Bamberg
Ausstellung

Wunsch nach Nähe und Distanz

Im Kunstraum Kesselhaus in Bamberg reflektieren BBK-Künstler den Satz "Wish You Were Here" im Gedenken an einen verstorbenen Pink-Floyd-Gitarristen.
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Sehnsucht nach Toleranz und Frieden: Thomas Michel vor seinem Werk "American Dream" Alle Fotos: Ronald Rinklef
Sehnsucht nach Toleranz und Frieden: Thomas Michel vor seinem Werk "American Dream" Alle Fotos: Ronald Rinklef
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Kleine Quizfrage für Pop-Historiker, sagen wir mal jünger als 40: Welcher scheinbar verschollene Musiker wurde zum Thema eines Songs der britischen Band "TV Personalities"? Dieser Musiker ist nun auch schon 13 Jahre tot, nachdem er jahrzehntelang im Drogensumpf versunken war. Was das alles mit der aktuellen Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken (BBK) im Kesselhaus zu tun hat? Der Musiker war der genialische Syd Barrett, in der frühen Phase der Gruppe Pink Floyd Gitarrist und maßgeblicher Ideengeber. Nachdem er wegen Drogenkonsums psychotisch geworden war, ersetzte ihn die Band, gedachte seiner jedoch mehr oder weniger schuldbewusst immer wieder.

So auch in ihrem 1975 veröffentlichten Album "Wish You Were Here". Zwei Stücke darin, der Titelsong und "Shine On You Crazy Diamond", widmeten sich explizit dem wahnsinnig gewordenen Barrett. Und "Wish You Were Here" lautete das Motto, unter dem BBK-Künstlerinnen und -Künstler ihre Arbeiten von einer verbandseigenen Jury begutachten ließen. Die ausgewählten Werke sind nun im Kesselhaus zu sehen.

Es ist eine breite Spanne an möglichen Interpretationen des Albumtitels und der verwendeten Techniken zu sehen, naheliegend, überraschend und bestürzend. Nahe liegend etwa sind die Drucke, die Chris Engels im abgetrennten "Hinterstübchen" des Kesselhauses positioniert hat. Digital bearbeitete Fotodrucke ihrer vor geraumer Zeit verstorbenen Eltern sind auf Acryl montierte sie auf Acryl. Darüber steht "Wish You Were Here (sometimes)". Wer bereute nicht ungehaltene Gespräche mit Toten? Aber eben nicht immer - zum Erwachsenwerden gehört die Emanzipation von den Erzeugern.

An Arthur Schopenhauers Parabel von den Stachelschweinen, die einen gesunden Abstand zwischen Nähe und Distanz zum Zwecke eines gedeihlichen Zusammenlebens finden müssen, erinnert ein Ausschnitt aus der Serie "Hautnah", die Dagmar Ohrndorf als eine Art Triptychon an die Wand gehängt hat.

Haptisches Erlebnis

Fotos von Körperoberflächen, detailliert und in Nahaufnahme, sind auf Stoff übertragen worden, gerne anzufassen als haptisches Erlebnis. Was ist noch interessant, was stößt ab? Wünsche ich mir, dass du mich mit deiner Körperlichkeit bedrängst, oder stößt du mich ab?

Ebenfalls als Triptychon ist die originellste Arbeit dieser jedoch in jedem Fall sehenswerten Ausstellung von Thomas Michel konzipiert. Die "Sehnsucht nach Toleranz und Frieden" möchte er visualisieren, auch auf das Plattencover des Pink-Floyd-Albums zurückgreifend, das auf die vier Elemente verweist. Sein "American Dream" zeigt ein Kind hinter Gittern, der "Darkroom" surreale Elemente, "Ecce homo" als uraltes künstlerisches Motiv entpuppt sich erst nach dem Betrachten durchs Smartphone als Abbild der gequälten Kreatur. Denn Michel verwendete invertierte Farben, um den Betrachter zunächst zu schonen und zu irritieren.

Ähnlich beängstigend wirken die großformatigen Bilder Gudrun Schülers im Schacht und an der Wand des Kellerhauses. In einer Zeile des Songs "Wish You Were Here" wird gefragt, ob man wahre Gefühle von Maskerade unterscheiden könne. Totenmasken könnten Schülers düstere Gesichter auch sein. Scheinwelten seien auch die Social-Media-Universen, die über 40 Jahre nach der Veröffentlichung der Platte omnipotent geworden seien. Man denkt an die Pathologie, die einst neben dem Kesselhaus platziert war. Eine leicht gruslige Assoziation beim Betrachten der sinistren Bilder in Mischtechnik von oben.

Wesentlich lebensfroher kommen die Fotos auf Stoffbahnen daher, die Monika Meinhart zum Syd-Barrett-Zitat "I'm living, I'm giving to find you" eingefallen sind. Sie durchstreift ihre Stegauracher Heimat, fotografiert und sammelt auf Dachböden, inspiziert Familien- und andere Alben, die sie zu einem Künstlerbuch kompiliert hat. Ihr geht es um die Dichotomie von Wahrheit und Fiktion, um die trügerische Kraft der Erinnerung.

Das Eigene und das Fremde

Vielleicht am weitesten entfernt vom gestellten Thema hat sich Waltraud Scheidel mit ihren auf chinesischem Papier gedruckten Polygonen. Freilich bezieht sie sich auch auf die Songzeilen "So you think you can tell / heaven from hell ..." über die Ambivalenzen der Wahrnehmung. Andrea Buckland beschriftete eine drei Meter lange Rolle mit "Ich bin" in diversen Sprachen, wieder geht es um Nähe und Distanz, das Eigene und das Fremde.

Direkt Bezug auf den unglücklichen Syd Barrett nimmt dagegen Christa Hoppe mit einem über vier Meter hohen und sechs Meter breiten Vorhang, den sie aus gebrauchten Kaffeetüten zusammengenäht hat und der vom Eingang des Kesselraums sofort ins Auge fällt. Als Hommage an Syd Barrett versteht sie ihre Installation, die einerseits wie Thomas Michel die vier Elemente des Albumcovers zitiert, andererseits Morbidität, Zerfall und Niedergang analog zur Drogensucht des Musikers symbolisieren soll.

Eine schöne Ausstellung in interessantem Ambiente, die auch dazu animieren könnte, wieder einmal die frühen Platten Pink Floyds hervorzukramen. Kenner halten sie für die besten der späteren kommerziell ungemein erfolgreichen, aber auch konventionelleren Supergruppe.

Ausstellung "Wish You Were Here" im Kunstraum Kesselhaus, Untere Sandstraße 42, Eingang am Leinritt Öffnungszeiten Freitag 15-18 Uhr, Samstag/Sonntag/Feiertag 11-18 Uhr, bis 27. Oktober

Begleitprogramm 28. September, 18 Uhr: geführte Meditation mit Andrea Buckland zum Thema "Ich bin ..."; 19. Oktober, 15 Uhr: Kinder erklären Kunst, Kinder führen durch die Ausstellung; Donnerstag, 3. Oktober: (Kunst-)Bücherflohmarkt, 11-18 Uhr, Kesselhaus Verkauf Interessenten melden sich beim BBK unter 0951/2082488

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