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Bayreuth
Prozess

Gutachter soll sich im Fall Peggy selbst widersprechen

Er hatte Ulvi Kulac des Mordes an Peggy für schuldfähig erachtet - und tut es wieder: Der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber bleibt bei seiner Einschätzung. Dabei, so behaupten die beiden Journalisten Ina Jung und Christoph Lemmer, soll der Gutachter vor der Wiederaufnahme dem Landgericht Bayreuth das Gegenteil zugesagt haben.
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Ulvi Kulac 2003 bei seinem ersten Prozess im Hofer Gerichtssaal. Am 10. April, fast zehn Jahre nach dem Schuldspruch, wird das Verfahren gegen den geistig behinderten Mann vor dem Landgericht Bayreuth neu aufgerollt.  Foto: Marcus Führer,dpa/Archiv
Ulvi Kulac 2003 bei seinem ersten Prozess im Hofer Gerichtssaal. Am 10. April, fast zehn Jahre nach dem Schuldspruch, wird das Verfahren gegen den geistig behinderten Mann vor dem Landgericht Bayreuth neu aufgerollt. Foto: Marcus Führer,dpa/Archiv
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Gleich zu Beginn: die Ankündigung einer "ungewöhnlichen Wendung mit Brisanz" im Fall Ulvi Kulac. Ina Jung und Christoph Lemmer sitzen am Mittwoch im Hotel Bayerischer Hof in Bayreuth hinter einem Tisch, ihr Buch "Der Fall Peggy: Die Geschichte eines Skandals" und ein Dutzend Journalisten vor sich. In der Hand: die Erweiterung, noch als günstige Schnell-Pressung und ohne Seitenzahlen. Der Fall schlug gerade in den vergangenen Monaten laufend Haken, da erfordert eine schnelle Reaktion auf gedrucktem Papier ungewöhnliche Maßnahmen. Nur der neue Untertitel verrät, worum es geht: "Die Wiederaufnahme".

Gemeint ist das Verfahren gegen Ulvi Kulac, fast genau vor zehn Jahren schuldig befunden des Mordes an dem Lichtenberger Mädchen. In sieben Tagen wird der Fall neu aufgerollt. Die beiden Journalisten Jung und Lemmer bekunden, sie gehen von einem Freispruch aus. Das wäre freilich nicht neu und zu behaupten mittlerweile, nach allen Recherchen von Medien und Privatleuten, auch nicht mehr ganz abwegig. Zu viel Ungereimtheiten türmen sich im Mordfall ohne Leiche.


Eher Absicht als Justiz-Irrtum

"Es ist kein Justiz-Irrtum", sagt Lemmer. Und Jung ergänzt: "Für einen Irrtum, der ja von vermeintlichen Fehlern ausgeht, sieht zu viel nach Absicht aus." Nach Methode der Justiz und der Ermittlungsbehörden also; mit gedemütigten und teils unterschlagenen Entlastungszeugen und absolut fraglichen Verhörmethoden des Lichtenbergers Kulac, der am 7. Mai 2001 die neunjährige Peggy Knobloch nach eigener - und später zurückgezogener - Einlassung erdrosselt habe.

Nun das neue Verfahren. Nicht in Hof, sondern diesmal am Landgericht Bayreuth. Ob es "sauberer" verläuft? Die Journalisten hegen Zweifel. Und in dem Zusammenhang rücken sie auch mit ihren neuen Erkenntnissen raus, die sie für brisant genug erachten, um eine Pressekonferenz abzuhalten. Im Mittelpunkt steht Michael Eckstein, der als Richter das Verfahren leiten wird. Ferner der Gutachter des neuerlich Angeklagten Kulac: der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber.

Kröber hatte schon 2004 den geistig behinderten Ulvi, Sohn eines Gastwirtehepaars, untersucht und war zu dem Ergebnis gekommen: Der Mann mit dem IQ eines Kindes hat ein glaubwürdiges - und damit verwertbares - Geständnis über sein angebliches Verbrechen an Peggy abgelegt. Schenkt man den Aussagen von Jung und Lemmer sowie ihren "gut unterrichteten", aber gestern nicht namentlich genannten Informanten Glauben, dann spinnt sich im Vorfeld der prozessualen Neuauflage ein Disput ab zwischen Richter und Sachverständigem.
Lemmer greift zum Sonderdruck: "Wir haben glaubhafte Aussagen aus dem engsten Umfeld des Gutachters, dass das Gericht in Bayreuth mit dem Psychiater dahingehend eindringlich diskutiert haben soll, Kröber solle diesmal zu einem anderen Ergebnis kommen." Der Weg für einen Freispruch. Doch, so der Autor weiter: "Der Gutachter funktioniert offenbar nicht so wie gewünscht, denn uns ist zugetragen worden: Er wird seine Bewertung von 2004 nicht korrigieren, sondern wieder genauso urteilen."


Verschwörungstheoretiker

Das haben die Journalisten entsprechend in einem erweiterten Anhang des Sonderdrucks dargelegt. "Die Details des Gutachtens kennen wir noch nicht. Aber das Ergebnis ist spektakulär: Kröber hält Kulac demnach weiterhin für den Mörder von Peggy." Der Gutachter habe jeden, der Zweifel an seiner Arbeit und der Schuld des Lichtenbergers äußerte, als Verschwörungstheoretiker missbilligt.

Richter Eckstein bestätigte infranken.de, er sei über die Behauptungen der Journalisten unterrichtet worden. Er könne aber nichts sagen, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt. Fest steht: Der erste Prozesstag bekommt zusätzliche Brisanz.