Bayreuth
Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele: Das Niveau sinkt und sinkt

Seit zehn Jahren hat in Bayreuth Wagner-Urenkelin Katharina Wagner das Sagen. Was hat die Wagner-Urenkelin in diesem Jahrzehnt geleistet? Wie haben sich die Festspiele unter ihrer Ägide entwickelt. Eine Bilanz.
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Katharina Wagner im Jahr 2008 Foto: dpa
Katharina Wagner im Jahr 2008 Foto: dpa
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Mit der 32. Vorstellung der Bayreuther Festspiele 2018, ging am Grünen Hügel die zehnte Saison unter der Leitung von Katharina Wagner zu Ende.

Was hat die heute 40-jährige Wagner-Urenkelin geleistet, seitdem der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung sie gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier am 1. September 2008 zur Festspielintendantin gekürt hat? 2009: Zum Auftakt der neuen Ära in Bayreuth gibt es zwar keine Neuinszenierung im Programm, aber einige Neuerungen. Die Kinder-Oper feiert mit dem "Fliegenden Holländer" in der Probebühne IV ihren Einstand, es gibt jetzt eigene Einführungen, VIP-Lounges und eine neue Corporate Identity, die aus den berühmten "Blauen Mädchen" graue Mäuse macht, deren Uniformen sich noch öfter wandeln werden.

Allenthalben ist von einer "neuen Offenheit" die Rede, was aber nur stimmt, wenn man nicht genau hinschaut. Es gibt wieder Programmhefte zu den Einzelwerken, die konzeptionell und inhaltlich aber zumeist so dürftig sind, dass man sich das Geld sparen kann. Apropos: Die teuerste Karte kostet 225 Euro, der billigste Hörplatz sieben Euro.

2010: Der Umbau des Familienbetriebs in ein Staatstheater bringt mit sich, dass der Tarifverträge wegen erstmals innerhalb der "Ring"-Zyklen andere Werke gespielt werden müssen. Künstlerisch ein voller Erfolg ist der neue Ratten-"Lohengrin" unter Andris Nelsons und Hans Neuenfels mit Jonas Kaufmann, der im Jahr darauf nicht mehr engagiert wird, weil er bei einer Hauptprobe fehlen würde.

Die einseitige Bevorzugung des neuen Fördervereins TAff sorgt für Zoff mit den Mäzenen und Wagnerverbänden. Der Bayerische Rechnungshof kritisiert die Kartenvergabe, der Bundesrechnungshof wird folgen. Katharina Wagner kündigt ein Projekt an, in dem die Nazi-Vergangenheit der Familie und der Festspiele aufgearbeitet werden soll und das schon wegen der fehlenden Finanzierung im Sande verlaufen wird.

2011: Im April sagt Wim Wenders ab, der designierte "Ring"-Regisseur für das große Wagnerjubiläumsjahr 2013. Beim Presseempfang teilt Katharina Wagner mit, dass für ihn Volksbühnenchef Frank Castorf einspringen wird.

Die "Tannhäuser"-Neuinszenierung von Sebastian Baumgarten mit einer avantgardistisch gemeinten Biogasanlage und Zuschauern auf der Bühne ist ein szenisches Debakel, aus dem sich bald auch der Dirigent Thomas Hengelbrock verabschiedet, der als Fachmann für historische Aufführungspraxis nicht einmal zwei Naturhörner genehmigt bekommt.

Umbesetzungen bei Dirigenten und Solisten gehören nun zur Tagesordnung, was die Qualität der Vorstellungen deutlich mindert. Bei Katharina Wagners "Meistersinger"-Inszenierung von 2007 bleiben schon bei der Wiederaufnahme-Premiere Plätze frei.

2012: Wegen eines überstochenen Hakenkreuz-Tattoos muss Titelheld Evgeny Nikitin vier Tage vor der "Holländer"-Premiere die Segel streichen, während Katharina Wagner Jonathan Meese als "Parsifal"-Regisseur für 2016 ankündigt, der gerne auch mit Hitler-Gruß auftritt. Zur Ausstellung "Verstummte Stimmen" gibt es kein Grußwort von den Festspielleiterinnen, die später auch den israelischen Botschafter verprellen.

Ersatzlos gestrichen sind die Gewerkschaftsvorstellungen, als bisheriger Hauptsponsor hat sich Siemens verabschiedet, was das Aus des beliebten Public Viewings bedeutet. Der neue "Holländer" unter dem für Stephan Kimmig eingesprungenen Jan Phillip Gloger ist bedeutungslos, was live auch im Kino zu erleben ist. Die Wagner-Schwestern erhalten den Eon-Kulturpreis, dessen Jury Toni Schmid vorsteht, der Verwaltungsratsvorsitzende der Festspiele.

2013: Pünktlich zum Jubliäumsjahr ist das Festspielhaus eingerüstet und das Haus Wahnfried zugesperrt, was Schlaglichter auf die Richard-Wagner-Stiftung und den Festspiel-Verwaltungsrat wirft. Hinter allem steht der gern allmächtige Ministeriale Toni Schmid, der geschickt die ihm opportunen Satzungsänderungen durchdrücken wird.

Die Festspiele, die mit Heinz Dieter Sense jetzt auch einen Geschäftsführenden Direktor haben, realisieren Wagners Frühwerke zu stolzen Preisen in der Oberfrankenhalle. Beim Jubiläums-"Ring" des "Stückezertrümmerers" Castorf, für den man vorab erstmals auch im Internet Karten bestellen kann (was den Festspiel-Technikdienstleister heillos überfordert), überzeugt nur Dirigent Kirill Petrenko Kritiker und Publikum restlos.

