Bayreuth
Wagner-Festspiele

Lohengrin: Es gibt ein Opernglück ohne Reu'

Mit einem fulminanten "Lohengrin" endet der Premierenzyklus bei den diesjährigen Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth.
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Lohengrin, 3. Akt. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
Lohengrin, 3. Akt. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Wie gefährlich Bayreuth sein kann, erlebte Dirigent Andris Nelsons während der Probenzeit. Beim Zusammenprall mit einer ihm entgegen schwingenden Tür zog sich der 34-jährige, aus Riga stammende neue Chef des Boston Symphony Orchestra eine Gehirnerschütterung zu, musste für ein paar Tage ins Krankenhaus und ein geplantes Dirigat in Tanglewood absagen. Am Freitag war er aber wieder topfit und sorgte pünktlich zum Schluss des Premierenreigens am Grünen Hügel für wundersam jenseitige, traumselige, mitreißende und todtraurige "Lohengrin"-Klänge.

Außer der vorübergehenden Krankmeldung des musikalischen Leiters gab es bei dieser Festspielproduktion keine Irritationen. Und vor allem wurde und wird niemand sonst ernstlich vor den Kopf gestoßen.
Denn die Inszenierung, die bei der Premiere 2010 noch lautstarke Missfallenskundgebungen und Zwischenrufer auf den Plan rief, ist inzwischen ohne maßgebliche Veränderungen auch beim breiten Publikum längst als jener Glücksfall angekommen, der sie seit inzwischen vier Festspielsommern ist: ein Wagnerabend wie aus einem Guss.

Warum bei den Jubiläumsjahr-Festspielen nur die älteste Produktion Ovationen auslöst, hat mehrere Gründe. Zum einen ist der inzwischen 72-jährige Hans Neuenfels unter den aktuellen Festspielregisseuren der einzige erfahrene Opernpraktiker, der weiß, wann, wo und wie die Szene die Musik unterlaufen kann, darf, soll oder muss - und wann nicht. Seine mit hinreißenden Ratten und lädierten Menschen bevölkerte Laborsituation (Bühne und Kostüme: Reinhard von der Thannen) ist unvermindert große Opernkunst - poetisch, politisch, psychologisch und abstrakt heutig.

Die Ratten sind nicht nur niedlich

Hier trifft unter anderem auf beglückende Weise das Erhabene aufs Lächerliche. Und spätestens beim zweiten Sehen entdecken die Zuschauer, dass die Ratten nicht nur zum Anbeißen sind. Sondern durchaus zu denken geben. Das Gottfried-Monstrum, das am Schluss aus dem Schwanenei gepellt wird, hat sich das brabantische Volk redlich verdient - durch zunehmende Anpassung, Mitläufertum und Unterwürfigkeit, durch braves und bedenkenfreies Funktionieren in einem Überwachungsstaat, der seines klinischen Wachpersonals kaum noch bedarf.

Der Abend ist auch deshalb so glanzvoll, weil das Solistenensemble fast konstant geblieben ist und sich weiter entwickeln konnte. Dass Jonas Kaufmann, der 2010 die Titelfigur gab, im darauffolgenden Jahr von den Wagnerschwestern nicht mehr engagiert wurde, nur weil er für eine einzige Hauptprobe (!) nicht zur Verfügung stand, ist unabhängig von Geschmacksfragen in jedem Fall eine eklatante Fehlentscheidung: Sie bedeutet, dass den Festspielen insgesamt ein sehr guter und somit rarer Heldentenor weniger zur Verfügung steht.

Ovationen für Klaus Florian Vogt

Der Tenor Klaus Florian Vogt, der 2007 als Stolzing in Katharina Wagners "Meistersingern" debütierte und 2011 den Lohengrin übernahm, ist zweifellos ein überragender Titelprotagonist. Seine früher nur knabenhaft helle Stimme ist etwas männlicher geworden, hat an Glanz und Durchschlagskraft gewonnen - auch darstellerisch ist er ein idealer Lohengrin. Annette Dasch ist inzwischen hörbar ganz bei der Elsa-Partie angekommen, Petra Lang war schon bei ihrem Debüt auf Anhieb eine furiose Ortrud. Als Heerrufer zeigt sich Samuel Youn souverän.

Wilhelm Schwinghammers Bass ist auch im zweiten Jahr für den König Heinrich eine Nummer zu klein. Thomas J. Mayer hat womöglich in letzter Zeit zu viel gesungen, denn sein Telramund nähert sich stimmlich gefährlich dem in der Cosima-Ära gepflegten Wagnergebell.

Der von Eberhard Friedrich einstudierte Festspielchor ist einfach famos, dass die Streicher des Festspielorchesters ausgerechnet beim zarten Flirren der Ouvertüre patzten, war sicher auch der Hitze geschuldet. Ansonsten strömt unter Andris Nelsons eine musikalische Qualität aus dem Graben, die, wie den Abend frei nach Elsa perfekt macht: "Es gibt ein Glück, das ohne Reu'."

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