Bamberg
Premiere

Zweimal "Faust" an einem einzigen Abend: Saisonstart am E.T.A.-Hoffmann-Theater

Eine fordernde, aber gerade deshalb auch befriedigende Angelegenheit. Das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater startet mit "Faust 1 in 2" in die neue Saison.
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Sie verbindet ein Pakt auf Leben und Tod (v. l.): Faust (Stephan Ullrich) und Mephisto (Eric Wehlan)  Foto: Martin Kaufhold
Sie verbindet ein Pakt auf Leben und Tod (v. l.): Faust (Stephan Ullrich) und Mephisto (Eric Wehlan) Foto: Martin Kaufhold

Turnschuhe und Engelsflügel, die schöne Helena und das irre gewordene Gretchen, eine frivole Witwe und ein in Rätseln sprechender Homunkulus. Was Johann Wolfgang Goethe in zwei eigenständigen Tragödien zu einem Kaleidoskop der menschlichen Natur entfaltete, verwebte das E.T.A.-Hoffmann-Theater am Freitag in weniger als drei Stunden zu einem großen Ganzen.

"Faust 1 in 2" nennt sich in betonter Bescheidenheit, was sich in Wahrheit mit den titanischen Ambitionen des Heinrich Faust messen darf. Für ihre Entscheidung, beide "Faust"-Teile miteinander zu vermengen, können die Theatermacher allerdings künstlerisch schlagende Gründe reklamieren.

Erst "Faust I" und "Faust II" zusammen erfassen die von Erkenntnisdrang und sinnlichem Erlebnishunger motivierte Weltfahrt des Heinrich Faust in ihrer Gesamtheit.

Ihr Tod, seine Schuld

Der Tragödie erster Teil handelt von Gretchen (Anne Weise) und Faust (Stephan Ullrich), ihrer von Mephisto (Eric Wehlan) gestifteten Liebesbeziehung, dem an-, dann abschwellenden Begehren Fausts, Gretchens Tod und Fausts Schuld. Hier im ersten Teil auch verpfändet Faust im Tausch gegen diesseitige Genüsse dem Teufel seine Seele.

In der Tragödie zweiter Teil besucht der vom "Heilschlaf des Vergessens" sanierte Faust unter Führung Mephistos Figuren der antiken Mythologie, die Menschenzuchtstation des Gelehrten Wagner oder den Hof eines dekadent über seine Verhältnisse lebenden Kaisers (Stefan Herrmann). Der erste Teil verhandelt Begierden, Triebe, Leidenschaft. Der zweite Teil Gesellschaft, Kunst, Naturunterwerfung.

Die von Dramaturg Remsi Al Khalisi erarbeitete und und Intendantin Sibylle Broll-Pape inszenierte Fassung bricht die Chronologie der beiden Teile auf und setzte einzelne Szene zu neuer Ordnung zusammen. Aufmerksamkeit schenken die Bamberger weniger den sinnlichen Versuchungen des ersten Teils als den gesellschaftspolitischen Implikationen des zweiten. Diese Fokussierung verrät bereits das Bühnenbild. Die Flucht eines Rechenzentrums ist dort zu sehen, auf der Bühne stehen an Hochleistungsserver erinnernde Kästen. Aus dieser Anordnung spricht der Anspruch, die Gesellschaftsanalyse Goethes auf unsere von Big Data, Künstlicher Intelligenz und hochtourigem Finanzkapitalismus geprägte Gegenwart zu übertragen.

So durfte wer wollte bei Mephistos verwegener Geldschöpfung auch an EZB-Chef Draghi und seine ultralockere Geldpolitik denken.

Rohstoff für Assoziationen

Glücklicherweise zwangen Al Khalisi und Broll-Pape Goethes Menschheitsparabel nicht in das enge Korsett einer bis ins Detail ausformulierten Gegenwartskritik. Vieles blieb Anspielung, dem Zuschauer überlassener Rohstoff für freies Assoziieren.

Und dennoch: In seiner Genusssucht, die keinen Aufschub duldet, und seinem Machbarkeitsglauben, der blind ist für dessen Nachtseiten, war unmissverständlich der Gegenwartsmensch adressiert. Konsequenterweise steckte Bühnenbildnerin Trixy Royek Faust und Mephisto in den Casual Chic unserer Tage: Chinos, Pullover, teure Sneakers. Anders als bei Goethe ist der Bamberger Faust auch kein Ausnahmemensch. Wie Mephisto ist er eine Durchschnittstype.

Nur sollte man die Durchschnittlichkeit ihrer Figuren nicht mit einer schauspielerischen Blässe Ullrichs und Wehlans verwechseln. Gerade weil ihr Spiel nicht in exzentrische Selbstverausgabung kippte, rückte Wehlan seinen Mephisto und Ullrich seinen Faust den Zuschauern nahe.

In der Tragödie zweiter Teil lässt Goethe in Szenen zersplittern, was im ersten Teil noch dramaturgisch dicht gewirkt ist. Das hatte Folgen für die Bamberger Inszenierung. Wer aus Schule oder nachholender Lektüre nicht mindestens grob über "Faust II" orientiert war, drohte sich am Freitag in dessen verschwenderischen Kulissen zu verlaufen. Um im Reigen der Figuren und Bezüge nicht Geduld und Lust zu verlieren, mussten die zeitweilig Orientierungslosen unter den Zuschauern Halt bei berückenden Bildern suchen. Es gab sie gottlob in ausreichender Zahl:

Helena (Carlotta Freyer) hinter Glas; Euphorion (Denis Grafe) mit Raketenantrieb um die Schulter; eine Videoeinspielung, die in graustichiger Militärästhetik Raketenangriffe zeigt; Goethe schließlich, dem Broll-Pape im Kostüm eines Wanderers einen Auftritt bei den tattrig alten und zugleich der Zeitlichkeit enthobenen Baucis und Philemon spendierte.

Geschlossene Leistung

Die Premiere trug das Ensemble gemeinsam auf den Schultern. Im Jargon der Sportberichterstattung wäre von einer geschlossenen Mannschaftsleistung die Rede. Keiner spielte die anderen an die Wand, auch die kraft ihrer Rollen im Mittelpunkt stehenden Wehlan und Ullrich reihten sich ins Ensemble ein.

Am ehesten noch Ewa Rataj ragte heraus, ihrer Ausstrahlung und kristallklaren Sprache wegen. Einige Schauspieler schienen sich erst nach der Pause von Druck und Anspannung freigespielt zu haben. Die Körperhaltung straffer, die Aussprache deutlicher, die Präsenz intensiver. Am größten war die Verwandlung bei Carlotta Freyer und Clara Kroneck.

Von Beginn eins mit seinem Können war Daniel Klein. Am Schlagzeug untermalte er die Szenen nicht nur. Er dramatisierte sie, rhythmisierte und schärfte sie zu. Dass Klein mit den Schauspielern gleichberechtigt auf der Bühne saß, unterstrich seine künstlerische Bedeutung.

Am Ende applaudierte das Publikum nicht nur verdientermaßen lang den Schauspielern und der Regisseurin, sondern vielleicht ein wenig auch sich selbst. "Faust 1 in 2" bedeutete anspruchsvolle Geistesarbeit. "Faust 1 in 2" bedeutete aber gerade deshalb eine befriedigende Erfahrung.

Im geistig-schöpferischen Tätigsein liegen Sinn und Selbstgenuss. Das erkannte in der Sekunde seines Todes Heinrich Faust. Ensemble und Publikum erwiesen sich dieser Erkenntnis am Freitag als würdig.

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