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Bayreuth
Wagner-Festspiele

"Fliegender Holländer" in Bayreuth: Viel Licht und etwas Schatten

Dem jungen Regisseur Philipp Gloger gelingt auf dem Grünen Hügel in Bayreuth eine gute Iszenierung des "Fliegenden Holländers" mit kleinen Schwächen. Vor allem das Orchester wird am Schluss ausgiebig beklatscht.
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Erik - gespielt von Tomislav Muzek (links) - und Senta - gespielt von Ricarda Merbeth in einer Szene aus dem diesjährigen "Fliegenden Holländer" bei den Bayreuther Wagner-Festspielen.  Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Erik - gespielt von Tomislav Muzek (links) - und Senta - gespielt von Ricarda Merbeth in einer Szene aus dem diesjährigen "Fliegenden Holländer" bei den Bayreuther Wagner-Festspielen. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
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Jetzt dreht es sich also wieder, das Festspielkarussell auf dem Grünen Hügel, dem manche kritische Geister jetzt schon ankreisen, dass es sich in diesem Jahr keine einzige Neuinszenierung gestattet, dass Innovation keinen Platz hat, dass alles schon einmal da war. Aber ist das so schlimm?

Wer vom "Fliegenden Holländer" 2014 reden will, beginnt am besten mit der Musik - und das nicht nur, weil die Oper - oder die Romantische Ballade" wie Wagner sie auch bezeichnete - mit der Ouvertüre beginnt. Denn in ihr legt Christian Thielemann am Pult des Bayreuther Festspielorchesters einen erkennbaren Grundstein für sein weiteres Vorgehen. Da ist eine ungemeine Solidität im Musizieren, die den Zuhörer sich entspannt zurücklehnen lässt - sofern das auf den Bayreuther Sitzen möglich ist - in dem sicheren Bewusstsein, dass nichts Ungewolltes passieren würde.

Dass aber auch sehr viel passieren würde in kreativer Hinsicht. Denn schon hier wird deutlich, dass Thielemann gewillt ist, der Musik in ihrem vorwegnehmenden verdichteten Motivspiel der Oper viel Geheimnis zu lassen, nicht plakativ zu werden, nicht die Schleusen zu früh zu öffnen und die Musik dadurch in ihrer Wirksamkeit zu entkräften - und das auch in den folgenden zwei Stunden zu praktizieren. Bei ihm kommt die Spannung aus dem Leisen, auch in den Metaphern des bedrohlich rollenden Meeres, die so viel Steigerungsspielraum haben.

Langer Applaus für die Musiker

Vor allem die Chorszenen (sehr gut und messerscharf gesungen) in ihrer herausgehobenen Dynamik entfalten dadurch eine große Kraft. Thielemann zeigt dank akribischer Behandlung der einzelnen Stimmen zum Teil völlig neue Aspekte der Musik, gibt ihr dadurch aber auch eine erstaunliche Modernität. Und er stellt sie gleichzeitig in einen erkennbaren Traditionszusammenhang. Vor allem zu Beginn des dritten Aktes, als Dorfbewohner und norwegische Matrosen Dalands glückliche Heimkehr feiern, bekommt man eine Ahnung, wie sehr Gustav Mahler von dieser Musik beeinflusst gewesen sein muss. Es war nicht von ungefähr, dass das Orchester am Ende beim Einzelapplaus am längsten gefeiert wurde.

Das soll die Leistungen der anderen nicht gering reden, denn das singende Personal ist reuelos gut. Am leichtesten hat es natürlich Erik, der die meiste menschliche Bodenhaftung hat und der eine Leidensbiographie abliefert, die vielen Zuhörern auch schon einmal begegnet sein dürfte. Aber Tomislav Muzek als Hausmeister in der Spinnerei singt und spielt sie wirklich fabelhaft anrührend. Leicht hat es auch Samuel Youns Holländer, den Wagner aus Gründen der Ab- und Ausgrenzung bewusst harmonisch schlicht gehalten hat und der durchsetzungsfähig bis zum Schluss bleibt.

