Tobias Prange läuft die Mauer hoch, als ob sie unsichtbare Treppen hätte. Seine Hände schießen an den Sims. Ein Armzug und er steht oben. Zwei Meter über der Erde. "Mickey Mouse", sagt der 29-Jährige über die Mauer. Der Designlackierer aus Neusorg trainiert mitten in Bayreuth Parkour. Er nennt es "Die Kunst effizienter Fortbewegung". Nicht viele Menschen sind bei Schneesturm auf der Straße. Aber er läuft die Mauern hoch. "Parkour ist kein Schönwetter-Sport", sagt Prange.

Er hüpft, kreist seine Handgelenke und geht in die Knie. Lockerungsübungen für verletzungsfreie Bewegungen. Beim Erzählen macht er eine Kniebeuge auf einem Bein. "Probieren Sie das mal selber aus", sagt er.
Der 1,86 Meter große Mann wirkt schlaksig. Lässige Kleidung verbirgt seinen trainierten Körper. Seine Kraft kommt erst zum Vorschein, wenn er Mauern erklimmt. "Explosionskraft ist wichtig".

Er springt aus dem Stand und landet präzise auf dem Bordstein. Rund zwei Meter weit dürfte er geflogen sein. "Präzisionssprünge sind eine wichtige Grundlage", sagt Prange. Erst auf den Bordstein, später dann auf Geländer. Seit fünf Jahren betreibt er diesen Sport. "Ich mag den Begriff Sport nicht. Parkour muss eine Lebenseinstellung sein, sonst zerstört man sich". Mit zwei Freunden gründete er die Squirrels, das heißt Eichhörnchen. Eine Mannschaft? Klassische Begriffe des Sports, wie Wettkampf oder Vergleich spielen in der Welt von Prange keine Rolle. "Jeder trainiert seine eigenen Fähigkeiten. Ziel ist es nicht sich mit anderen zu messen, sondern den eigenen Körper richtig einzuschätzen".





Entwickelt hat Parkour in den 1980er Jahren der Franzose David Belle. Von seinem Vater, einem Soldaten, lernte er in den Wäldern Nordfrankreichs eine auf Effizienz ausgelegte Fortbewegung und passte diese an die Stadt an.
Prange nimmt wieder Anlauf. Zwei Schritte die Wand hinauf. Der Griff auf den Sims. Fehlversuch. Der Schnee hat die Mauer rutschig gemacht. Trotzdem: Sichere Landung auf dem Boden. Die Sprünge, das Klettern und Abrollen sehen gefährlich aus.
"Wichtig ist es das Risiko im Rahmen zu halten. Am Anfang hab ich es auch übertrieben". Parkour nur als coolen Sport zu sehen findet er gefährlich. "Viele Kids sehen Parkour Videos auf Youtube und wollen die krassen Sachen nach machen."

Er bewegt sich wieder Richtung Mauer. Nimmt Anlauf und verschwindet dahinter. "Es ist alles Physik", sagt er. Hat alles mit Kraft zu tun. Egal, ob man gerade aus läuft oder eben die Wand hoch: Dann müsse man die Kraft eben nach oben lenken. Vor dem Training schaut er nach Glasscherben oder anderen Gefahren und räumt diese weg. Die Squirrels wollen niemanden stören und nichts kaputt machen. Deshalb trainiert er nur ungern mit speziellen Kletterschuhen, die Abrieb hinterlassen können.

Die Mauer im Kopf überwinden

Vor Parkour war er auf Inlineskates unterwegs und nahm jedes Geländer mit. Seine Knie hatten schon Schaden genommen. "Durch Parkour geht es mir körperlich wieder super. Wenn man eine drei Meter hohe Mauer mit Leichtigkeit überwinden kann, hilft das auch bei anderen Barrieren im Leben".
Wenn Prange wollte, könnte er jedem Verfolger entkommen. "Das ist der Grundgedanke von Parkour. Sich auf eine Fluchtsituation vorzubereiten." Den Bus hat er so schon des öfteren im letzten Moment erreicht.

"Für den Start ist es am wichtigsten Kontakt zu Aktiven aus der eigenen Region herzustellen und sich helfen zu lassen", sagt Andreas Müller vom Verein Free Arts of Movement. Der Verein veranstaltet Parkour-Workshops in vielen bayrischen Städten und arbeitet mit dem bayrischen Turnverband zusammen. "Wir vertreten einen gesundheitsorientierten Parkour. Möglichst effiziente Bewegungen, aber Sprünge aus großer Höhe auf Dauer vermeiden". Effizienz und eine gesunde Risikoeinschätzung sind auch für Müller die wichtigsten Parkour-Regeln. Er schätzt die Zahl der aktiven Traceure in Bayern auf vier bis fünfhundert.
Prange nimmt seine Umgebung so, wie sie ist, keine Klage über das schlechte Wetter. Manchmal hat er diesen innerlichen Drang. "Jetzt muss ich raus, sonst krieg ich die Krise." Parkour kann er überall machen.


Begriffe
Parkour frz. parcours: der Lauf, der Kurs

Traceur frz. Anreißer; frei übersetzt: "der den Weg ebnet"