Bamberg
Kommunalwahl

You Xie - der Senkrechtstarter der Bamberger CSU

Er hat sie alle abgehängt: den Parteichef, den Abgeordneten, den Mann der Ministerin. Ausgerechnet ein Exil-Chinese stiehlt den Oberen der Bamberger CSU die Schau. Und ist nun schon für hohe Ämter im Gespräch. Hier finden Sie auch ein Video-Interview mit You Xie. Und können über das Phänomen abstimmen.
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In China-Fan-Imbiss greift You Xie gelegentlich zur Pfanne. Künftig will er auch im Bamberger Rathaus mitmischen. Foto: Ronald Rinklef
In China-Fan-Imbiss greift You Xie gelegentlich zur Pfanne. Künftig will er auch im Bamberger Rathaus mitmischen. Foto: Ronald Rinklef
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Im China Fan-Imbiss am Bamberger Kranen ist an diesem Dienstagvormittag ziemlich viel los. Es kommen Leute, die gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch für vier Euro bestellen oder "Ente mit Gemüse". Aber mehr noch wollen dem Hausherren gratulieren, der zur Symbolfigur für die Kommunalwahl 2014 geworden ist. Ein politischer Senkrechtstarter zwischen Pfannen und Tellern.

You Xie, der Bamberger Deutsch-Chinese, ließ sie alle hinter sich: den Kreisvorsitzenden Christian Lange, den langjährigen Landtagsabgeordneten Helmut Müller und Markus Huml, den Mann von Gesundheitsministerin Melanie Huml.



Xie sammelte 10 621 Stimmen
Xie ist die gute Nachricht einer Wahl, die in Bamberg nicht nur gute Nachrichten produzierte und eine nie da gewesene Materialschlacht auslöste. Während die Wahlbeteiligung auf 44 Prozent stürzte, startete der Seiteneinsteiger durch wie kein zweiter. 10621 Stimmen hat der Neuling gesammelt, mehr als jeder andere Kandidat auf der CSU-Liste - und das in einer Stadt, die einmal als sehr konservativ galt. Schon fragen sich erste Bamberger, wann sie einen "Bülgelmeistel" bekommen. Auf einen solchen Posten könnte Xie mit seiner Stimmenzahl Anspruch erheben. Doch er bleibt bescheiden.

Multikulti im Bamberger Stadtrat. Der Durchmarsch des Chinesen auf der CSU-Liste entzückt viele Bürger, die sich nach einem mit harten Bandagen geführten Wahlkampf genervt fühlten über das pausenlose Hickhack der politischen Gegner. Politprofis bringt Xies Coup unterdessen ins Grübeln: Ist der Sieg des Exoten über erfahrene kommunalpolitische Haudegen nicht der Beweis, dass Inhalte im Wahlkampf kaum mehr zählen? Diese Frage stellt sich der grüne Politiker Peter Gack. Für Andreas Starke (SPD) ist Xie ein positives Phänomen. Der Bamberger OB glaubt, dass die Wähler ein feines Gespür dafür besitzen, ob sich Kandidaten wirklich für das Gemeinwohl interessieren. Xie - das Gegenmodel zum glatten Berufspolitiker.

Auf alle Fälle ist der 55-Jährige bekannt. Der Exil-Chinese, der 2010 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, betreibt seit 18 Jahren einen China-Imbiss am Rande der Bamberger Fußgängerzone. Dort, wo sich die Fußgängerströme zur Universität und zu mehreren Gymnasien vereinigen, wird die gebratene Peking-Ente zu 5,50 Euro gewissermaßen mit Liebe zur Demokratie serviert.

Xie kam 1988 als Germanistikstudent nach Bamberg, ein Jahr vor den Unruhen auf dem "Platz des Himmlischen Friedens". Als regimekritischer Journalist und Schriftsteller lässt er sich den Mund nicht verbieten, kämpft für Pressefreiheit und Demokratie in seiner Heimat, was ihm ein Einreiseverbot bescherte. Es ist bis heute gültig.

1988 kam er nach Bamberg
Wer andernorts verfolgt wird, lernt die Demokratie in Deutschland schätzen. Und schüttelt den Kopf, wenn er an die Wahlbeteiligung hierzulande denkt. Xie ist dankbar: "Bamberg hat es mir leicht gemacht. Ich kam mit leeren Händen und möchte etwas zurückgeben."

Im Wahlkampf verteilte der Kunstfreund und Goethekenner Glückskekse an Passanten. Glück hatte zweifellos auch er. Von Platz 29 auf 1 - wie schwer ein solcher Siegeszug im Zeitalter gelangweilter Wähler fällt, können nicht nur Politprofis beurteilen. Auch Wissenschaftler hat Xie überrascht. Zum Beispiel André Haller, der für die Uni Bamberg den Wahlkampf erforscht. Der Riesensprung eines Neulings auf einer etablierten Liste ist für ihn so etwas wie ein Sechser im Lotto. Absolut bemerkenswert. "Ich kann mir das nur so erklären, dass ihn viele Leute gewählt haben, die sonst nicht CSU wählen."

Diese These findet auch bei den Christsozialen Anklang: "Er ist der Paradiesvogel unter all den Schlipsträgern. Und er hat einen tollen Wahlkampf gemacht", meint Helmut Müller, Bamberger CSU-Urgestein und selbst einer, der vom chinesischen Parteifreund überflügelt wurde.

Tatsächlich fiel die pfiffige Plakatkampagne des Imbiss-Betreibers auf im Meer der plumpen Werbesprüche. "Ich bin ein Bamberger" war da durchaus selbstironisch unter seinem Konterfei zu lesen. Vor allem jener Slogan begeisterte viele in Bamberg: "Ente gut, alles gut".

Das Beispiel zeigt, dass man auch mit Gebratenem Stimmen fangen kann. Oder gerade mit Gebratenem. Als es am Wahlsonntag im China Fan-Imbiss Peking-Ente zum halben Preis gab, da ließen sich viele Bamberger nicht lange bitten.
 


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