Pommersfelden
Halligen

Zwischen Himmel und Meer

Ruhe, Weite, die klare Luft, das knisternde Watt. Warum gerade Franken und Friesen gut harmonieren? Eine Spurensuche in der Nordsee.
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Diana Fuchs
Diana Fuchs
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D er Kloß im Hals ist plötzlich da. Die Halligleute, die am Anleger stehen, werden immer kleiner. Sie winken nochmal. Dann gehen sie zurück in ihr Leben am Ende der Welt - "am schönsten Ende der Welt", findet Erich Marx. Gut, dass auf der Fähre, die einen wieder aufs Festland bringt, der Wind so schneidig weht. Angesichts solcher Umstände kann es einem schon mal ein bisschen Wasser in die Augen treiben.

Rasch verschwindet die Hallig am Horizont. Wie kleine, trutzige Burgen aus rotem Backstein ragen die Warften, die bewohnten Hügel, noch eine Zeitlang aus dem Meer, das in der Abendsonne glitzert. Erich Marx schaut auf die Nordseewellen. Ohne Worte nimmt er Abschied. So hat er es schon oft gemacht. "Zum Glück nie für lange!" Der 77-jährige Zirndorfer handhabt es so: "Sobald der Urlaub zu Ende geht, sagen wir unseren Halligleuten auf Langeneß schon, wann wir wieder kommen."

Von Franken nach Friesland - das ist seit über einem Vierteljahrhundert die Urlaubsachse der Familie Marx. Ganz zufällig war Erich Marx Anfang der 90er Jahre eine Beschreibung des nordfriesischen Wattenmeers in die Hände gefallen. "Durch dieses Faltblatt über die Küste Schleswig-Holsteins hab' ich erfahren, was eine Hallig ist." Die kleinen Eilande, die mehrmals im Jahr von der Nordsee überflutet werden, bis nur die künstlich aufgeschütteten Hügel - die Warften oder Warfen - herausragen, fand der Mittelfranke interessant. Er wählte die angegebene Telefonnummer. "Dort war zwar nichts mehr frei, aber man riet uns, auf der Nachbarwarf anzufragen - die hätten dort gerade den Stall zu Ferienwohnungen umgebaut, hieß es." So landete Erich Marx mit seiner Frau Christine sowie den Kindern Anna und Felix, damals vier und zwei Jahre alt, erstmals auf Langeneß.

Das flache Eiland hatte es ihm gleich angetan. "Wir haben mit den Kindern Muscheln, Austern und Tintenfisch-Schulp gesammelt, durften mit dem Postboten zum Hochseeangeln rausfahren, haben Aal und Makrelen geräuchert. Es war ein Traum. So viel Energie habe ich sonst noch nirgends getankt."

Ob mit dem Auto, dem Zug oder sogar dem Fahrrad: Familie Marx kam von nun an immer wieder zurück zur Hallig. Sohn Felix hat inzwischen selbst eine Familie gegründet und liebt die Auszeit im hohen Norden wie eh und je. "Sobald ich auf der Fähre bin, fahre ich das Geschäftshandy runter. Und mich gleich mit", sagt der Bauleiter.

"Gelassenheit lernen"

Wie sein Vater ist auch Felix Marx davon überzeugt, dass Franken und Friesen ähnlich ticken. "Die Leute sind vielleicht erst mal schroff. Aber wenn man sie näher kennen lernt, sind sie die liebsten Menschen." Es seien starke Persönlichkeiten, die auch bei Sturmflut und "Landunter" nicht die Nerven verlieren. "Von ihnen kann man Gelassenheit lernen", sind sich Vater und Sohn einig. Erich Marx fügt hinzu: "Wenn ich die Hallig betrete, habe ich das Gefühl, dass Hektik und Ballast von mir abfallen."

Das hat sicher auch mit der besonderen geografischen Lage der nur wenige hundert Hektar großen Halligen zu tun. Das Meer ist immer ganz nah, oft sieht man es von den Warften aus sogar ringsum. Das macht etwas mit einem. Auch wenn es komisch klingt: Das Meer kann Menschen erden.

Insgesamt gibt es zehn Halligen, ganzjährig bewohnt sind sechs: Langeneß, Hooge, Oland, Gröde, Süderoog und Nordstrandischmoor. Je nach ihrer Position in der Nordsee werden sie fünf- bis 20 Mal im Jahr überschwemmt. Meist läuft das Wasser etwa nach einem Tag wieder ab. Die so genannten Salzwiesen, auf denen im Sommer Schafe und Kühe weiden, werden beim Überfluten "aufgeschlickt" und sind ein ganz besonderer Lebensraum.

