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Bayreuth
Wiederaufnahmeverfahren

Fall Peggy: Ulvis Anwalt rechnet mit Freispruch

Auf diesen Tag wartete der wegen Mordes an Peggy verurteilte Ulvi Kulac seit 2004: Der Antrag seines Verteidigers Michael Euler auf Wiederaufnahme ist vom Landgericht Bayreuth angenommen worden, das Verfahren gegen seinen Mandanten wird neu aufgerollt.
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Ulvi Kulac, aufgenommen im November 2003 während des Prozesses vor dem Hofer Landgericht. Der damals 25-Jährige wurde im April 2004 wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: dpa/Führer
Ulvi Kulac, aufgenommen im November 2003 während des Prozesses vor dem Hofer Landgericht. Der damals 25-Jährige wurde im April 2004 wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: dpa/Führer
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Das entscheidende Fax kam gestern um 12.15 Uhr. 18 Seiten stark. Absender: die 1. Jugendkammer des Bayreuther Landgerichts. Empfänger: Michael Euler, Frankfurter Anwalt und bestellter Pflichtverteidiger von Ulvi Kulac. Der 35-Jährige wurde 2004 vom Landgericht in Hof verurteilt wegen Mordes an der seit Mai 2001 verschwundenen Peggy aus Lichtenberg (Landkreis Hof). "Ich kam beim Lesen zunächst nur bis Seite 8, dann hat schon das Telefon Sturm geklingelt", sagt Euler.

Aber diese ersten Fax-Seiten beinhalten auch schon das Wesentliche: Das Landgericht Bayreuth befürwortet nicht nur die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Kulac - es ordnet dieses sogar explizit an. Dadurch bedarf es laut Euler auch keines vorgeschalteten neuen Beweisaufnahmeverfahrens.



Die Bayreuther Justiz bestätigte, dass im Fall Kulac eine neue Hauptverhandlung angesetzt wird. In einer Stellungnahme heißt es, die zuständige Jugendkammer stütze sich bei ihrer Entscheidung auf zwei Gründe. Der erste: die uneidliche Falschaussage eines - zwischenzeitlich verstorbenen - Zeugen. Dieser hatte behauptet, Kulac hätte ihm gegenüber die Tat zugegeben. Allerdings räumte der Mann später vor dem Ermittlungsrichter ein, sich das ausgedacht zu haben. Es könne nicht ausgeschlossen werden, so das Landgericht, dass diese Aussage Einfluss auf die damalige Urteilsfindung gegen Kulac gehabt hat.

Wurden Suggestivfragen gestellt?
Zweiter Grund: Dem Gericht in Hof habe eine sogenannte Tat hergangshypothese vom April 2002 nicht vorgelegen - doch sie existierte damals bereits. Diese Theorie war von einem Profiler erstellt worden. Demnach soll Kulac das Mädchen abgepasst, verfolgt und im Hof des Lichtenberger Schlosses erwürgt haben. Wer das Geständnis des Verdächtigen liest, dem fallen Parallelen zu dieser Hypothese auf. Würde im Umkehrschluss bedeuten: Hatten die Ermittler, die Kulac befragten, Kenntnis von der Hypothese? Und stellten sie Suggestivfragen, um Kulac, der geistig auf der Stufe eines Zehnjährigen steht, in die entsprechende Richtung zu drängen, damit er die Tat nicht nur zugibt, sondern so gesteht, dass sie ins Profiler-Bild passte?

Anwalt Euler hatte schon zu Beginn seiner Untersuchungen immer Zweifel geäußert, dass der von seinem Mandanten eingeräumte Tathergang so überhaupt nicht möglich gewesen sein könne. "Spätestens wer sich die Videoaufzeichnungen ansieht, die zeigen, wie Ulvi mit seinem angeblichen Vorgehen konfrontiert wurde, der merkt: Das waren Suggestivfragen, die nur in eine Richtung abzielten: Er sollte gestehen. Das sieht mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft so."

Diese Diskrepanz ist nur eine von vielen, auf die der 32-jährige Anwalt in seinem beinahe 2000 Seiten starken Antrag hinweist. Eine der ersten, die Euler die Botschaft übermittelte, war Gudrun Rödel. Sie ist die Sprecherin der Bürgerinitiative, die für die Freilassung des mittlerweile 35-jährigen, geistig behinderten Mannes aus Lichtenberg eintritt. "Sie schwankte zwischen Lachen und Weinen, von ihr fiel eine Riesenlast ab", berichtet der Rechtsanwalt.

Fall Peggy wird zum Fall Ulvi
Der Frankfurter hat nach eigenen Angaben seit Ende 2010 mehr als 1000 Stunden zugebracht mit dem Fall Peggy, der schließlich auch zum Fall Ulvi wurde. Der Sohn eines Gastronomenpaars soll nach den Ermittlungen einer Sonderkommission am 7. Mai 2001 dem damals neunjährigen Mädchen aus der Nachbarschaft aufgelauert haben, weil er einen angeblichen Missbrauch an ihr vertuschen wollte. Schließlich verfolgte er sie und drückte ihr den Hals zu, bis sie erstickte. Das Landgericht Hof hielt diese Aussagen für glaubhaft und verhängte eine lebenslange Haftstrafe. Und das, obwohl Peggys Leiche bis heute nicht gefunden wurde.

"Ich rechne mit einem Freispruch", sagt Euler. Dass es kein anderes Urteil geben kann, davon ist der Frankfurter überzeugt. "Spätestens, seit ich mich mit den Akten beschäftigt habe." Mehr als 16.000 Seiten umfassen die Gerichtsaufzeichnungen, gebündelt in 37 Hauptakten. Euler hat Protokolle gelesen und Einlassungen studiert. Wann die Hauptverhandlung anberaumt wird, steht noch nicht fest. Allerdings weiß er schon, dass er einige neue Zeugen präsentieren will. Unter anderem zwei junge Männer, die damals in Peggys Alter waren. Sie hatten ausgesagt, die Neunjährige sei am Tag ihres Verschwindens in ein rotes Mercedes-Coupé mit tschechischem Kennzeichen gestiegen - und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem sie laut Polizei schon mindestens eine Stunde tot gewesen sei. Die Ermittler, sagt Euler, hätten den Beobachtungen der Buben keinen Glauben geschenkt. "Es gibt viele Lichtenberger, die mit ihren Aussagen belegen können, dass Ulvi nicht der Täter sein kann. Man hat sie damals eingeschüchtert, so dass manche ihre Einlassungen widerriefen."

Ulvi Kulac: ein Bauernopfer der Justizbehörden?

Am 7. Juni 2001 verschwindet die neunjährige Peggy Knobloch auf dem Heimweg von der Schule spurlos. Eine Sonderkommission I vernimmt auch Ulvi Kulac, schließt ihn als möglichen Täter eines Verbrechens aber aus. Die später eingesetzte Soko II hingegen kommt zu dem Schluss: Der damals 26-Jährige hat Peggy getötet.

Er habe damit einen Tage zuvor an ihr verübten Missbrauch vertuschen wollen. Viele in Lichtenberg bezweifeln das, sehen in Kulac ein Bauernopfer, weil die Justizbehörde unter dem zunehmenden Fahndungsdruck einen Täter habe präsentieren müssen.

Der heute 35-Jährige sitzt derzeit in einem psychiatrischen Krankenhaus in Bayreuth - allerdings wegen diverser Missbrauchsvergehen an anderen Kindern. Die lebenslange Haftstrafe wegen Mordes ist bislang nicht vollstreckt.

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