Bayreuth
Flixbus-Unfall auf A9

Wie ein Bayreuther das Flixbus-Drama auf der A9 überlebte und seinen Retter fand

Nach einem folgenschweren Flixbus-Unglück auf der A9 bei Leipzig zuckt Alexander Engel manchmal noch zusammen, wenn er seinen Sohn schreien hört. Hilflos lag der 33-jährige Bayreuther in einem umgekippten Bus - bis ihn sein Sitznachbar rettete.
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Am 19. Mai war auf der A9 bei Leipzig ein Flixbus verunglückt. Dabei kam ein Mensch ums Leben. Foto: Jan Woitas/dpa
Am 19. Mai war auf der A9 bei Leipzig ein Flixbus verunglückt. Dabei kam ein Mensch ums Leben. Foto: Jan Woitas/dpa
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Alexander Engel steht an einem Sonntagnachmittag am Omnibusbahnhof in Berlin und beobachtet seine künftigen Mitfahrer: Viele junge Menschen, denen man an den Schatten unter den Augen noch die berüchtigten Berliner Partynächte ansieht. Auch ältere Touristen, deren Augen zwischen Anzeigetafel und ihren Tickets pendeln. Später wird der 33 Jahre alte Bayreuther einige dieser Passagiere durch den Bus fliegen und dann blutüberströmt am Boden liegen sehen.

Flixbus-Drama auf der A9: Oberfranke Engel suchte seinen Retter

Der voll besetzte Flixbus war am 19. Mai 2019 auf der Autobahn 9 bei Leipzig verunglückt. Der Bus überschlug sich mehrfach und verursachte Chaos auf der A9. Ein Mensch starb bei dem Unfall. Engel hatte Glück. Sein Sitznachbar rettete ihn aus einer hilflosen Lage.

 

Noch im Klinikum Bayreuth versucht Engel über soziale Medien, seinen Sitznachbarn zu finden. Als er das Krankenhaus eine Woche nach dem Unfall verlässt, startet er mehrere Aufrufe. Anfang dieser Woche meldet sich die Mutter des Passagiers 5A bei ihm: Ihr Sohn wolle sich gerne mit Engel austauschen, liege allerdings noch im Krankenhaus in Berlin, mit starken Schürfwunden und gebrochenem Schulterblatt. Er melde sich, wenn es ihm besser gehe. Glücksgefühle bei Engel. Kurzer Austausch mit dem Retter per Facebook. "Ihn hat's schwerer erwischt als mich. Trotzdem hat er geholfen. Ein Held."

Der Bayreuther freut sich auf das Telefonat. Zum einen, weil er seinen Retter mit Informationen zu Gepäckrückgabe und rechtlichen Möglichkeiten unterstützen will, die der noch vor sich hat. "Ich würde mich freuen, wenn ich auch etwas für ihn tun kann", sagt Engel. Und er freut sich auf den Austausch. "In der schwierigen Zeit nach dem Unfall hat es mir sehr geholfen, darüber zu sprechen."

Der Unfall auf der A9

Rückblick: Engel steigt in die obere Etage des Doppeldeckers. Auf seinem Sitzplatz - 5B, am Gang - liegt Gepäck. Nahe der Frontscheibe sind noch Plätze frei. Er überlegt, sich dorthin zu setzen - "mehr Beinfreiheit". Doch dann kommt ihm eine Gruppe zuvor. Engels späterer Retter legt seine Tasche beiseite und sagt "setzt dich" - "zum Glück", sagt Engel. Die Frontscheibe wird etwa zwei Stunden später von einer Leitplanke durchstoßen.

Vor der Abfahrt hört Engel auf den Hinweis des Busfahrers und schnallt sich an. Seit er eine Ehefrau und Kinder hat, schnallt er sich immer an. "Zum Glück". Er döst ein wenig. Nach knapp zwei Stunden erwacht er - durch die Schreie seiner Mitfahrer. Noch heute, drei Wochen nach dem Unfall, zuckt er zusammen, wenn sein jüngerer Sohn laut schreit. Engel reißt die Augen auf. "Man schaut nach vorne und hofft zu sehen, wo man hinknallt, damit man sich schützen kann", erzählt er, wobei sich seine Stimme etwas überschlägt, wie bald auch der Bus. Der driftet zunächst nach rechts. Engel hört einen Knall. Dann sieht er die Leitplanke auf sich zukommen. "Dann kurz so ein Gefühl, wie Fliegen. Und ich denke mir: Fuck, das geht nicht gut!"

