Bayreuth
Mordprozess

Mordprozess zu Tötung von Tramperin Sophia: Fernfahrer gesteht Tötung - Diebstahl als Motiv?

Sophia Lösche (28) wollte im Juni 2018 von Leipzig nach Nürnberg trampen. Die Studentin aus Amberg fuhr bei einem Lkw-Fahrer mit - kommt aber nie in Nürnberg an. Sophias Leiche wird später in Spanien gefunden. Am Dienstag beginnt in Bayreuth der Prozess.Zwischen der Anklageschrift und der Schilderung des Angeklagten gibt es große Unterschiede.
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Am Dienstag (23. Juli 2019) beginnt in Bayreuth der Prozess gegen einen Lkw-Fahrer, der die trampende Studentin ermordet haben soll. Seine Geschichte des Tathergangs ist jedoch eine ganz andere als die in der Anklageschrift. Foto: Daniel Karmann/dpa
Am Dienstag (23. Juli 2019) beginnt in Bayreuth der Prozess gegen einen Lkw-Fahrer, der die trampende Studentin ermordet haben soll. Seine Geschichte des Tathergangs ist jedoch eine ganz andere als die in der Anklageschrift. Foto: Daniel Karmann/dpa

Der deutschlandweit diskutierte Fall von Sophia Lösche wird von diesem Dienstag (23. Juli 2019) an vor dem Landgericht Bayreuth verhandelt.

Update am 24. Juli 2019: Freund schneller als Polizei

Im Mordfall um die erschlagene Tramperin Sophia Lösche hatte eine Freundin des Opfers nach Angaben der Ermittler schneller Kontakt zum angeklagten Fernfahrer als die Polizei. Das sagte ein leitender Ermittler am Mittwoch in dem Prozess vor dem Landgericht Bayreuth. Der Fernfahrer habe auf die Freundin kooperativ gewirkt und angegeben, die Tramperin wie gewünscht in der Nähe von Nürnberg abgesetzt zu haben. Sophias Familie hatte wiederholt kritisiert, dass die deutsche Polizei am Anfang nicht schnell genug tätig geworden sei.

Update am 23. Juli 2019: Angeklagter legt Geständnis ab

Laut Anklage hat der 42-jährige Marokkaner die Tramperin ermordet, um eine sexuelle Straftat zu verdecken, berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Der Angeklagte gab als Anlass jedoch einen Streit über einen scheinbaren Diebstahl an. Er habe Sophia mit den Schlägen nicht töten wollen.

Prozessauftakt in Bayreuth zu Mordfall an Sophia Lösche: Tathergang bleibt unklar

Fest steht bisher: Die Germanistik-Studentin wollte im Juni 2018 von ihrem Studienort Leipzig in Richtung Nürnberg trampen. An einer Tankstelle an der Autobahn 9 in Sachsen nahm der Fernfahrer die Tramperin mit. Er war auf dem Rückweg nach Marokko über Frankreich und Spanien.

Irgendwann in den kommenden Stunden tötete er die junge Frau. Ihre Leiche wurde einige Tage später in Spanien gefunden. Dort wurde auch der Fernfahrer festgenommen. Das Führerhaus seines Lkws war inzwischen ausgebrannt, laut Fahrer durch einen Motorschaden.

Angeklagter bestreitet sexuellen Übergriff

Doch wie die Tat geschah, blieb am ersten Prozesstag unklar. Die Staatsanwaltschaft hält dem Angeklagten vor, "sexuell übergriffig" geworden zu sein und sich "auf unbekannte Weise" an der Frau vergangen zu haben. Kurz bevor er die Tramperin mitnahm, habe er masturbiert und sei daher sexuell erregt gewesen. Zudem sei er am Vortag durch Voyeurismus aufgefallen.

Der Marokkaner verneinte den sexuellen Hintergrund vehement. Vielmehr habe Sophia bei einem Halt begonnen, seine Sachen zu durchwühlen - wie er vermutete mit Diebstahlabsicht. Dann habe Sophia aber deutlich gemacht, dass sie ihm den Diebstahl eines Brockens Hasch unterstelle, und ihm ins Gesicht geschlagen. Daraufhin habe er zum Eisenrohr gegriffen. Wie oft er zuschlug, wisse er nicht.

Familie wünscht sich vor allem Aufklärung des Falls

Sophia habe das Hasch offenbar selbst verloren, er habe es später im Wagen gefunden und aus Wut weggeworfen. Der Angeklagte sagte mehrfach und teils unter Tränen, dass er Sophia nicht töten wollte. Er bereue die Tat und entschuldigte sich bei den Hinterbliebenen.

Die Familie der Verstorbenen wünscht sich laut ihrem Bruder Andreas Lösche vor allem, dass durch den Prozess die Wahrheit ans Licht kommt. Für die Verhandlung sind zunächst zwölf Tage mit 17 Zeugen und drei Sachverständigen angesetzt.

Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, haben am Dienstag (23. Juli 2019) vor dem Prozessbeginn vor dem Landgericht Bayreuth rund 20 Freunde der getöteten Sophia gegen Sexismus und Gewalt an Frauen demonstriert. Mit einer Schweigeminute erinnerten die Freunde an die Verstorbene.

