Bayreuth
Fall Peggy

Ulvi K.: Kommt die zweite Wiederaufnahme?

Vor dem Bayreuther Landgericht wurde am Donnerstagvormittag für die Freilassung von Ulvi K. aus der Psychiatrie demonstriert. Drinnen fiel bei der gerichtlichen Anhörung keine Entscheidung. Nun will Ulvis Anwalt Thomas Saschenbrecker womöglich das Missbrauchsurteil überprüfen lassen.
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Vom Mord freigesprochen, aber nach wie vor Psychiatrie-Insasse: Wie lange Ulvi K. in der geschlossenen Abteilung des Bayreuther Bezirkskrankenhauses bleibt, wurde gestern nicht entschieden. Seine Betreuerin Gudrun Rödel (rechts) will Verfassungsbeschwerde einlegen. Foto: dpa
Vom Mord freigesprochen, aber nach wie vor Psychiatrie-Insasse: Wie lange Ulvi K. in der geschlossenen Abteilung des Bayreuther Bezirkskrankenhauses bleibt, wurde gestern nicht entschieden. Seine Betreuerin Gudrun Rödel (rechts) will Verfassungsbeschwerde einlegen. Foto: dpa
Der Eisregen konnte sie nicht stoppen: Der "Unterstützerkreis Ulvi" marschierte gestern Morgen zum Bayreuther Landgericht und forderte einmal mehr die Freilassung des 37-Jährigen aus der Psychiatrie. Dort sitzt der geistig Behinderte, der im Sommer vom Vorwurf des Mordes an der neunjährigen Peggy freigesprochen wurde, seit 13 Jahren. Die Strafe dafür, dass sich der Lichtenberger an rund einem halben Dutzend Minderjähriger vergangen haben soll; er habe sich ausgezogen und die Kinder nach deren Aussagen unsittlich berührt. Seine Unterstützer sprechen von "pubertären Doktorspielen" unter Gleichaltrigen.

Der Grund für die Demo war eine erneute gerichtliche Anhörung im Fall des Gastwirtssohns, der etwa auf dem geistigen Stand eines Achtjährigen sei. Das Ergebnis: Es gibt noch keines. Laut Strafvollstreckungskammer soll in den nächsten Tagen die Entscheidung fallen, ob Ulvi K. weiter in der geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses bleibt.

"Es war leider fast klar, dass das nicht die finale Etappe sein wird für ihn", sagt Betreuerin Gudrun Rödel. Und deutet gleich an, was der nächste juristische Schritt sein wird: "Wir bringen die Sache vors Oberlandesgericht und legen Verfassungsbeschwerde ein."

Wir - damit meint sich auch Thomas Saschenbrecker, ein Experte für Strafrecht und Psychiatrie und seit drei Monaten Rechtsbeistand an Ulvi K.s Seite. Der Anwalt rührt in seinem Kaffee, als wolle er darin die Zukunft ergründen. "Der Vorwurf des Kindesmissbrauchs hängt nach wie vor als schwerer Klotz am Bein meines Mandanten." Es sei "die große Fuß angel" im Fall Ulvi. "Mord hin oder her: Die Richter wollen auf Nummer sicher gehen, wollen sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie hätten jemanden aus der Psychiatrie entlassen, der dann in Freiheit womöglich rückfällig wird. Deswegen verlässt sich die Justiz auf Gutachter. Und da kann schon einer allein über das Wohl und Wehe eines Lebens entscheiden. Das ist das Kranke an diesem Psychiatrie-System."

Wäre Ulvi in den Maßregelvollzug gekommen, er wäre längst ein freier Mann, sagt Saschenbrecker. Von seinem Mandanten gehe keinerlei Gefahr aus. "Ulvi ist bei Frau Rödel in den besten Händen und hat eine sehr gute Sozialprognose. Nur scheint das vor Gericht nicht schwer genug zu wiegen." Ein neues Gutachten jedenfalls bescheinigt dem 37-Jährigen weiteren Therapiebedarf.


Nur Mordvorwurf einkassiert
Deswegen sieht Saschenbrecker nur eine Möglichkeit: "Es muss ein zweites Wiederaufnahmeverfahren geben, dann muss es um die Missbrauchsvorwürfe gehen." Er wolle dieses Verfahren noch in diesem Jahr auf den Weg bringen. In der ersten Wiederaufnahme vor sechs Monaten hatte das Landgericht Bayreuth das Mord-Urteil des Landgerichts Hof aus dem Jahr 2004 aufgehoben. Dass ein Gericht einen solchen Schuldspruch einkassiert, ist eine Seltenheit. Die Krux: Die erfolgreiche Wiederaufnahme beschränkte sich auf das Kapitalverbrechen Mord. Das ist nun passé. Die Missbräuche standen jedoch gar nicht auf dem Prüfstand - aber dafür büßt Ulvi K.; die Strafe für den angeblichen Mord an Peggy hatte er nie angetreten.

Das Hofer Gericht hatte 2004 sein erfundenes Geständnis als glaubhaft gewertet. Demnach soll Ulvi K. die Neunjährige deswegen getötet haben, weil er sie einige Tage zuvor vergewaltigt haben soll und danach habe verhindern wollen, dass das Mädchen ihn verrät. Klassisches Motiv für einen Verdeckungsmord also. "Wenn es die Tötung nicht gab, dann gab es auch die Vergewaltigung nicht", sagt Gudrun Rödel. "Der Ulvi hat viel erzählt und sich schließlich dem Druck der Ermittler gebeugt und die von ihm ausgedachte Sache mit dem Mord zugegeben. Die Verurteilung fußte ja einzig und allein auf dem erfundenen Geständnis. Das Gleiche gilt dann aber natürlich auch für die angebliche Vergewaltigung."

Dieser Vorwurf aber hängt ihrem Schützling nach wie vor an. Das vermeintliche Opfer kann zur Klärung des Falls nichts beitragen: Peggy ist seit dem 7. Mai 2001 spurlos verschwunden.

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