Immerhin: Aleksandar Denic wird von der "Opernwelt" zum Bühnenbildner des Jahres gekürt.

2014: Im Februar wird gemeldet, dass 2015 Eva Wagner-Pasquier - garantiert nicht freiwillig - aus der Festspielleitung ausscheidet, noch vor Festspielbeginn wird der Vertrag für Katharina Wagner bis 2020 verlängert.

Laut Planung soll die Generalsanierung des Festspielhauses mindestens 30 Millionen Euro kosten. Wegen einer Panne muss bei der Eröffnung das Publikum für vierzig Minuten aus dem Saal geschickt werden, worauf der langjährige Technikdirektor entlassen und "Tannhäuser" vorzeitig aus dem Spielplan gestrichen wird.

Die FAZ bezeichnet die Festspielleitung als "Bayreuther Inkompetenz-Team", die aktuellen Inszenierungen lassen die Auslandsnachfrage einbrechen, die Zahl der Sponsoren und Mäzene nimmt ab. Im November wird der mit viel Bohei engagierte Jonathan Meese für den "Parsifal" 2016 wieder ausgeladen, weil sein Konzept "nicht finanzierbar" sei.

2015: Katharina Wagners noch von Vater Wolfgang in Auftrag gegebene "Tristan"-Inszenierung in Dekonstuktions-Manier stößt auf wenig Begeisterung.

Der bisherige Berater Christian Thielemann wird zum Musikdirektor der Festspiele ernannt und soll die Ursache eines "Hügelverbots" für Eva Wagner-Pasquier sein, was wiederum Kirill Petrenko fast zum Ausstieg bringt und nach sich zieht, dass Anja Kampe nicht die Isolde singt. Kartensucher sind am Grünen Hügel inzwischen die Ausnahme, Bayreuth sei "on it's way downhill" stellt auch das Portal musicalamerica.com fest. Im Publikum sitzen zunehmend auch Besucher, die erstmals in der Oper sind.

Auf Karten muss man nicht mehr jahrelang warten, ahnungslose Schwarzhändler bleiben auf ihren teuren Karten sogar sitzen. Letztmalig dirigiert Kirill Petrenko den "Ring", bekommt aber keinen Vorhang mit dem Orchester.

2016: Katharina Wagner ist kein Mediendarling mehr und macht sich rar. Sie ist nicht mehr alleinige Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele GmbH: Ihr zur Seite steht Holger von Berg. Aufgrund einer Selbstbewerbung darf Uwe Eric Laufenberg sein für die Oper Köln geplantes Regiekonzept des "Parsifal" in Bayreuth umsetzen und sorgt selbstgefällig wegen angeblicher Islamkritik und durch Kritikerschelte für Schlagzeilen.

Die geistige Substanz seiner Inszenierung ist minimal, umso größer sind die Sicherheitsmaßnahmen rund um das teils eingezäunte Festspielhaus. Bejubelt werden nach der plötzlichen Absage von Dirigent Andris Nelsons der eingesprungene Hartmut Haenchen und Klaus Florian Vogt in der Titelrolle. Erstmals haben die Festspiele nicht alle Tickets verkauft, erstmals wird spekuliert, dass nach 2020 Nikolaus Bachler Festspielintendant werden könnte.

2017: Festspielkarten - ob regulär bestellt oder im Online-Sofortverkauf - sind sukzessive teurer geworden. Für Neuinszenierungen im Premierenjahr gibt es sogar gestaffelte Preise. Die teuersten Tickets für den Eröffnungstag kosten jetzt 400 Euro und in den späteren Vorstellungen maximal 368 Euro, die günstigsten Hörplatze liegt jetzt bei 13 bzw. 12 Euro. Am Tag vor der Eröffnung findet im Festspielhaus ein Gedenkkonzert für Wieland Wagner statt, der im Januar 100 Jahre alt geworden wäre.

Die "Meistersinger"-Neuinszenierung von Barrie Kosky, in der Wagners Antisemitismus thematisiert wird, gelingt unter der musikalischen Leitung von Philippe Jordan und mit einer großartigen Solistenriege großartig. In der von Marie Luise Maintz kuratierten neuen Veranstaltungsreihe "Diskurs Bayreuth" beschäftigen sich die Festspiele ausführlich mit ihrer braunen Vergangenheit.

Das Symposium und die Konzerte in Wahnfried sind hochkarätig besetzt.

2018 : Zum Probenbeginn sagt der nicht textfeste Tenor Roberto Alagna ab, Pjotr Beczala springt ein. Die "Lohengrin"-Neuinszenierung in der blauen Ausstattung des Künstlerpaares Neo Rauch und Rosa Loy floppt, weil der für Alvis Hermanis eingesprungene Regisseur Yuval Sharon im Vorgegebenen wenig szenischen Funken schlägt. Christian Thielemann leitet erstmals den "Lohengrin" in Bayreuth und ist damit der zweite Mann im Graben, der alle Werke des Festspielrepertoires dirigiert hat.

Als unrühmlich erweist sich die Rekordsucht des früheren Startenors Plácido Domingo, der als erster Bayreuth-Sänger auch als Dirigent wirken darf - in einer dreimal solo aufgeführten "Walküre", was im eigens für den "Ring" gebauten Festspielhaus ein nicht zu rechtfertigender Tabubruch ist. Domingo wird ausgebuht, die mitverantwortliche Festspielleitung mangels Möglichkeit leider nicht.



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