Warum musste Sophia Lösche sterben: Mordprozess vor dem Landgericht Bayreuth

Im Zentrum des Prozesses steht für die Angehörigen vor allem die Frage nach dem "Warum". Warum musste die Studentin Sophia Lösche sterben? Diese Frage soll nun beantwortet werden. Am Dienstag beginnt am Landgericht Bayreuth der Prozess gegen einen Lastwagenfahrer. Er soll die 28-Jährige ermordet haben. Lesen Sie hier die Chronologie des Falls Sophia Lösche.

Höchst emotionaler Prozess für Sophias Familie - Andreas Lösche: Wahrheit soll ans Licht kommen

Was erst einmal nach sachlich-juristischer Aufarbeitung klingt, ist für die Familie der Toten höchst emotional: "Wir erwarten, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Als Angehöriger will man sie wissen, auch wenn sie noch so grausam ist", sagt Sophias Bruder Andreas Lösche. Der Fall hatte deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Auch weil im Raum stand, dass Sophia Flüchtlingen zum Opfer gefallen sein könnte.

Nun steht aber ein 1977 in Marokko geborener Lkw-Fahrer vor Gericht. Zwölf Verhandlungstage mit 17 Zeugen und drei Sachverständigen sind angesetzt, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Die Version, die der Angeklagte vom Tathergang erzählt, ist jedoch völlig anders: Der Angeklagte gab als Anlass jedoch einen Streit über einen mutmaßlichen Diebstahl an. Er habe bei den Schlägen keine Tötungsabsicht gehabt.

Sophia wollte von Leipzig nach Nürnberg trampen

Fest steht: Die Germanistik-Studentin wollte im Juni 2018 von ihrem Studienort Leipzig in Richtung Nürnberg trampen. Von dort wollte sie laut ihrem Bruder Andreas per S-Bahn weiter zu ihrer Familie nach Amberg in der Oberpfalz fahren. Doch dort kam Sophia nie an. Ihr Bruder sagt, Sophia sei häufiger getrampt und habe noch während der Fahrt Nachrichten per Handy-Messenger gesendet.

An einer Tankstelle an der Autobahn 9 in Sachsen soll der Lkw-Fahrer die Tramperin mitgenommen und laut Anklage später ermordet haben - nach Gerichtsangaben mit stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Kopf. Der genaue Tathergang ist unklar. Der Angeklagte gab laut Gericht an, die Studentin bei einer Auseinandersetzung getötet zu haben.

Sophias Leiche wird in Spanien entdeckt: Tatort soll in Oberfranken liegen

Als Tatort wird Oberfranken vermutet. Der Lkw-Fahrer wurde in Spanien festgenommen. Dort wurde auch Sophias Leiche entdeckt, einige Tage nachdem ihre Familie sie vermisst gemeldet hatte.

Die Eltern der Studentin und ihr Bruder treten im Prozess als Nebenkläger auf. Die Familie hat wiederholt die Arbeit der deutschen Ermittler kritisiert. Sie hätten Sophia lange als Vermisstenfall eingestuft, obwohl von Anfang an der Verdacht auf ein Gewaltverbrechen vorgelegen habe. Auch habe die Kommunikation zwischen den Bundesländern Bayern und Sachsen nicht funktioniert. "Es kann nicht sein, dass man sich drei Tage darüber streitet, wer zuständig ist", sagt Andreas Lösche. Die spanische Polizei habe hingegen "vorbildlich" und "in Windeseile" gearbeitet.

Sophias Foto bei AfD-Demo in Chemnitz: Andreas Lösche wehrt sich gegen Rechtspopulisten

Auch vor dem Prozess weist Lösche erneut darauf hin, dass es nicht um Gewalt von Flüchtlingen gehe, sondern um Gewalt gegen Frauen. Hintergrund ist, dass Rechtspopulisten versucht hätten, Sophias Tod zu instrumentalisieren. Unter anderem hatten Teilnehmer einer AfD-Demo in Chemnitz, einem "Schweigemarsch", im vergangenen Jahr das Foto der Studentin im Großformat durch die Innenstadt getragen.

"Wir lassen nicht zu, dass das Andenken an unsere Sophia für ausländerfeindliche Zwecke missbraucht wird", hatte die Familie danach erklärt. "Diese Veranstaltung war kein Ort der aufrichtigen Trauer um Sophia oder sonst irgendjemanden, sondern ein Ort der Hetze und der Niedertracht." Sophia habe sich in jahrelanger politischer Arbeit - unter anderem während ihrer Studienzeit bei den Jusos in Bamberg - immer entschieden gegen Ausgrenzung, Rassismus und Menschenfeindlichkeit eingesetzt, betonten sie.

Auch erreichten die Familie unter anderem Hass-E-Mails, wie Andreas Lösche nun berichtet. Diese und Äußerungen in sozialen Medien wurden von der bayerischen Zentralstelle Cybercrime in Bamberg geprüft, wie ein Sprecher bestätigt. In einem Fall sei ein Täter aus dem Raum Leipzig identifiziert worden. Das Verfahren habe jedoch wegen Schuldunfähigkeit eingestellt werden müssen.

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