Bayreuth
Plattenladen

Lebendige Bayreuther Hip-Hop-Geschichte

Matthias "ties" Knörrer betreibt seit 1995 einen Plattenladen in Bayreuth. Er war auch DJ und einer der ersten Sprayer in der Wagnerstadt.
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Matthias "Ties" Knörrer hinter der Theke seines Plattenladens "Coast 2 Coast". In der Hand hält er seine erste Platte, "Planetary Invasion" von Midnight Star. Foto: Markus Klein
Matthias "Ties" Knörrer hinter der Theke seines Plattenladens "Coast 2 Coast". In der Hand hält er seine erste Platte, "Planetary Invasion" von Midnight Star. Foto: Markus Klein
Als er in den Achtzigern anfing Rap zu hören, war er der Exot in seiner Schulklasse. Als in den Neunzigern in Bayreuth die Plattenläden der Reihe nach schlossen, machte er einen auf. Dort verkauft er auch Spraydosen, obwohl er und "Dusty" damals in Bayreuth die einzigen waren, die Graffiti gesprüht haben. In den Nullerjahren brachte er zusammen mit befreundeten DJs als "Funky Soul Survivors" längst für tot erklärte Funkmusik in die Bayreuther Partyszene. Im Jahr 2010, als sich MP3s und Internet-Downloads längst durchgesetzt hatten, gründete er ein Plattenlabel, um eine unbekannte Rap-Band aus Houston, Texas, und die jungen Bayreuther Rapper "Desto & Nasher" auf Schallplatte zu vertreiben. Deren Alben verkaufte er bis nach Japan. Das Bayreuther Hip-Hop-Urgestein Matthias "ties" Knörrer, geboren im Jahr 1969, folgte statt Trends lieber seiner Abenteuerlust.


"Meinst du, außer uns Vögeln hört in Bayreuth noch jemand Hip Hop?"


Seinen Plattenladen "Coast 2 Caost" betreibt er seit über 20 Jahren. Vor einem Jahr zog er in die Carl-Schüller-Straße, seine dritte Location. Begonnen hat er in der Innenstadt, im Jahr 1995. "Da ist es mit Hip Hop richtig losgegangen", erzählt Knörrer, über die kleine Ladentheke gelehnt. Hinter ihm, neben ihm, vor ihm: Schallplatten. Und eine Wand mit Spraydosen, aus der sich eine Gruppe Jugendlicher gerade welche auswählt. Ein etwa Fünfzehnjähriger mit Sprühfarbe an den Fingern bittet Knörrer um ein paar Plastikhandschuhe.

"95 wurde Rap plötzlich groß", sagt Knörrer. Es war die Zeit, in dem deutsche Rapper wie Absolute Beginner, Fettes Brot, Eins Zwo, Blumentopf und Dynamite Deluxe allmählich einem breiteren Publikum bekannt wurden, bei "Wetten, dass...?" Breakdancer auftraten und "Gangsta's Paradise" von Coolio die Charts eroberte. "Eine fürchterliche Nummer, aber war halt die Zeit damals", kommentiert Knörrer. Auch ernstzunehmenderer amerikanischer Rap, etwa von Cypress Hill oder dem Wu-Tang-Clan, erlebte damals erste Erfolge in Deutschland. Zudem sei ab 1995 eine neue Generation Sprayer in Bayreuth nachgekommen.

Zuvor war das noch ganz anders mit der Hip-Hop-Kultur in Bayreuth, meint "ties": "So seit 1989 hab ich mit Dusty gesprüht, da waren wir wirklich die einzigen in der Stadt". Vorher habe es zwar ein paar Sprüher gegeben, aber die gingen weg aus Bayreuth. Kurz bevor er seinen Laden aufgemacht hat, habe ihn ein Freund, mit dem er immer "Yo! MTV Raps" geschaut hat, gefragt: "Meinst du wirklich, außer uns Vögeln hört in Bayreuth noch jemand Hip Hop?"

Das "Coast 2 Coast" gebe es, weil ein Arbeitskollege zu ihm meinte: "Wenn wir mal im Lotto gewinnen, dann machen wir einen Laden auf und verkaufen den ganzen Tag nur noch Platten", erzählt er. Im Lotto hat er nicht gewonnen, aber der Gedanke an einen Plattenladen habe ihn seitdem nicht mehr losgelassen.

Seine Begeisterung für Vinyl entstand schon viele Jahre vorher, Anfang der achtziger Jahre, als die Breakdance-Welle nach Deutschland kam. Von seiner älteren Schwester und deren Freunden bekam er Musikkassetten mit Funk- und Soulmusik, die er als Zwölfjähriger vor dem Einschlafen hörte. Mit seinem Sprayerkollegen "Dusty" tauschte er frühen Rap. Geprägt haben ihn etwa Afrika Bambaataa , Shango Message und Grandmaster Melle Mel. "Die anderen Schüler hatten Kiss oder ACDC auf den Federmäppchen stehen. Da war man schon ein Exot, wenn man Hip Hop gehört hat." Seine erste Platte kaufte er 1985 von seinem ersten Lehrlingsgehalt: "Planetary Invasion" von Midnight Star.




