Bayreuth
Berufswahl

Globalisierung bringt Chancen für Übersetzer

In Ostoberfranken gibt es gut 40 Dolmetscher und Übersetzer. Einfach nur zwei Sprachen zu sprechen, reicht hier als Berufsqualifikation nicht aus. Die zunehmende Globalisierung bietet Dolmetschern aber zusätzliche Berufschancen.
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Die neue BDÜ-Regionalgruppenleiterin Heike Simon (links) und ihre Kollegin Giovanna Valloreo sind beide "Seiteneinsteigerinnen" als Dolmetscher und Übersetzer.  Foto: Schmidt
Die neue BDÜ-Regionalgruppenleiterin Heike Simon (links) und ihre Kollegin Giovanna Valloreo sind beide "Seiteneinsteigerinnen" als Dolmetscher und Übersetzer. Foto: Schmidt
"Wer zweisprachig aufgewachsen ist, kann deshalb noch lange nicht dolmetschen und übersetzen. Hierzu gehört eine umfassende Ausbildung, Spezialisierung in Fachbereichen und stetige Weiterbildung" - Heike Simon, die neue Regionalgruppenleiterin für Bayreuth des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) , und ihre Kollegin Giovanna Valloreo weisen auf den hohen Standard hin, den ihre Berufskolleginnen und -kollegen erfüllen müssen und der sie in allen halbwegs international ausgerichteten Bereichen der Wirtschaft unersetzbar macht.

Ausgebildete Dolmetscher und Übersetzer, die oft auch öffentlich bestellt und vereidigt sind, sind zunächst im öffentlichen Bereich tätig - bei Gerichten und Behörden, für die Polizei, Notare, Rechtsanwälte, aber auch beispielsweise im Standesamt, wenn bei einer Eheschließung einer der Ehepartner kein Deutsch spricht.

Ein großer Tätigkeitsbereich ist aber auch der Bereich der zunehmend internationalisierten Wirtschaft, gerade auch im mittelständischen Bereich. Verhandlungen und die Aushandlung von Verträgen und Vereinbarungen mit ausländischen Geschäftspartnern sind hier ein wichtiger Punkt. Nicht selten fahren oder fliegen dabei die Dolmetscher und Übersetzer mit ihren Auftraggebern auch zu Geschäftsterminen im Ausland. Die Dolmetscher und Übersetzer sind dank ihrer interkulturellen Kompetenz dabei nicht selten auch vermittelnd zwischen den Vertragspartnern tätig.

Viel Fachwissen ist nötig

Im technischen Bereich werden etwa Gebrauchsanweisungen und Aufbauanleitungen für Maschinen übersetzt. "Übersetzer und Dolmetscher müssen in all diesen Bereichen natürlich auch entsprechendes Fachwissen haben, um den hohen Anforderungen ihrer Auftraggeber genügen zu können und keine Fehler zu machen, die schnell sehr teuer werden können", erklärt Heike Simon. Besonders im Trend liegen derzeit die Bereiche erneuerbare Energien und Telekommunikation sowie traditionell in Oberfranken die Automobilzuliefererindustrie.
"Die Berufsbezeichnungen Dolmetscher und Übersetzer sind nicht geschützt. Daher gilt eine BDÜ-Mitgliedschaft als Qualitätssiegel, denn vor Aufnahme in den Verbandmüssen alle Mitglieder ihre fachliche Qualifikation für den Beruf nachweisen", betont die Regionalgruppenleiterin.

Der klassische Weg ist der Nachweis eines erfolgreichen berufsbezogenen Studiums, etwa zum Diplom-Dolmetscher oder Diplom-Übersetzer, oder eine andere, gleichwertige staatlich anerkannte Prüfung. Die deutschen Studien adressen mit dem meisten Renomee für Dolmetscher und Übersetzer sind Heidelberg, Germersheim, Saarbrücken und Leipzig. In der Region gibt es in Erlangen das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde und in Bamberg die Euro-Schulen mit Ausbildung von Dolmetschern und Übersetzern.

"Das A und O ist die Ausbildung, gerade auch in den Bereichen, in denen die jeweilige Sprache angewandt wird. Hierzu bietet der BDÜ eine Reihe von verschiedensten Fortbildungsseminaren. Die technische und rechtliche Sprache ist schließlich eine ganz andere als die Alltagssprache", so Heike Simon.

Immer mehr Seiteneinsteiger

Daher gibt es auch eine zunehmende Zahl von Seiteneinsteigern, die zunächst ein nicht aufs Übersetzen oder Dolmetschen ausgerichtetes Fachstudium vorweisen können, sich aber danach oder während des Studiums entsprechende Kenntnisse in einer oder mehreren Fremdsprachen angeeignet haben. In den BDÜ können Seiteneinsteiger mit akademischem Studienabschluss nach fünf Jahren Berufs erfahrung eintreten.

Heike Simon ist auch selbst eine "Seiteneinsteigerin". Sie studierte in Bayreuth Rechtswissenschaft, weilte schon während des Studiums einige Zeit in Lausanne in der französichen Schweiz und absolvierte am Gericht in Annecy eine Wahlpflichtstation ihrer Ausbildung. Nach dem Studium arbeitete sie am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg.

Anschließend koordinierte sie an der Universität Trier die fachspezifische Fremdsprachenausbildung der juristischen Fakultät. Nach weiteren sechs Jahren in England lernte sie ihren Mann, einen Oberfranken, kennen und zog 1998 wieder nach Bayreuth. Zu dieser Zeit fing sie auch "richtig" mit dem Dolmetschen und Übersetzen in Englisch und Französisch an, absolvierte an der Fachhochschule Magdeburg eine Weiterbildung in Übersetzen und Dolmetschen für Gerichte und Behörden und wurde schließlich allgemein vereidigt und öffentlich bestellt.

Auch Giovanna Valloreo kam als Seiteneinsteigerin in den Beruf. Die gebürtige Italienerin arbeitete eigentlich in leitender Position in der Wirtschaft und wurde 2006 durch Zufall von der Polizei in einer fremdsprachlichen Angelegenheit um Hilfe gebeten.

Neue Leidenschaft entdeckt

"Mit dem Dolmetschen und Übersetzen habe ich eine neue Leidenschaft entdeckt. Ich habe auch eine Zeit lang meine Muttersprache unterrichtet, das lag mir aber nicht ganz so, auch wenn meine Kursteilnehmer immer ihre Begeisterung bekundeten."

Giovanna Valloreo hat sich auf das Dolmetschen und Übersetzen im Wirtschaftssektor, vor allem auf die Bereiche Isolierglastechnik und Logistik, spezialisiert. Zur Fort- und Weiterbildung nutzt sie im Internet angebotene "Webinare" einer Ausbildungseinrichtung in Rom. "Das Dolmetschen und Übersetzen ist in jedem Fall angesichts der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft eine zukunftsträchtige Branche", betont Heike Simon.

Befürchtungen, dass es künftig Computerprogramme geben könnte, die genauso präzise übersetzen wie Menschen, hegt die Regionalgruppenleiterin nicht. "Wer einmal etwas mit Google übersetzt hat, sieht, welcher Schrott herausgekommen ist. Für qualifiziertes Übersetzen und Dolmetschen wird immer der Mensch benötigt werden."


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