Was wird in jüngster Zeit nicht alles über die Digitalisierung verlautbart? Zumeist spielen die Referenten mit der Angst, alles werde auf den Kopf gestellt.

Einen etwas anderen Vortrag erlebten am Montagabend die Gäste des Neujahrsempfangs der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken in Bayreuth. Als Festredner hatten die Kammerverantwortlichen den Informatiker und Globalisierungsexperten Franz Josef Radermacher eingeladen. Der 68-jährige Professor für digitale Transformation an der Universität Friedrichshafen machte in seinem frei gehaltenen Vortrag von Anfang an klar, dass die Digitalisierung zwar der Grund für viel Verunsicherung ist, aber "an sich erst einmal gar nichts Besonderes". Schon Gottfried Wilhelm Leibniz sei mit der Frage beschäftigt gewesen, ob man die Wahrheit berechnen könne. Dass Digitalisierung jetzt vorherrschendes Thema sei, sei dem Umstand zu verdanken, dass der Chip eines Smartphones ungefähr Tausend Mal so leistungsfähig sei wie der Großrechner, mit dem die Apollo-Mission berechnet worden sei.

Überall Selfies

"Diese Maschine (Smartphone) ist fantastisch, aber die meisten Leute nutzen sie in einer sehr trivialen Weise", sagte der promovierte Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, der unter anderem Mitglied des Club of Rome sowie Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa ist. Radermacher spielte damit auf die Lust vieler an, überall Selfies zu machen. "Diese Fotos füllen die Systeme und niemand guckt sie dann mehr an. Da merken Sie, wo wir jetzt sind mit der Digitalisierung."

Die Vorstellung, dass etwas das Problem löse, schaffe oft noch mehr Probleme. "Wir überprüfen nur noch, was uns geschickt wurde, so dass wir uns mit gar nichts mehr beschäftigen können", sagte Radermacher. Das Bewusstsein sei aber so organisiert, dass es nur einen Prozess zu einem Zeitpunkt bewältigen könne. Die über die IT betriebene Parallelisierung aller Prozesse schaffe Probleme.

"Da hilft kein Tool"

Sich etwas Neues auszudenken, das könne bisher aber nur der Mensch. "Die eigentlichen Ideen muss man selber finden", gab der Professor zu bedenken. "Tools können hilfreich sein. Es bleibt aber immer noch die Aufgabe, die inhaltliche Qualität zu sichern." Als Unternehmer sei es wichtig, eine Entscheidung zu treffen. "Da hilft kein Tool." Eines müsse man sich aber bewusst machen, sagte Rademacher: "Am Ende des Tages sind viele Prozesse Hardware." Das Leben habe zwei Dimensionen. Mit der IT habe sich eine Menge verschoben. Aber es bleibe auch der andere Teil. Insofern sei der Glaube, alles würde besser mit vielen Daten, absurd. Für die Wissenschaft sei es hingegen immer noch das Ziel, etwas mit wenigen Daten zu erklären. "Die Korrelation ist nur eine Idee. Aber man braucht ein Gehirn, das die Dinge überprüft", sagte Radermacher und nannte als Beispiel den Zusammenhang zwischen einer zunehmenden Zahl von Störchen auf dem Land und einer höheren Zahl von Kindern in ländlichen Gebieten.

Auf das Gefühl kommt es an

Die entscheidende Frage der Digitalisierung sei: Welchen Menschen wollen wir eigentlich? "Sind wir auf der Welt, um Disziplinmaschinen zu schaffen?", warf Radermacher in Anspielung auf eine deutsche Tugend in den Raum. Führungskräfte, vor allem Politiker, seien ständig der Gefahr ausgesetzt, etwas Falsches zu sagen und handelten dementsprechend. Der Mensch werde so immer mehr zum Roboter.

Der prinzipielle Unterschied zwischen Mensch und Maschine sei aber das Gefühl. "Das Gefühl ist das einzige, was das Leben lebenswert macht", sagte Radermacher. Insofern "dürfen wir uns vor diesen Hypes nicht verrückt machen lassen". "Wir haben die Chance auf eine Digitalisierung, die zum Menschen passt."

Vor Radermachers Vortrag hatte IHK-Präsidentin Sonja Weigand in ihrer Begrüßung auf die eigentliche Kunst im Leben hingewiesen. Sie "besteht wohl darin, stets Balance zu halten zwischen bislang gemachten Erfahrungen, althergebrachten Traditionen und modernen, innovativen Entwicklungen". "Die Kunst wird es sein, Ökonomie und Ökologie, Wohlstand und Artenreichtum, Hochtechnologie und Streuobstwiese, einen gemeinsamen Raum zu geben", sagte Weigand. Es gelte auch künftig, Verantwortungsbewusstsein zu zeigen in einer globalisierten Welt.