Bayreuth
Religion

Eine Busreise zu Gott: Pfarrer Hannes Schott geht für den Glauben außergewöhnliche Wege

Weil Kirchenbänke immer öfter leer bleiben, packt Hannes Schott seine Gemeinde in einen Reisebus. Doch auch für den umtriebigen Pfarrer ist die Predigt zwischen Lenkrad und Haltegriff ein Experiment.
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Bayreuther Gottesdienst-Busfahrt mit Pfarrer Hannes Schott Foto: Barbara Herbst
Bayreuther Gottesdienst-Busfahrt mit Pfarrer Hannes Schott Foto: Barbara Herbst
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Kühl und erlösend braust die Klimaanlage von oben herab. Himmlisch. Das Orgelvorspiel verliert sich unter dem surrenden Gebläse. Da finden Klaus Dressendörfers Finger doch den Lautsprecherknopf auf dem Armaturenbrett und die Keyboard-Klänge erreichen auch die hintersten Reihen. "Sie dürfen übrigens sitzen bleiben", erlaubt Hannes Schott den Fahrgästen. Der erste Witz hat gesessen, Schott bleibt leicht schwankend stehen. Nicht umsonst ist der evangelische Pfarrer auch Kabarettist. Und heute predigender Reiseführer.

Es ist ein Experiment: Der erste Bayreuther Busgottesdienst soll Gläubige anlocken, die lieber auf Polstersitzen als auf Kirchenbänken Platz nehmen. Denn Schott geht ungewöhnliche Wege, um Menschen Religion näher zu bringen. In Wohnzimmern hat er bereits Messen gehalten, zwischen lederner Couchgarnitur und Wandschrank "Eiche Massiv" das Wort Gottes verkündet. Einmal hat sich der Pfarrer dafür sogar verlost. So wie die Teilnahme für seinen mobilen Gottesdienst, ganz modern und weltlich: über Facebook.

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Im schwarzen bodenlangen Talar steht er nun im Mittelgang und predigt über Gottes Schöpfung, die gerade in Form des Bayreuther Umlandes an den Fenstern vorbeizieht. Mit rund 50 Teilnehmern ist der Bus fast komplett gefüllt. "Das wird ein richtiger Gottesdienst mit allem, was dazu gehört", verspricht Schott. Kruzifix an der Frontscheibe montiert und Organist Michael Dorn zwischen wuchtigem Keyboard und der Rückenlehne von Fahrer Dressendörfer eingeklemmt - schon ist der Bus mit wenigen Handgriffen zum Kirchenschiff umfunktioniert. Normalerweise hat Kirchenmusikdirektor Dorn in der Bayreuther Stadtpfarrkirche deutlich mehr Platz, um sich musikalisch zu entfalten.

Smartphone statt Gebetbuch

In der Kirche würden die Besucher für die vielen gezückten Smartphones, die Hannes Schott als Kapitän auf "Kreuz-Fahrt" festhalten, missbilligende Blicke ernten. Die Kirchengemeinde on Tour braucht eben einige Minuten, um andächtig zu werden. Das Leben als Busfahrt mit Umstiegen und Fahrplanänderungen, Familie und Freunde als Mitreisende und Gott selbst als Fahrer: Während die Gruppe Bayreuth verlässt, erklärt Schott den Fahrgästen seine Idee vom Bus des Lebens. Doch die Analogie hat einen Platten: "Busfahren ist etwas Passives", räumt Schott ein. "Nur geschehen lassen und warten? Das ist mir ehrlich gesagt zu wenig!" Und ein Gott, der beim Gebet mit ausgestrecktem Finger und grimmiger Stirnfalte auf das Schild "Nicht mit dem Fahrer sprechen" deutet, gefällt Schott ebenso wenig. Lieber sollen die Gläubigen ihren Lebensbus selbst lenken.

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Lesung, Lieder, Glaubensbekenntnis - die einstündige Messe ist strukturiert wie ein gewöhnlicher Gottesdienst, nur eben in einem Reisebus. Doch verschütteter Rotwein auf dem Teppichboden gibt böse Flecken, auch bei Messwein. Für das Abendmahl steuert Busfahrer Dressendörfer daher ein schaukelfreies Plätzchen auf einer Anhöhe an, irgendwo zwischen Pferdegattern und Blumenwiesen. Pfarrer Schott und seine beiden Mesner schieben sich aneinander vorbei, um Hostien und Wein zu verteilen. Danach reichen sich die Fahrgäste ungelenke Friedensgrüße über Rückenlehnen hinweg. Und weil die Schlussetappe etwas länger dauert als geplant, stimmt Michael Dorn den Refrain von "Möge die Straße" ein paar Mal mehr an.

"Hannes ist ein Pfundskerl"

Seelig, begeistert, gerührt - so hat Schott seine Gemeinde während der Fahrt erlebt. Moritz Wirner und seine Mutter Birgit gehören zu den Gottesdienstbesuchern, die sich online einen Platz gesichert haben. Für den 13-Jährigen hat die Fahrt eine besondere Bedeutung: Er ist Autist, Busfahren seine große Leidenschaft. "Bus, Bahn, Flugzeug - er ist begeistert von allem, was fährt und fliegt", erzählt die Mutter. "Deshalb mussten wir heute schon sehr früh da sein."

 

 

Dressendörfer sieht den Gottesdienst als Kompromiss: Schon lange träumt er davon, in Schotts Messe eine Lesung halten zu dürfen. Fürs Erste kam nun der Prophet zum Berg und Pfarrer Schott in seinen Reisebus. Entstanden ist die Idee während einer Konfirmanden-Freizeit, bei der Dressendörfer die Jugendlichen kutschierte. Die Gottesdienst-Route habe er spontan gewählt, über manche schmale Straße ging es dabei etwas wackliger als geplant. Die Nähe zu Gott habe er schon immer gesucht, erzählt der Fahrer. Von Pfarrer Schotts innovativer Glaubenslehre ist er begeistert. "Der Hannes ist ein Pfundskerl und für jede Schandtat zu haben!" Die Sache mit der Lesung sei für Dressendörfer aber noch nicht ganz ausdiskutiert.

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Für Schott ist das Experiment jedenfalls gelungen. "Die Zeit ist so schnell vergangen", resümiert der 39-Jährige zurück an der Haltestelle. "Es war schöner, als ich es mir vorgestellt hatte." Etwa die Hälfte der Mitfahrer habe er schon vorab gekannt. Und auch wenn er die übrigen Gesichter nicht mehr auf der Kirchenbank erblicken sollte, habe sich die Aktion gelohnt. Freuen würde ihn ein Wiedersehen aber schon: "Da würde es auch weniger schaukeln."hh

 

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