"Seitdem war ich angefixt und wollte immer mehr Platten. Es gab ja in Bayreuth mal sieben Plattenläden." Und im Grunde kaum eine andere Möglichkeit: "Über Kassetten bekam man ja meistens nur die Kopie der Kopie der Kopie; entsprechend hörte man teilweise das Rauschen lauter als die Musik. Wenn man das Original in guter Qualität haben wollte, musste man eine Platte kaufen." Eine Schallplatte zu besitzen sei für ihn deshalb auch heute noch gleichbedeutend mit hoher Qualität. "Jeder hatte mal zigtausend Alben auf dem Rechner, angehört hat die sich keiner. Und eine MP3-CD ist ür mich ein wertloses Stück Plastik".


Der Plattenhype

Das sei Knörrer zu Folge auch der Grund, warum die Schallplatte derzeit wieder ein Revival feiere: "Die Leute wollen die Musik wieder greifbar haben und legen auch Wert auf ein schönes Cover. Das ist so eine Art Gegentrend zur Digitalisierung. Man druckt ja auch plötzlich wieder Fotos aus oder lässt die entwickeln." Als in den Neunzigern die Bayreuther Plattenladen der Reihe nach schlossen, besetzte er eine kleine Nische. Das derzeitige Revival des Mediums merke er in seinem Laden kaum. "Weil jetzt ja auch wieder mehr Geschäfte Platten anbieten. Der Media-Markt zum Beispiel hat die letzten 20 Jahre keine verkauft, hat jetzt aber wieder welche im Geschäft." In Bayreuth war der "Coast 2 Coast" lange Zeit der einzige Plattenladen. Nun hat im vergangenen Monat auch ein neuer, reiner Plattenladen aufgemacht. "Ties" sieht das gelassen: "Es ging mal runter und mal rauf. Mit dieser Goldgräberstimmung gerade kann ich nichts anfangen. Ich bin froh, wenn der Hype wieder rum ist."

An einem sommerlichen Freitagabend kämen nur eine Handvoll Leute in den Laden, es gäbe aber auch Tage, wo sich 50 Leute ins Geschäft drängeln. Prominente Neuerscheinung wie etwa die neue Beginner-Platte hätten schon Auswirkungen, "aber nicht mehr so wie früher", sagt er. Etwa im Jahr 1999, als das Album "Überfall" von den Massiven Tönen herausgekommen ist. "Da kam ich Donnerstagnachmittag mit dem Fahrrad von der Arbeit und 20 Leute standen vor dem Laden und haben mich gelöchert, noch bevor ich vom Rad gestiegen bin. Das gibt es so heute nicht mehr."

Knörrer betreibt sein Plattengeschäft als Hobby. Er hat einen regulären Beruf und den Laden nur Donnerstag- und Freitagnachmittag sowie samstags geöffnet. Das möchte er auch weiterhin nicht ändern. "Es ist ein Ausgleich für mich zur Arbeit. Und so kann ich das stressfrei machen und mich mit den Leuten unterhalten. In einem Plattenladen kommt man ja schnell ins Gespräch. So hab ich auch die meisten meiner Freunde kennen gelernt."


"Expanded Art Records"


Ans Aufhören habe er schon das ein oder andere Mal gedacht. Etwa vor einem Jahr, zum 20. Jubiläum, als er wegen Umbaus aus der vorherigen Location ausziehen musste. "Kurz war ich wehmütig und habe drüber nachgedacht, aber als dann die Kündigung vorlag, war der erste Gedanke schon wieder: Ich brauche einen neuen Laden. Meine Abenteuerlust hat mich immer angetrieben. Alle zwei, drei Jahre brauche ich eine neue Herausforderung." Das hat Knörrer auch dazu gebracht, das Plattenlabel "Expanded Art Records" zu gründen. "Einfach, weil mir die Band H.I.S.D. aus Houston so gefallen hat. Die gab es aber nur auf CD." Er habe die Band über Facebook angeschrieben, ob sie nicht Lust hätten, eine Platte zu machen. Die Hobbymusiker antworteten, sie könnten sich das nicht leisten. "Zu der Zeit hatte ich Geld gespart. Und ich bin jetzt nicht der Typ, der sich davon einen BMW kauft." Stattdessen ist er anscheinend der Typ, der eine unbekannte Band von einem anderen Kontinent auf Platte verlegt. Im Jahr 2011, als kaum ein Mensch Musik auf Vinyl kaufte. Einen Teil der Scheiben schenkte er der Band, den Rest vertrieb er in seinem Laden; aber auch in England, Frankreich und Japan. Ein Freund von ihm habe damals Verbindungen gehabt und das organisiert.



Auch das zweite Album der Band hat er auf Vinyl gepresst. Ebenso wie "Jalousien", das erste Album der jungen Bayreuther Rapper "Desto & Nasher". "Die habe ich mal auf dem Kneipenfestival gesehen und war so geflasht, dass ich gesagt habe: Hopp, ihr nehmt jetzt ein Album auf und ich bring das raus." Und über seine Connection konnte man dann Rap aus Bayreuth auch in Japan im Plattenladen kaufen. Gerade weil zu dieser Zeit wenige deutsche Bands Platten herausgebracht haben, meint Knörrer.





Mit "Aurora" von The HUE hat "ties" Anfang des Jahres seine 14. Platte released. Der Vertrieb sei mittlerweile schwieriger, weil wegen des Trends derzeit unüberschaubar viele Platten herauskämen und die Läden deshalb unbekannten Acts gegenüber skeptisch seien. "Aber ich mach trotzdem weiter", sagt er. Und wenn er auf den Platten sitzen bleibt? Als Antwort zitiert er Fast Forward (deutscher Raper und Plattenproduzent in den Neunzigern): "Wenn ich keine Platten verkaufe, dann setze ich mich in den Keller und scratche sie alleine kaputt."
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