Bayreuth
Richard Wagner-Festspiele

"Lohengrin"-Premiere: Bayreuths neuer Superstar

Der Tenor Klaus Florian Vogt wurde am Freitag nach der "Lohengrin"-Premiere auf dem grünen Hügel in Bayreuth mit stehenden Ovationen gefeiert.
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Susan Maclean (Ortrud), Klaus Florian Vogt (Lohengrin) Annette Dasch (Elsa) und Wilhelm Schwinghammer (König Heinrich).  Fotos: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath.
Susan Maclean (Ortrud), Klaus Florian Vogt (Lohengrin) Annette Dasch (Elsa) und Wilhelm Schwinghammer (König Heinrich). Fotos: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath.
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Opernstars sind nicht einfach Opernstars. Sie wurden und werden gemacht - von nimmersatten Künstleragenturen, Intendanten, Tonträgerkonzernen, Medien und nicht zuletzt dem Publikum. Ob sie das künstlerische Potenzial dazu haben, ob sie es halten und ausbauen können, ist eine andere Frage. Deshalb war die "Lohengrin"-Premiere am Freitag ein denkwürdiger Abend: Der Tenor Klaus Florian Vogt ist Bayreuths neuer Superstar und wurde zu Recht wieder mit stehenden Ovationen gefeiert. Er ist stimmlich in bestechender Form und aktuell in jeder Hinsicht ein idealer Schwanenritter.

Fast die ganze Aufführung lang habe ich immer wieder an Thomas Mann denken müssen, an dessen "Lohengrin"- und Wagner-Passion, die entscheidend geprägt wurde durch Wagner-Vorstellungen in der Saison 1892/93, als der Gymnasiast am Lübecker Stadttheater den Tenor Emil Gerhäuser "in seiner Stimme Maienblüte" erleben durfte. Gerhäuser war damals erst 24 Jahre alt, sang kleinere Rollen bereits in Bayreuth und verbuchte dort 1894 als Lohengrin-Einspringer einen Sensationserfolg.

Mehr Volumen in der Stimme


Klaus Florian Vogt ist keine 24 mehr, sondern ein gestandenes Mannsbild. Er befindet sich mit dem Gros seiner derzeitigen Partien und besonders als Lohengrin deutlich hörbar "in seiner Stimme Maienblüte". Seit seinem Hügel-Debüt 2007 als Stolzing hat seine helle, ursprünglich fast knabenhaft timbrierte Tenorstimme an Farb- und Gestaltungsnuancen und vor allem auch an Volumen zugelegt. Wenn er voll aussingt - nur im 1. Akt tat er des Guten fast ein bisschen zuviel - ist man schlichtweg überwältigt und erlebt, wie einst Thomas Mann "Stunden voll Schauern und Wonnen".

Mit seiner schlanken Statur und den langen Haaren löst Vogt als Titelheld in der brillanten "Lohengrin"-Inszenierung von Hans Neuenfels gleich noch eine Thomas-Mann-Assoziation aus: Er wirkt wie eine erwachsene Version des Knaben Tadzio in Luchino Viscontis Verfilmung der Novelle "Der Tod in Venedig". Was wiederum nicht nur zum ätherischen "Lohengrin"-Vorspiel passt, sondern der Hauptfigur eine zusätzliche neue Facette gibt, auch wenn der Schwanenritter hier vom Regisseur als ein ganz normaler Mann angelegt wurde.

Elsa mit großer Bühnenpräsenz


Und dieser Mann sehnt sich - Sendungsbewusstsein hin oder her - erkennbar nach einer Frau. Annette Dasch als Elsa ist ihrem Kollegen leider nur als präzise, vielfältig differenzierende Darstellerin mit großer Bühnenpräsenz gewachsen. Sängerisch erscheint sie jetzt, da Klaus Florian Vogt heldentenoral aufzublühen beginnt, einfach zu schwach, selbst wenn die Akustik des Festspielhauses etwas kleinere Stimmen durchaus tragen und begünstigen kann. Davon profitiert vor allem der Bariton Thomas J. Mayer, der als Telramund beeindruckend in Bayreuth debütierte, auch wenn er nicht jeden Ton richtig traf. Der Bassist Wilhelm Schwinghammer als König Heinrich hingegen blieb schlichtweg zu blass.

Bleiben noch zwei Solisten, die in dieser Festspielsaison womöglich öfter auftreten, als es für deren Stimmen gut sein kann: Die in den Höhen überforderte Susan Maclean singt ja nicht nur sechsmal Ortrud, sondern ebenso oft Kundry in "Parsifal". Und der Bariton Samuel Youn ist zwar mit seinen sechs Heerrufer-Auftritten bestimmt nicht überfordert, aber die ungeplant hinzugekommene Titelrolle im "Fliegenden Holländer" muss er insgesamt auch sechsmal absolvieren.

Musikalisch stand der Abend zunächst unter keinem guten Stern. Schon der fragile Beginn der Ouvertüre wurde vergeigt, auch während der Aufführung wackelte immer mal wieder die Koordination zwischen Solisten-, Chor- und Instrumentenstimmen. Aber wahrscheinlich war es vor allem im Orchestergraben einfach zu heiß. Andererseits gelang vieles atemberaubend schön. Wann je hat man einen derart plastischen Bläserklang bei der Verwandlung vom Brautgemach zur Schlussszene gehört wie jetzt unter dem Dirigenten Andris Nelsons?

Verführbar sind nur Menschen


Nur die in einem Labor spielende Inszenierung (Ausstattung: Reinhard von der Thannen) spaltet das Publikum noch immer. Dabei spiegeln die befremdlich als Ratten verkleideten Choristen nicht nur die Verhaltensweisen einer Volksmasse, sondern brechen Handlung und Musik immer wieder erfrischend mit einer Heiterkeit, die erst beim Weiterdenken verfliegt. Wenn die Ratten Nr. 62 und 63 sich nach ihrer erfolgreichen Revolte abklatschen, freut sich jeder mit. Aber sind sie nicht die einzigen?

Indem das Rattenvolk seine Tierattribute schrittweise ablegt und sich am Ende - gewissermaßen oben ohne im Kopf - vollauf dem neuen, wenig Gutes verheißenden Herrschersystem ergibt, verweist es genau auf jene folgenreiche Verführbarkeit, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Götterdämmerung eines furchtbaren Reichs geführt hat, das bekanntlich Nahrung und Widerhall auch und gerade in Bayreuth, am Grünen Hügel und in Wahnfried fand.

Womit wir wieder bei Thomas Mann wären, der in seiner Wagnerliebe und -kritik sehr genau unterschied zwischen der Person Wagner, dessen Schriften und Theorien sowie dem kompositorischen Werk. Seine Kunst beispielsweise, schreibt "Lohengrin"-Regisseur Hans Neuenfels in einem kurzen, aber gehaltvollen Programmheftbeitrag, brauchen wir heute "als Erinnerung, als Hinweis. Als Gift zur Hellsicht, nicht zur Betäubung."
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