Bamberg
Getötete Tramperin

Anzeige wegen Chemnitz-Plakat: Angehörige von Sophia L. wehren sich juristisch

Das Fahndungsfoto der getöteten 28-jährigen Studentin Sophia L. wird während einer Demonstration von Pegida und AfD am 1. September in Chemnitz gezeigt. Die Angehörigen wollen deshalb nun Anzeige erstatten.
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Am 1. September demonstrierten rechte Gruppierungen in Chemnitz. Auf dem sogenannten "Trauermarsch" von Pegida und AfD war ein Plakat mit dem Bild von Sophia L. zu sehen. Gegen die unrechtmäßige Verwendung des Fotos wollen die Angehörigen juristisch vorgehen.  Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Am 1. September demonstrierten rechte Gruppierungen in Chemnitz. Auf dem sogenannten "Trauermarsch" von Pegida und AfD war ein Plakat mit dem Bild von Sophia L. zu sehen. Gegen die unrechtmäßige Verwendung des Fotos wollen die Angehörigen juristisch vorgehen. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Mit weißer Schrift auf schwarzem Grund steht "Sophia Lösche 2018" auf dem Plakat geschrieben, darüber zeigt ein großformatiges Foto die getötete 28-jährige Studentin. 23 solcher Schilder haben AfD und Pegida ihre Anhänger am 1. September während der als Trauermarsch betitelten Demonstration durch die Chemnitzer Straßen tragen lassen. Dort wollten sie auf vermeintliche Opfer der deutschen Flüchtlingspolitik hinweisen. Dies könnte nun ein juristisches Nachspiel haben.

"Dass die AfD ein Bild Sophias für ihre Demo missbraucht, zeigt eins deutlich: Diese Partei hat jeden Anstand verloren", sagt der Bruder der Getöteten, Andreas Lösche, unserer Zeitung. "Wir lassen nicht zu, dass das Andenken an unsere Sophia für ausländerfeindliche Zwecke missbraucht wird", schreiben die Angehörigen in einem offenen Brief. Daher prüfen sie derzeit rechtliche Schritte.

Verletzung des Urheberrechts

Im Kern geht es darum, dass das Porträtfoto Sophias, welches lediglich während der polizeilichen Fahndung für die öffentliche Nutzung freigegeben war, ohne Einwilligung der Hinterbliebenen nicht hätte verwendet werden dürfen. Zum einen solle Anzeige gegen den Träger des Plakats gestellt werden. Zum anderen gegen jene, die das Foto nachträglich über soziale Netzwerke verbreiteten. Wie genau und gegen wen etwaige Anzeigen formuliert werden könnten, ist noch nicht klar. "Aber wir rechnen uns gute Chancen aus", meint Lösche.

Grundsätzliche Kritik übt Hannah Eitel von der Heinrich-Böll-Stiftung an dem sogenannten "Trauermarsch" in Chemnitz. "Neonazis und rassistische Gruppen instrumentalisieren Gewalt für ihre rassistische Agenda", sagt die Politikwissenschaftlerin. "Dabei geht es nicht um Frauenrechte, das Leben der Opfer oder wirkliche Anteilnahme." Es gehe darum, rassistische Feindbilder zu propagieren und mit Machtdemonstrationen Migranten und nicht-rechte Personen einzuschüchtern, so Eitel.

Sophias Angehörige hoffen indes, im Alltag zumindest kurzzeitig ein Stück weit zur Ruhe finden zu können. Noch haben die Hinterbliebenen nicht Abschied nehmen können, die Staatsanwaltschaft hatte den Leichnam der getöteten 28-Jährigen erst Ende August freigegeben. Den Termin der Beisetzung möchte die Familie nicht mitteilen, um den Trauernden einen Medienrummel an diesem Tag zu ersparen.

Spätestens dann, wenn der Prozess gegen den tatverdächtigen Lastwagenfahrer beginnt, setzt das mediale Interesse sowieso wieder ein. Die Eltern Sophias werden vor dem Bayreuther Amtsgericht als Nebenkläger auftreten, um Akteneinsicht zu erhalten und gegebenenfalls Rechtsmittel einlegen zu können. Seit knapp zwei Wochen sitzt der tatverdächtige Lastwagenfahrer in Oberfranken in Untersuchungshaft. Wann die als Mordprozess eingestufte Verhandlung genau beginnt, ist noch nicht klar. "Die Ermittlungen laufen", heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Fall erregte bundesweit Aufsehen

Die 28-jährige Studentin wollte Mitte Juni per Anhalter von Leipzig nach Amberg trampen. Sie stieg an einer Tankstelle im sächsischen Schkeuditz in den Lastwagen des später in Spanien festgenommenen 41-Jährigen. Die Leiche der Frau wurde eine Woche später im Norden Spaniens aufgefunden. Bundesweit hatte der Fall vor allem deswegen Aufsehen erregt, weil die Angehörigen schwere Vorwürfe gegen die ermittelnden Behörden erhoben hatten.

Kommentar des Autors:

Rechtes Denken. Dieser Begriff lässt sich auf zweierlei Arten lesen. Auf der einen Seite meint er Menschen, die ihren Verstand in einer "rechtschaffenen" Weise gebrauchen. Auf ethischer, moralischer oder verfassungsgemäßer Grundlage. Kurz geht es um die, die Gutes tun wollen. Was genau als Gut und Böse gilt, ändert sich zwar je nach gesellschaftlicher Couleur, grenzt sich hierzulande aber (noch) von der zweiten Sichtweise ab. Die der politisch Rechten.

Jene erlebt eine Renaissance. Anders: Sie tritt allmählich aus dem Verborgenen und dringt an die Oberfläche. Schulterschlüsse bürgerlicher Lager mit offen rechtsextremen Gruppierungen, wie in Chemnitz gesehen, lassen sich so erklären, dass die Gesellschaft (nicht nur die deutsche) ihrem rassistischen Geist wohl nie ganz entkommen ist. Vom Klischee zum rassistischen Stereotyp ist es nicht weit.

Nun werden Menschen wie die getötete Studentin Sophia L., die sich zeitlebens gegen Ausgrenzung eingesetzt hatte, auf rechten Demonstrationen als Opfer vermeintlich verfehlter Willkommenskultur missbraucht. Keine Frage, AfD und Pegida agieren öffentlichkeitswirksam clever, indem sie (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen stilisieren, um rassistische Ressentiments in der Gesellschaftsmitte zu etablieren. Widerlich ist die Taktik allemal.

Eine offene Gesellschaft braucht Zeit und setzt großen Willen voraus. Deren Achillesferse bleibt der Rassismus. Den zu bekämpfen, ist des Bürgers Pflicht. Darauf sollten sich auch die offiziellen Schützer unserer Verfassung endlich zurückbesinnen.



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