Kaum Profil bei Daland

Riccarda Merbeth ist eine Sängerin, die die inneren Kämpfe der Senta sehr gut abbilden kann. Ihre Ballade wird zum dramatischen Höhepunkt des Individuums. Etwas dahinter zurück treten Kwangchoul Youn als Daland, dem man durchaus etwas mehr unternehmerische Hohltönigkeit gestatten könnte, denn er kann kaum Profil entwickeln. Noch weniger kann das natürlich Benjamin Bruns als gestisch übermotivierter, dienstbeflissener Steuermann. Und als Amme und Spinnstubenleiterin hat Christa Mayer ohnehin kaum etwas zu sagen.
Die Bühnenbilder von Christoph Hetzer im 2. und 3. Akt sind pragmatisch, nicht zu verspielt, leicht umzuwandeln: Spinnstube im 2., Schiffsanlege im 3. Akt. Dazu arbeitet er zur Erweiterung der Wahrnehmungsräume geschickt mit Schattenspielen und Videoproduktionen.

Der 1. Akt wirft Fragen auf: Ist diese lichtkonturierte Röhrenkontruktion, das Innere eines Dampfers? Nein. Oder ein Börsensaal, in dem digitale Zahlenanzeigen vor sich hinrasen? Nein, denn sie gehen nur nach oben. Oder sind es Messanzeiger der rasant steigen Staats- oder Dalands Unternehmensverschuldung? Möglich, denn sie springen auf Null, als der Holländer mit seinem Schatztrolley auftaucht. Ob das schon Kapitalismuskritik ist, kann man diskutieren.

In die Regie von Jan Philipp Gloger muss man sich hineinwurschteln - so wie er wohl sich in seine Inszenierung. Da bringt er, wie das jüngere Regisseure gerne tun, ein paar Gags, die wohl in den ersten Proben entstanden sind und über die alle Beteiligten sicher herzlich gelacht haben. Aber brauchen alte Seefahrensleut wie Daland und der Steuermann wirklich Pillen gegen Seekrankheit? Zum Glück sind ihm relativ schnell die Flausen ausgegangen und er hat seine Konzentration auf sein Wesentliches gefunden, und das kann dann auch der Zuschauer tun.
Sicher, Gloger bügelt über einige Situationen hinweg, um Zeit zu gewinnen für das Hin überholen in die Moderne. Das kann man verschmerzen. Und wenn in der Spinnstube die Mädchen zwar vom Spinnen singen, aber Tischventilatoren aus chinesischer Billigproduktion in Kisten verpacken, kann man auch schmunzeln.

Großartige Deutungen

Aber in seiner absolut schlüssigen Gesamtregie sind ihm einige großartige Deutungen gelungen. Beispielsweise das Verhältnis von Senta und Holländer, die sich beide als Projektionen sehen. Großartig wird das deutlich, als die beiden auf der inneren Drehbühne aneinander vorbeifahren und sich auch noch als mehrfache Schattenrisse sehen und man nicht erkennen kann, ob sie sich überhaupt als reale Personen wahrnehmen, nachdem sie ohnehin Schwierigkeiten haben, aufeinander zuzugehen. Wobei Gloger den Holländer durchaus nicht nur als Projektion aus Fleisch und Blut darstellt (auch wenn das mit dem Blut nicht ganz geklappt hat).

Oder bei der Feier der Bevölkerung am Hafen, die Gloger zu einer Betriebsfeier macht, auf der die Mitarbeiter auf Firma und Produkt (Ventilatoren) manipulativ eingeschworen werden. Wie die Menschen immer unsicherer werden, als sie draußen das dunkle Schiff des Holländers entdecken, wie plötzlich bedrohlich die Mannschaft des Schiffs auftaucht und die Gewalt eskaliert, das sind Eindrücke, die in ihrer plastischen Differenziertheit ein hohes Erinnerungspotenzial haben.

Nur bei der Personenregie hätte Gloger ein bisschen strenger sein können und müssen. Vor allem Samuel Youns gestisches Repertoire könnte eine Auffrischung gebrauchen. Als Statue ist er ja schon perfekt. Aber sich beim Singen mit breiten Beinen leicht vorübergebeugt hinzustellen, sich mit schweren Schritten von einer Stelle zur anderen zu wuchten und ab und zu Senta in die Ecke zu schmeißen, das ist auch für eine 135-Minuten-Oper ein bisschen zu wenig. Da ist noch viel Luft nach oben.
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