchmal, er wäre ein Huhn?) und auf einem frischen, frechen, manchmal frivolen Lebensgefühl, das auf der Luisenburg wiedererweckt wird.

Freilich ist die Fröhlichkeit dieser Zeit auch ein Tanz auf dem Vulkan. Und als die Nazis an die Macht kommen, haben die Comedian Harmonists keine Zukunft, wird die Gruppe in Arier und Juden zerlegt - trotz Collins bitterem Bekenntnis: "Erst die Nazis haben mich zum Juden gemacht." Insofern ist das Stück auch exemplarisch für den Verlust, den das deutsche Kultur- und Geistesleben in den 1930ern "aus rassepolitischen Gründen" erlitten hat. Immer wieder flammt in den Szenen jüdischer Witz auf - der mit der Trennung der Harmonists verstummt.

Dass das Premierenpublikum nicht mit einem "Unhappy Ending" und dem melancholischen "Letzten Abschiedskuss" verabschiedet wird, hat es sich selbst zu verdanken. Denn minutenlange stehende Ovationen führen nicht nur zu für die Zugaben wiedervereinten Comedian Harmonists, sondern fast schon zu einem (kalkulierten) "Zusatzkonzert" nach dem eigentlichen Stück. "Ich wollt, ich wär ein Huhn" und "Isabella von Kastilien" vertreiben in urkomischer Choreographie (Sebastian Eilers) trübe Gedanken. Was wiederum erklärt, wie diese Art von Musik damals wie heute so erfolgreich sein konnte.

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