Schlüsselfeld
EISENBAHN-Modellbau

Zug um Zug ein Glücksgefühl

Warum neun Franken ihre eigene Mini-Welt erschaffen und weshalb "Locken" überhaupt keine haarige Angelegenheit sind.
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Fünf Jahre lang hat Peter Fischer an seiner N-Spur-Anlage gearbeitet. Jetzt ist sie ein phänomenales Schmuckstück.  Claus Dick
Fünf Jahre lang hat Peter Fischer an seiner N-Spur-Anlage gearbeitet. Jetzt ist sie ein phänomenales Schmuckstück. Claus Dick
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Zwei Männer haben ihr Chevrolet am Straßenrand geparkt und sind ausgestiegen. Jetzt stehen sie nebeneinander am Graben - und pinkeln. Im nahen Wäldchen ist eine Treibjagd in vollem Gang: Jäger und Hunde sind in heller Aufregung. Aus der Tür des Fachwerk-Gasthauses im Dorf winkt eine lachende Frau im roten Kleid. Es ist die Momentaufnahme des Lebens in einem Bergdorf, durch das ein munteres Bächlein fließt, Eisenbahnschienen und Straßen sich kreuzen. Alles ist 160-mal kleiner als in Wirklichkeit. Peter Fischer aus Thüngfeld am Drei-Franken-Eck hat diese "Welt in Klein" gestaltet. Mit Styrodur, Abtönfarbe, Holz, Leim, Modellierwerkzeug, Schrauben, mit viel Fantasie, Geduld und Liebe.

Der 63-jährige Natursteinleger ist direkt neben der Bahnstrecke Schlüsselfeld-Bamberg aufgewachsen. In seinem Beruf hat er eher mit schweren Brocken zu tun - vielleicht befasst er sich auch deshalb in seiner Freizeit gern mit dem Gegenteil: mit leichten, beweglichen Bahn-Miniaturen. Fünf Jahre lang hat er an der filigranen Szenerie gebaut, an Felsen unter blauem Himmel, an Häusern und Geschäften, Straßen, Gebüsch, Baumgruppen, Feldern, Schienen, Signalanlagen und allerhand anderen Eisenbahn-Untensilien. Er hat heimlich abends und am Wochenende gewerkelt, denn er wollte seine Modellbau-Freunde überraschen. "Das ist ihm richtig gut gelungen, wir waren alle restlos begeistert", erzählt Bernd Deinlein. Wie Peter Fischer gehört der 48-jährige Kupferschmied zu den neun Mitgliedern der "Modell- und Lokalbahnfreunde Reicher Ebrachgrund".

Wenn schon die Modelleisenbahn-Freaks hin und weg sind, ist es ja kein Wunder, dass der Laie minutenlang schaut und staunt: Da stehen winzige, knapp einen Zentimeter große Fotografen am Rand der Bahnstrecke und blitzen die historische Dampflok mit ihren Mikrokameras an, sobald sie vorbeizischt. Die Straßenschranke hinterm Andreaskreuz geht automatisch zu, wenn sich ein Zug nähert. Und während die Waggons am Miniatur-Königssee vorbeirattern, ertönt das traditionelle Trompetenspiel. Inklusive Echo.

Planen, Palavern, Bauen

Wenn sie etwas machen, dann machen sie's richtig, die fränkischen Modellbauer. In Thüngfeld bei Schlüsselfeld treffen sie sich immer freitags zum Planen, Palavern und Bauen. "Im Vereinsheim Peter", sagt Bernd Deinlein grinsend; tatsächlich gleicht das Untergeschoss von Peter Fischers Wohnhaus einem Abenteuerland für Modellbau-Fans. Realitätsgetreue Landschaften mit ausgeklügelten Elektroschaltungen zeugen von handwerklichem und elektronischem Geschick. "Ach, des is doch nur a Motor. Und a Welle, a bissle löten und a paar Hebeli", winkt Fischer ab. Understatement auf Oberfränkisch.

Dann gibt der 63-Jährige zu, was ohnehin jeder sieht: Mit "ein bisschen Eisenbahn spielen" hat das nichts mehr zu tun. Gegenüber von Peter Fischers neuer Heimbahn, für die er eigens ein exakt passendes Bergpanorama als Hintergrundkulisse hat drucken lassen, stehen aufeinandergestapelt seltsame Holzkisten. Zehn Stück, je gut zwei Meter lang und etwa einen halben Meter tief. Was da wohl drin ist?

Peter Fischer und Bernd Deinlein h

eben den Deckel der obersten Kiste an. Zum Vorschein kommt ein Stück Bahnstrecke, das es genau so auch "in Groß" gibt. "Beim Blick auf ein Foto der Bahnstrecke Frensdorf-Schlüsselfeld ist uns 1997 die Idee gekommen, einen Teil dieser Strecke im Maßstab 1:87 nachzubauen", erzählt Fischer. Mit "uns" meint er sechs Männer aus der Umgebung, die im Jahr zuvor die Hobby-Modellbau-Gemeinschaft gegründet hatten. Bernd Deinlein deutet in die Holzkiste ergänzt: "Das, was man hier sieht, ist quasi ein Teil von einem Riesenpuzzle."

