Bayreuth
Forschung

Herzgewebe und Beschichtung für Silikonbrüste: Wie Bayreuther Wissenschaftler Spinnenseide nutzen

Spinnenseide hat viele Vorteile - auch im menschlichen Körper: Wie Bayreuther Wissenschaftler das Gewebe in der Medizin nutzen.
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Thomas Scheibel forscht an der Bayreuther Uni an der medizinischen Nutzung von Spinnenseide.  Foto: Adriane Lochner/dpa
Thomas Scheibel forscht an der Bayreuther Uni an der medizinischen Nutzung von Spinnenseide. Foto: Adriane Lochner/dpa

Silikonbrüste im Spinnennetz: Seit einem halben Jahr laufen in Österreich, Italien und Holland Frauen herum, deren Brustimplantate mit einem besonderen Stoff beschichtet sind: Spinnenseide. Sie wird nicht als Fremdkörper erkannt und verhindert eine Immunreaktion, die oft zu schmerzhaften, entzündeten Verkapselungen führt. "Bei Brustkrebspatientinnen ist das besonders häufig, weil der Körper ohnehin geschwächt ist", erklärt Thomas Scheibel. Dem Bayreuther Professor zufolge muss bei diesen Frauen jedes vierte Implantat wieder entfernt werden, bei gesunden Frauen jedes zehnte. Das soll sich mit der Bayreuther Neuentwicklung ändern. "Die Technologie ist seit zehn Jahren fertig." Es dauert allerdings, die Zulassung für den europäischen Markt zu bekommen. Ende 2018 begann die Sicherheitsstudie, für die sich Frauen freiwillig melden konnten. "Danach kommt noch mehr Papierkram", sagt der Forscher.

Biomaterialien im 3D-Drucker

Scheibel hat den Lehrstuhl für Biomaterialien inne. "Ich war vorher an großen Unis: der Universität Chicago und der TU München. Aber ich hatte noch nie so gute Forschungsbedingungen wie in Bayreuth. Wir machen nicht alles, aber was wir hier machen, ist richtig gut."

Der Biochemiker schwärmt von fantastischer Ausstattung, von kurzen Wegen, multidisziplinärer Forschung - und von seinen Spinnen: der australischen Radnetzspinne und ihren Kolleginnen von den Philippinen und aus dem kolumbianischen Regenwald. "Wir arbeiten auch mit der europäischen Gartenspinne. Aber wir wollen wissen, welchen Einfluss extreme Umgebungen auf die Spinnenseide haben." Das Material wird analysiert und dann künstlich hergestellt.

Spinnenseide - ein besonderer Stoff

Spinnenseide ist steril, antibakteriell, belastbarer als alle bekannten Fasern und recycelbar. Scheibel nutzt sie als Werkstoff im 3D-Druckverfahren. Die Spinnseidenmoleküle werden dafür mit lebenden Zellen des Patienten zu einer "Biotinte" kombiniert und als funktionierendes Zellmaterial "gedruckt".

Gerade wird daran gearbeitet, nach einem Infarkt defekte Stellen im Herzgewebe passend aufzufüllen. Scheibel spinnt den Gedanken weiter: Implantate aus Biotinte, individuell auf den Patienten abgestimmt. Irgendwann Organe. Ein Herz nicht nur aus menschlichen Zellen - sondern auch aus Spinnenseide.

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