Der Krach ist brachial als die 600-PS-starken Monster ihre Kraft durch die Boxengasse des Sachsenrings brüllen, kurz bevor sie mit rauchenden Reifen und stinkenden Bremsen vor der Boxen-Crew zum Stehen kommen. Die Fahrer müssen verrückt sein, dass sie freiwillig in die Rennwägen der GT-Masters steigen.

Der Bamberger Lennart Marioneck wäre gerne einer dieser Verrückten. Er ist auf dem besten Weg dorthin, denn seit März fährt er in der ADAC-Procar-Serie Division 2. Dort hetzt er seinen 200-PS-starken Ford Fiesta über Europas Rennstrecken; das Auto ist ein, wie bei Tourenwagen üblich, für den Rennsport optimiertes Serienauto. Was sich im ersten Moment fast etwas niedlich anhört, relativiert sich schnell: "Mein Auto sieht zwar aus wie ein Fiesta, ich bin damit aber auf der Rennstrecke so schnell wie ein Straßen-Porsche."

Mit diesem Fiesta-Porsche war er bislang ziemlich schnell: Nach sechs von insgesamt 16 Rennen liegt der Neuling auf Rang 4 der Fahrerwertung. Eigentlich ein gutes Ergebnis, allerdings waren die letzten beiden Rennen am Sachsenring ein Reinfall: "Ich hatte null Grip", sagt er, den Blick in die Ferne gerichtet. Dasselbe Problem wie schon die Tage zuvor: Immer wieder ist das Auto über die Vorderachse ausgebrochen. Am Ende des Renntages standen ein fünfter und ein sechster Platz zu Buche. Enttäuschend, vor allem, weil Marioneck "ein sehr ehrgeiziger Fahrer" sei, sagt seine Freundin Doreen Seidel.

Dass der 23-Jährige heute überhaupt Rennen fährt, ist ungewöhnlich: Legenden wie Michael Schuhmacher haben bereits von Kindesbeinen an auf vier Rädern trainiert. Marionecks Karriere hingegen begann erst mit 17 Jahren. Der Zufall spielte dabei eine entscheidende Rolle: Eigentlich wollte ihn seine Mutter vor fünf Jahren bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC anmelden; das verwechselte sie mit einem Sichtungslehrgang für künftige Rennfahrer.

Ein unerhört teures Hobby


Ohne Hoffnung, gegen die harte Konkurrenz bestehen zu können, machte Marioneck mit - "zur Gaudi", erzählt er. Zu seiner Überraschung wählte ihn die Jury aus 60 Fahrern aus. "Das war der Wahnsinn", sagt Marioneck - und sein persönlicher Startschuss: Los ging es im ADAC-Logan-Cup, den er 2009 gewann. Im Jahr 2011 holte er in seiner zweiten ADAC-Cruze-Cup-Saison die Trophäe des Gesamtsiegers. Dieses Jahr der vorerst letzte Schritt: Seit März fährt Lennart Marioneck in der Procar-Serie Division 2 und wird dabei von der ADAC-Stiftung Sport unterstützt.

Ist Marionecks Karriere in der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM) also schon vorprogrammiert? Nein, denn Talent ist im Rennsport nicht alles. Um sich einen Namen zu machen, brauchen Nachwuchsfahrer vor allem eines: Geld - auch, wenn Marioneck nicht gerne darüber spricht. So viel verrät er: 80.000 Euro kostet die Saison in der Procar-Serie Division 2. Einen Teil finanziere die ADAC Stiftung Sport. Darüber hinaus muss er Klinken putzen und weitere Sponsoren gewinnen. Einen Teil der Kosten begleicht er aus eigener Tasche. Wie viel, möchte er nicht sagen.

Daher muss er sich vermarkten, was nicht Marionecks Lieblingsdisziplin ist - er will fahren! "Das ist für mich das tollste Gefühl, das es gibt." Der Kampf mit der Maschine und gegen andere Fahrer sind für ihn "wahnsinnig spannend". Um zu gewinnen, arbeite Marioneck auch abseits der Rennstrecke hart an sich, erzählt seine Freundin Doreen. Testfahrten am Rennsimulator, Sport und Koordinationsübungen. All das absolviert er neben seinem Studium der Automobiltechnik und dem Praktikum, das er gerade bei BMW in München macht.

Lennart Marioneck quält sich für sein Ziel: "Ich habe den Traum, vom Motorsport leben zu können. Aber das schaffen nur ganz wenige." Entweder ergattere er eine Anstellung als Werksfahrer oder "man finanziert den Sport durch Sponsoren und bekommt so viel Geld, dass für einen selbst etwas übrig bleibt". Der nächste Schritt für ihn wäre die Division 1 der Procar-Serie; hierfür hat er bereits eine vertraglich zugesicherte Option von seinem Team. Sein Herz zieht es jedoch woanders hin. "Die Division 1 ist cool", sagt Marioneck und muss dabei grinsen, "aber die GT Masters hat 40 Autos und 300 PS mehr."

Für die GT Masters, wo aufgemotzte Lamborghinis und Corvettes um die Wette rasen, müsste er zwischen 150.000 und 200.000 Euro pro Saison aufbringen. Viel Geld - allerdings mache diese Rennsportklasse die Sponsorensuche leichter. "Die GT Masters schafft eine ganz andere Plattform, weil die Rennen live im Fernsehen übertragen werden", erklärt er. Darauf arbeitet Lennart Marioneck hin. Sobald er die Erlebnisse vom Sachsenring verdaut hat.