"Hier ist eine eigene Welt entstanden", berichtet einer, der das Weltnaturerbe und Biosphärenschutzgebiet besonders gut kennt: Dr. Hendrik Brunckhorst vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein. "Allein 300 Insektenarten gibt es nur hier auf den Halligen." Einzigartige Symbiosen zwischen Tieren und Pflanzen sind entstanden. So kann zum Beispiel der Käfer mit dem rekordverdächtigen Namen Halligflieder-Spitzma usrüsselkäfer seine Eier einzig und allein am Wurzelwerk des lila leuchtenden Halligflieders ablegen.

Im Frühjahr und im Herbst werden die Halligen außerdem zum vogelreichsten Gebiet Europas. Zehn Millionen Zugvögel legen jährlich auf ihrem Flug zwischen den Überwinterungsgebieten (also teilweise der Südspitze Afrikas) und den Brutgebieten der arktischen Tundren mehrwöchige Stopps im Wattenmeer ein. Gänse wie Grau-, Nonnen- und Ringelgans fressen auf den Salzwiesen - Letztere vor allem im Herbst besonders gerne auch das Seegras auf den Wattflächen. Dort trifft die Gans auf Knutts, Pfuhlschnepfen, Alpenstrandläufer und viele andere Vogelarten, die sich mit Muscheln, Schnecken und Würmern Energiereserven anfuttern. Sie zu beobachten und ihnen zu lauschen, ist nicht nur für "Ornis" (Ornithologen) ein Erlebnis. Es trällert, trillert, schnattert, tütet und piept in allen Stimmlagen.

Leider bedroht der Klimawandel auch dieses Paradies. Der steigende Meeresspiegel ist das Eine - ihm versucht man, mit Deicherhöhungen beizukommen. Das andere ist eine Verschiebung der Brutzeiten, etwa durch die immer früher beginnende Schneeschmelze in der Arktis. "Für Millionen Vögel ist es mittlerweile eine riesige Herausforderung, rechtzeitig die Brutgebiete zu erreichen", beschreibt Henrik Brunckhorst ein globales Problem.

Regional auf den Halligen ist Klimaschutz ein großes Thema. Betriebe können sich beispielsweise als "Nationalparkpartner" qualifizieren und dadurch zu nachhaltigem Leben - und nachhaltigem Tourismus - in Nordfriesland beitragen. Viele tun das aus tiefster Überzeugung heraus. "Wir Halligleute haben im Prinzip nur drei Einnahmequellen: Tourismus, Landwirtschaft und Arbeit beim Küstenschutz", bringt Langeneß' Bürgermeisterin Heike Hinrichsen es auf den Punkt. "Diese drei Standbeine sind unsere Zukunft."

Wo die Liebe hinfällt...

Für diese Zukunft sieht Cornelia Knudsen, geborene Fischer, nicht schwarz. Im Gegenteil. Die gebürtige Pommersfeldenerin lebt zwar nicht auf einer Hallig, aber gleich nebenan, auf der Insel Föhr. Vor über 30 Jahren hat ihr Vater ihr zur bestandenen Prüfung als Schreinermeisterin einen zweiwöchigen Urlaub in Nordfriesland geschenkt. Dass seine Tochter, die den Betrieb in Oberfranken weiterführen sollte, bei einer Ausflugsfahrt nach Helgoland den Mann fürs Leben kennenlernen würde - einen waschechten Matrosen -, konnte der Vater nicht ahnen. "Wo die Liebe hinfällt...", sagt die 65-jährige Cornelia heute lachend. Sie heiratete ihren Seemann, bekam mit ihm drei Kinder. "Ich habe lang gebraucht, um mich einzuleben, aber jetzt möchte ich nicht mehr zurück."

Sie liebt vor allem das Küstenklima. "Wenn ihr in Franken die große Hitze habt, ist es bei uns auch warm, aber nachts kühlt es schön ab." Mit ihren Feriengästen hat Knudsen die Erfahrung gemacht, dass die Menschen die ruhige Gegend entweder hassen oder lieben - "dazwischen gibt es nicht viel". Die allermeisten zählt Knudsen zur zweiten Gruppe.

Erich Marx, der Mittelfranke, gehört auf jeden Fall dazu. Beim Abschied von Langeneß atmet er ganz tief durch. Das ist gut gegen Abschiedsschmerz. Und für die Lunge. So reine Luft bekommt sie erst beim nächsten Besuch wieder.

INFO: Von Halligen und Warf(t)en

Halligen sind kleine Eilande in der Nordsee, die - im Gegensatz zu Inseln - mehrmals im Jahr überflutet werden. Bei Sturmfluten schauen nur noch die künstlich aufgeschütteten, bewohnten Hügel - die Warf(t)en - aus dem Wasser. Dieses Spektakel ist weltweit so einzigartig wie die Halligen selbst: Es gibt sie nur mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer an der nordfriesischen Küste. Die ständig bewohnten Halligen (Langeneß, Oland, Hooge, Gröde, Süderoog, Nordstrandischmoor) beherbergen Gäste in allen Kategorien, von der Ferienwohnung bis zum Sternehotel. INFOS: www.halligen.de; www.nationalpark-wattenmeer.de/sh

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