Bayreuth
Politik

Humor, was sonst? Das Politcasting der Bayreuther Partei "Die Partei"

Der Bayreuther Kreisverband der Partei "Die Partei" hat am Samstag ihren Direktkandidaten per Casting-Show bestimmt. Der sieht Hoffnung in der Satire.
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Wolfgang Karl (links) zeigt schon zu Beginn der Casting-Show seine Siegerpose für den Einzug in den Bundestag. Rechts im Bild: Sein Kontrahent Julian Kreten. Foto: Markus Klein
Wolfgang Karl (links) zeigt schon zu Beginn der Casting-Show seine Siegerpose für den Einzug in den Bundestag. Rechts im Bild: Sein Kontrahent Julian Kreten. Foto: Markus Klein
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Klar, wenn die vom Satiremagazin "Titanic" gegründete Partei "Die Partei" eine Casting-Show veranstaltet, um einen Direktkandidaten für die kommende Bundestagswahl zu finden, geht es um Lacher. So verwunderte es auch nicht, dass Wolfgang Karl mit Heiratsschwindler-Charme und Spontanhumor das Duell für sich entschied. Unter dem Programmpunkt "mitreißende Rede" etwa stellte ihm sein Kontrahent Julian Kreten die berühmte Pornodialog-Frage "Warum liegt hier eigentlich Stroh?", worauf Karl einen eher gestik- als geistreichen Spontanvortrag darüber hielt, dass er die deutsche Strohindustrie unterstützen und die Bürgersteige mit Stroh auslegen werde, sobald er an die Macht komme. "Weil Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, weichen Boden unter Ihren Füßen verdienen!" Er begann mit der rhetorischen Frage "Warum liegt hier eigentlich kein Stroh?", setzte eine theatralische Pause nach, betonte seine Worte scharf und sprach das Publikum mehrfach direkt an. Er nutzte also jene überreizten Rhetorik-Tricks, die man aus der Politik seit Jahren kennt. Und eben das, verbunden mit dem inhaltslosen Thema, machte den Vortrag witzig.


Mehr als Fäkalhumor, Bier und Populismus?

Frei nach dem Partei-Motto "Inhalte überwinden" scheuten sich die Kandidaten auch nicht vor flachen Witzen. Beide thematisierten etwa immer wieder Karls Magen-Darm-Erkrankung: "Ich habe in den letzten Tagen alles Braune aus mir herausgedrückt", so einer von Karls Reaktionen auf den AfD-Vorwurf seines Kontrahenten Kreten, der sich ebenfalls auf eine Fäkal-Metapher stützte ("Mit Braunem kennt sich mein Kontrahent ja anscheinend gut aus").

Als Kreten sich einmal verhaspelt, daraufhin eilig ein Bier hinunterstürzt, und aus dem Publikum ein "Oh, das gibt Punkte!" erklingt, zieht Karl fleißig nach. Beide kommen am Ende der Show auf mindestens vier Halbe. Viel Bier trinken können ist wohl eine wichtige Fähigkeit für bayerische Politiker, nicht erst seit der "Partei". Erinnert sei an dieser Stelle etwa an Günter Becksteins Aussage, man könne nach zwei Maß Bier durchaus noch Autofahren.

Aber eben weil diese flache Politshow der Realität so erschreckend nahe kommt, ist sie auf ihre Art ernst. Auf die Frage, warum er heute hier sei, antwortet einer der etwa 30 Gäste im "Forum Phoinix": "Ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch wählen sollte." Laut Kreisvorsitzendem Michael Beck ist er damit ein durchschnittlicher Partei-Wähler. Erst vor vier Monaten hat Beck, laut eigener Aussage "enttäuschter Ex-SPD-Wähler", zusammen mit vier Gleichgesinnten den Bayreuther Kreisverband der "Partei" gegründet. Mittlerweile hat sie im Wahlkreis rund 60 Mitglieder, 20 davon sind regelmäßig aktiv.

"Ohne Populismus erreicht man in der Politik nichts mehr", meint Beck; "nicht erst seit der Trump-Wahl", fügt er hinzu. "Wir betreiben deshalb offenen Populismus. Der schließt aber echtes politisches Engagement nicht aus." Casting-Kandidat Julian Kreten äußerte im Vorfeld auch konkrete Ideen: Er möchte etwa Pflichtpraktika für Politiker einführen, damit diese den Draht zum Bürger und regulärer Arbeit wiederfänden. Nach seiner Wahl zum Direktkandidaten sagte Karl, er werde eng mit Kreten zusammenarbeiten, sei angewiesen auf dessen Ideen und Engagement.


"Volksfahrräder für die Zone"

Während der Casting-Show blitzten ab und an ernste Ansätze durch, wenn auch selten. Als Karl ausführte, er werde den "Rufen aus der Zone nach Volksfahrrädern" gerne nachkommen, "um der Verfettung im Osten entgegenzutreten", klingen die Lacher teils ein wenig verschluckt, angesichts des ernsten Hintergrundes (eine Anspielung auf die "Volksverräter-Rufe" auf Pegida-Demonstrationen).

Bei der Abschlussfrage, ob Satire wählbar sei, wird er dann von Satz zu Satz ernster: "Die CSU beweist seit 70 Jahren, dass Satire Normalität ist." Von Trump ("Fotze") über die Entwicklungen in Polen ("Klerikalfaschisten") und Ungarn ("Faschisten") kommt er zum Schluss, dass der Dialog zwischen Politik und Bürger in der heutigen Zeit verloren gegangen sei. Was die "Partei" von den extremistischen Protestparteien unterscheide, sei der Humor. "Der ist die letzte Rettung", meint Karl; "denn die Situation ist viel zu ernst, als dass man nicht darüber lachen müsste."


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