Das Modul in der geöffneten Kiste passt genau zwischen zwei andere Teilstrecken. Insgesamt wird die 60er-Jahre-Modellwelt sage und schreibe 20 Meter lang. "Wir haben jahrelang daran gebaut und viele Details speziell angefertigt. Dafür waren wir sogar im Münchner Hauptverkehrsarchiv und haben uns die Streckenpläne der Bahn besorgt", berichtet Peter Fischer. "Alles soll lebensecht sein." Die Modellbaufreunde zeigen ihre Spezialbahn zum Beispiel bei Ausstellungen befreundeter Modellbauvereine gern einem breiten Publikum. Alle zwei Jahre organisieren sie zudem eine eigene Ausstellung in der Stadthalle Schlüsselfeld.

Dennoch: Andere zu begeistern ist nicht das Hauptziel der Modellbauer. Vor allem lieben sie ihr Hobby, weil es für sie selbst "so richtig schön entspannend ist", sagt Bernd Deinlein. Abends, nach der Arbeit, bringe es einen "sehr gut runter". Man müsse sich konzentrieren und vergesse dabei den Stress des Tages. Allerdings gibt Bernd auch zu: "Deswegen haust' aber natürlich trotzdem mal so a Trumm in die Eck'n." Geduld und Nerven haben auch bei Modellbauern ihre Grenzen.

Löten, leimen, verdrahten und verzieren

Fingerspitzengefühl und ein gutes dreidimensionales Vorstellungsvermögen haben sie jedoch allesamt. Peter Fischer, der schon als Kind mit Märklin-Modellbahnen spielte, macht aus seinem Anspruch keinen Hehl: "Wir versuchen schon, Perfektion zu schaffen." Seine Frau Irmgard weiß zu gut, dass die Leidenschaft ihres Mannes sich im Ganzen gesehen positiv auswirkt. Statt über die viele Zeit zu jammern, die für sein Hobby draufgeht, kümmert sie sich bei Ausstellungen zusammen mit den anderen Frauen um die Kuchenbar und sagt ansonsten weitsichtig zu ihrem Mann: "Wennste die Bahnen wegtust, simmer g'schieden." Das will Peter natürlich keinesfalls.

Also werkelt er weiterhin im Kellergeschoss. Er lötet und leimt, verdrahtet und verziert. Zwischendurch murmelt er etwas von "besten Locken". Der Laie ist irritiert. Da klärt Bernd Deinlein die Sache: Was nach toller Frisur klingt, ist der regional-fränkische Plural von Lok.

Apropos "locken": Im Sinn von Nachwuchs begeistern passt das Wort ebenfalls zu den Modellbaufreunden. "Heutzutage kann man Züge ja sogar schon mit dem Handy steuern", berichtet Peter Fischer. "Die Hersteller versuchen, über digitale Technik neue Fans zu ködern." Die "alten Hasen" der Modellbaugruppe zeigen jungen Interessierten gerne, wie Steuerungen und Schaltkreise funktionieren. In den eigenen Familien haben sie mit ihrer Leidenschaft schon manch einen angesteckt. Bernds Töchter zum Beispiel helfen immer wieder beim "Basteln" mit. Die zehnjährige Doro malt gerne Kulissen an und die 16-jährige Celine ist "eine Meisterin beim Bau von filigranen Häusern und Ähnlichem", findet Bernd Deinlein. Celine kontert grinsend: "Naja, wenn man den Vater nirgendwo anders finden konnte, dann ist man halt doch mal in den Keller gegangen und hat sich da ein bisschen was abgeguckt."

Peter Fischer lacht. Bei seiner Tochter war es ähnlich. "Das ist auch etwas, was mir am Modellbau richtig gut gefällt", sagt er: "Dass man verschiedene Talente braucht und gemeinsam etwas Einzigartiges erschaffen kann." Die Geselligkeit und das Miteinander bei den Team-Abenden schätzt der 63-Jährige sehr. Mindestens ebenso sehr wie die Miniatur-Welt an sich.

Infos: www.modellbahnfreunderebg.de Modellbahnschau: Die Modell- und Lokalbahnfreunde Reicher Ebrachgrund sind am Samstag und Sonntag, 28. und 29. September, bei den Eisenbahnfreunden Mellrichstadt zu Gast. Dort findet in der Oskar-Herbig-Halle eine Modellbahnschau statt. Infos: www.eisenbahnfreunde-mellrichstadt.de

Bücher zu gewinnen !

Der Autor: Der Bamberger Journalist und Fotograf Claus Dick hat sich auf die Spuren spannender Modellbahnwelten begeben. Dieses Buch ist daraus entstanden: Modellbahnwelten - ganz groß - Die schönsten Märklin-Anlagen in H0, GeraMond-Verlag, 168 Seiten, ca. 240 Abb., ISBN: 978-3-95613-060-1, Verkaufspreis: etwas 30 Euro. Erstmals sind die schönsten H0-Anlagenporträts aus dem Märklin-Magazin in einem Bildband vereint, der Fans zum Träumen einlädt, aber auch viele Anregungen bietet für die eigene Anlage. Launige Portäts der Erbauer der vorgestellten Modellbahn-Wunderwerke ergänzen die detailreichen Bilder. Buchverlosung: Wer möchte eines von Claus Dicks Bahnwelten-Büchern geschenkt bekommen? Dann einfach eine Mail an d.fuchs@infranken.de schreiben und eine originelle Begründung liefern, warum gerade er/sie gewinnen sollte. Einsendeschluss ist Montag, 12. August, 10 Uhr. Viel Glück! Die fünf Gewinner erhalten ihre von Claus Dick handsignierten Bücher auf dem Postweg, deshalb bitte Adresse angeben.

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