Der Bus macht Sprünge auf der Böschung neben der A9 bei Leipzig. Engel wird durchgeschleudert, sieht Rucksäcke, Scherben und nichtangeschnallte Mitfahrer durch den Bus fliegen. Schließlich kippt der Doppeldecker zurück auf die Autobahn, auf die linke Seite - die, auf der Engel sitzt. "Erstmal habe ich meinen Kopf geschützt." Dann stellt er fest: Sein rechter Arm hängt seltsam weg. Ob er sich in der Lehne verkeilt hat oder von einem umherfliegenden Gepäckstück oder gar Körper getroffen worden ist, weiß Engel nicht. Fest steht nur: Er kann ihn nicht bewegen. Und was ihn beim Unfall schützte, wird nun zur Falle: Engel kann sich nicht selbst aus dem Gurt befreien.

Er sieht sich um. "Wie in einem Katastrophenfilm: überall Scherben und blutüberströmte Menschen." Er beginnt, um Hilfe zu schreien. "Man liegt auf der Autobahn und kommt nicht weg. Wenn da einer reinkracht, ist es aus. Dazu kamen mir noch die Bilder von einem ausgebrannten Lkw in den Kopf. " Es riecht verkohlt. Ob tatsächlich oder nur in seiner Fantasie, kann er nicht sagen. Klar ist: "Ich muss da raus!" Noch immer könne er diese Panik spüren. In Todesangst werden seine Schreie lauter - bis sein Sitznachbar, der wegen des gesplitterten Seitenfensters auf dem Asphalt liegt, reagiert.

"Plötzlich schnallt er sich los, springt auf, blutverschmiert, Glassplitter am Kopf und in den Armen, und hilft mir beim Abschnallen." Danken wird er ihm später. "In diesem Moment habe ich nur an meine Familie gedacht und bin da weg, über die Leute am Boden. Einfach nur raus, egal wie." Durch die Frontscheibe ragt die Leitplanke in den Gang. Engel wuchtet sich darüber, nach draußen.

Erst jetzt spürt er den Schmerz. Dann kommt eine Mitfahrerin zu ihm, mit blutiger Nase. Die Ärztin, mit der er heute noch Kontakt pflegt, sagt: "Wie heißt du? Ich bin jetzt deine Freundin". Sie bringt ihn in eine stabile Position, überprüft seinen Bewusstseinszustand. Dann hilft sie anderen. Dass sie sich selbst einen Wirbel angebrochen hat und nur knapp einer Querschnittslähmung entging, erfährt Engel erst später.

Zunächst spricht er seiner Frau auf die Mailbox: "Mach dir keine Sorgen! Mir geht es gut." Dann heulen die Sirenen und blinken die Blaulichter: 56 Rettungswagen, acht Hubschrauber sowie zahlreiche Feuerwehrleute und Polizisten. Die Verletzten werden auf 14 Krankenhäuser verteilt. Die Einsatzkräfte bauen Versorgungszelte und sortieren die Passagiere: Blau für leichtere, gelb für schwerere, rot für lebensgefährliche Verletzungen. Unverletzt ist keiner. Engel bekommt gelb - und wird dann über eine Stunde lang von Zelt zu Zelt geschickt. "Das soll kein Vorwurf sein, aber ich wollte mich in dem Moment einfach nur mal setzen. Und dann endlich da weg."

Zunächst wird er nach Merseburg ins Krankenhaus gebracht. Dort kümmert er sich darum, wie er sein Gepäck zurück bekommt. Eine langwierige Prozedur, mit der er noch immer beschäftigt ist. Dann spricht er mit dem Arzt, der ihn in Bayreuth operieren wird. "Es ist kompliziert, aber wir kriegen das hin", sagt der Arzt. "Sowas ist Gold wert für die Seele", sagt Engel. Mit einer Platte und 15 Schrauben wurde sein fünffach in der Länge und einmal in der Breite gebrochener Oberarmknochen stabilisiert. Dabei wurde auch sein Trizeps der Länge nach gespalten und wieder zugeklammert. Die Schrauben bleiben ein Jahr lang in seinem Arm. "Dass das wieder zusammenwächst, ist schon ein Wunder."

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