Bamberg
Un-Ruhestand

Wolfgang Reichmann nimmt Abschied von der Bundesliga

Der Bamberger Radioreporter Wolfgang Reichmann kommentierte letztmals in der ARD-Bundesliga-Konferenz ein Spiel.
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Foto: Archiv/Natalie Schalk
Foto: Archiv/Natalie Schalk
"Es war schon ein Schritt, so ähnlich wie ich damals das Basketballspielen aufgehört habe, eine Tür geht zu", sagt Wolfgang Reichmann mit ein wenig Abstand zum vergangenen Samstag. Da saß der 66-jährige Bamberger letztmals bei einer ARD-Bundesliga-Konferenz am Mikrofon und berichtete von einem Fußballspiel. Der frühere Bundesliga-Basketballer und Nationalspieler war bis vor zweieinhalb Jahren hauptberuflich als Hauptschullehrer tätig und beim Bayerischen Rundfunk als ständiger freier Mitarbeiter im Nebenjob aktiv.

Der Sender hat nun gesagt, nach 29 Jahren soll mit dem Saisonende auch für Reichmann Schluss sein, zumindest mit der Fußball-Bundesliga, Jüngere sollen nachrücken. Am Sonntag ist er in der II. Liga aus Fürth nochmals zu hören und bei den Bamberger Bundesliga-Basketballern bleibt er ebenfalls noch am Ball. Wir unterhielten uns mit dem junggebliebenen Rentner, Preisträger des "Frankenwürfels", Hobby-Kabarettisten und Basketball-Fan über seinen Abschied ohne Gram von der großen Fußballbühne.

Hatten Sie ein Vorbild, als Sportler und als Sportreporter?
Wolfgang Reichmann: Ich habe mich in meiner Anfangszeit an Manni Breuckmann oder Gerd Rubenbauer orientiert. Auch von der Stimme Frankens, Günther Koch, habe ich versucht, mir etwas abzuschneiden. Doch ein Vorbild gab es keines. Man muss seine eigene Linie finden. Unter den Sportreportern gibt es ein Motto: Wenn du den ersten Satz gesprochen hast, dann soll der Hörer wissen, wer spricht. Da hatte ich mit einem fränkischen Zungenschlag schon Vorteile. Idole als Sportler hatte ich als Basketballer mit Holger Geschwindner oder Jim Wade, mit dem ich ja zusammenspielen durfte. Auch Dirk Nowitzki begeistert mich.

Welcher Sportler hat Sie am meisten beeindruckt?
Das sind eine ganze Menge. Bei den Fußballern ist es so, dass sie oft ganz anders sind, wenn sie kein Mikrofon vor der Nase haben. Philipp Lahm ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse, auch Jürgen Klopp. An Stefan Kießling gefällt mir seine bescheidene Art, er ist bodenständig, und das sage ich nicht nur, weil er aus Bamberg kommt.

Und welchen Sportler hätten Sie gerne mal interviewt?
Ich wäre gerne mal in die USA geflogen und hätte mit Dirk Nowitzki ein paar Tage verbracht.

Sie haben über 500 Fußball-Bundesligapartien im Radio übertragen. Welche war die schlimmste, welche die schönste?
Eine der schönsten war sicherliche der 3:0-Sieg des 1. FC Nürnberg über den FC Bayern 2007 mit Andi Wolf, Schroth und Vittek. Spiele in Dortmund sind eigentlich immer Höhepunkte. Die beiden schwierigsten Spiele war die Regenschlacht in Nürnberg, als die Partie lange unterbrochen war und ich über eine halbe Stunde überbrücken musste, und eine Partie des FC Bayern in Köln, als die Münchner keine Ausweichtrikots dabei hatten und mit Leibchen ohne Nummern spielten. Man musste die Spieler dann von weitem am Gang oder der Frisur erkennen. Und man hat mich trotz meiner ersten Live-Übertragung aus der Fußball-Bayernliga in Bayreuth weiter beschäftigt, obwohl ich bei einer Toilettenpause ein Tor verpasst hatte und bis zum Schluss ein 0:0 kommentierte.

Von Welt- und Europameisterschaften haben immer andere berichtet. Hätten Sie gerne mal die große Bühne erklommen oder waren Ihnen der Club und Fürth genug?
Das hat mich nie betroffen. Ich war zwar international in der Champions League mit München oder bei 1860 und Nürnberg dabei, eine EM oder WM habe ich nicht vermisst. Ich war ja Lehrer, als Freier hatte ich eh keine Chance. Man muss allerdings dazu sagen, dass eine WM einen großen Aufwand und sehr viel Arbeit bedeutet. Von daher habe ich nicht daran gelitten, nie dabei gewesen zu sein.

Wenn einem im Radio die Worte fehlen, ist das schlecht. Ist Ihnen das bei einer Übertragung schon passiert?
In den Anfängen habe ich schon das ein oder andere Mal gestockt. Die Schwierigkeit ist es, einen Satz, den man begonnen hat, zu Ende zu führen, wenn das Geschehen auf dem Platz schon längst passé ist.

Und privat: Bei welchen Situationen verschlägt's Ihnen die Sprache?
Alleine mit der Sprache sich heraus zu lavieren, vor allem, wenn einem derjenige gegenübersitzt, - da fehlen mir oft die Worte. Auf weitere Details möchte ich verzichten.

Haben Sie nie daran gedacht, ins Fernsehen zu gehen?
Angebote waren schon da. Ich habe auch Castings mitgemacht, etwa mit einem Interview mit Paul Breitner. Ich war dann kurzzeitig auch beim DSF, habe Basketball und Eishockey nachkommentiert, bevor Buschmann auf der Bildfläche war. Doch der Lehrerberuf war meine Existenz, das Radio ein Zubrot. Anders hätte ich es auch nicht gewollt, ansonsten wäre ich vielleicht zu ehrgeizig geworden.

Als Hauptschullehrer im Ruhestand, als Radioreporter im Ruhestand, als Sportler im Ruhestand... Was machen Sie mit Ihrer freien Zeit?
Langweilig wird's mir sicher nicht. Ich moderiere weiterhin Modenschauen oder Firmenjubiläen. Meine Mundart-Rallyes laufen sehr gut. Darüber hinaus bin ich im Fasching als Büttenredner oder sonst als Kabarettist unterwegs. Ansonsten spiele ich beim TC Hallstadt noch Tennis. Der Job, die ganze Sportszene, hält mich jung. Nach einer Reportage, die hohe Konzentration erfordert, ist man hellwach. Auch deshalb bin ich über 25 Jahre auf deutschen Autobahnen unfallfrei unterwegs gewesen.

Die Fragen stellte Udo Schilling





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