Bamberg
Geburtshilfe

Wunder mit Wohnzimmer-Flair

Nicht jede Geburt muss im Kreißsaal einer Klinik stattfinden. Da sich viele Frauen eine Entbindung in den eigenen vier Wänden nicht vorstellen können, gibt es weitere Optionen. Geburtshäuser können eine Alternative darstellen.
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Nach der Geburt ist vor der Geburt: Hebamme Veronica Walther arbeitete im Bamberger Geburtshaus, das 2019 wieder eröffnet.Christian Bauriedel
Nach der Geburt ist vor der Geburt: Hebamme Veronica Walther arbeitete im Bamberger Geburtshaus, das 2019 wieder eröffnet.Christian Bauriedel
Langweilig wird es in ihrem Job nie. Schließlich ist Veronica Walther als Hebamme regelmäßig dabei, wenn neues Leben das Licht der Welt erblickt. Mehr noch, sie begleitet Menschen dabei, zu einer Familie zusammenzuwachsen und nutzt ihren reichen Erfahrungsschatz, um das frische elterliche Glück bestmöglich zu betreuen. Der 30-jährigen Bambergerin ist ihre Arbeit mehr Berufung als Beruf. Genau das hilft ihr dabei, trotz der enormen Verantwortung und der hohen Arbeitsbelastung eine gute Hebamme zu sein.

"Jede Geburt ist ein Naturwunder", sagt Walther. Etwa 50 bis 60 Entbindungen betreut sie im Jahr. Im Vergleich zu einer an der Klinik angestellten Hebamme mag diese Zahl gar nicht so hoch klingen - da kommen schnell dreimal so viele zusammen. Aber bei der Geburt hört ihre Arbeit lange nicht auf - und fängt auch nicht da an. "Wir leiten Vorbereitungskurse, führen Vorsorgeuntersuchungen durch und sind den Müttern und Vätern wichtige Ansprechpartnerinnen am Wochenbett", erklärt die 30-Jährige.



Auf außerklinische Geburtshilfe spezialisiert



Sie hat sich gleich nach der Ausbildung auf die außerklinische Geburtshilfe spezialisiert. Zumeist freiberufliche Hebammen helfen werdenden Müttern entweder dabei, in den eigenen vier Wänden zu entbinden. Oder sie betreuen die Frauen in sogenannten Geburtshäusern. Deren Vorteil liegt für Walther auf der Hand: Erstens sei in der Regel eine persönlichere Eins-zu-eins-Betreuung möglich, weil sich Hebammen und Familien über einen langen Zeitraum kennenlernen. "Zudem sollten Geburten im heimeligen Rahmen stattfinden - der lässt sich in solchen Häusern eher herstellen als in der Klinik", so Walther.

Das Prinzip der Geburtshäuser ist erst in den 1990er Jahren entstanden, um neben Hausgeburt und Klinikentbindung eine weitere Option zu schaffen. Meistens arbeiten die Hebammen dort ohne ärztliche Aufsicht. Das bringt allen Beteiligten auf der einen Seite viele Vorteile. "Auf der anderen Seite muss den Frauen klar sein, dass eine Schmerzbekämpfung meist nur mit homöopathischen Mitteln möglich ist", sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammenlandesverbandes (BHLV). Deswegen lehnen Geburtshäuser normalerweise auch jegliche Risikoschwangerschaften ab. Treten bei der Geburt doch einmal Besonderheiten auf, wird die Entbindende in die Klinik verlegt.


Berufsbild immer komplexer




Der BHLV hat in Franken derzeit sieben Geburtshäuser registriert. Wobei die Bamberger Einrichtung, in der auch Veronica Walther aktiv war, erst im Mai 2019 unter neuen Strukturen wieder öffnet. Vor allem für freiberufliche Hebammen ist es sinnvoll, sich zu organisieren. Erstens können sie mit einem Team im Rücken noch bessere Betreuungsarbeit leisten. Zweitens ist es einfacher, zeitaufwendige Aufgaben wie Akquise und Buchhaltung auf mehrere Schultern zu verteilen. Zumal sich das Berufsbild der Hebamme immer komplexer gestaltet.

Neben den ursprünglichen Aufgaben wie der reinen Geburtshilfe tun sich für moderne Hebammen viele andere Verpflichtungen wie eine lückenlose Dokumentation, ständige Fortbildungen und das Anleiten von Kursen rund um das Thema Geburt auf. Hinzu kommt: Es herrscht im gesamten Bundesgebiet ein Mangel an qualifizierten Hebammen. Für Astrid Giesen gibt es dafür mehrere Gründe: "Das Haftungsrecht erhöht den Druck auf die Kolleginnen und die Wertschätzung der Hebammenarbeit sollte sich auch besser im Finanziellen zeigen", so Giesen. Außerdem müsse die Ausbildung hin zur europaweit praktizierten Akademisierung reformiert werden, sagt sie.

Hebamme Veronica Walther indes könnte sich keinen besseren Beruf als den ihren vorstellen. Magische Momente erlebt sie nicht immer nur bei der Geburt selbst. "Wenn ich mich abnabeln kann und merke, dass die Familie alleine klarkommt, ist das ein ganz besonderer Moment für mich", erzählt sie. Dabei spielt es für sie keine Rolle, ob ein Kind im Wohnzimmer, im Kreißsaal oder in einem Geburtshaus auf die Welt kommt.


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