Bamberg

Wohnen und Einkaufen im selben Haus: In Bamberg ist ein neues Stadtviertel entstanden

Die Einweihung des Quartiers an den Mauern markiert den Abschluss eines langen Ringens. Einmal schien sogar der Welterbetitel auf dem Spiel zu stehen.
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Noch stehen die Gerüste entlang der Neubauten. Doch die Passage zwischen ZOB und Langer Straße wird bereits rege genutzt.  Fotos: Ronald Rinklef
Noch stehen die Gerüste entlang der Neubauten. Doch die Passage zwischen ZOB und Langer Straße wird bereits rege genutzt. Fotos: Ronald Rinklef
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Für Bamberg war es kein gewöhnlicher Tag, als am Freitag das Tuch von den wuchtigen Sandsteinquadern der alten Bamberger Stadtmauer gezogen wurde. Der symbolische Akt, durchgeführt von den Verantwortlichen der Sparkasse Bamberg und der politischen Spitze in Stadt und Landkreis Bamberg, markiert an einer Schlüsselstelle der Innenstadt das versöhnliche Ende eines jahrzehntelangen und ungewöhnlich hürdenreichen Planungsprozesses. Das Ergebnis spricht für sich: Wo sich vor wenigen Jahren noch verfallende Häuser und brach gefallene Hinterhöfe erstreckten, ist binnen zwei Jahren ein neues Stadtviertel gewachsen. Es verbindet historische und neue Gebäude zu einem geschichtsträchtigen Ganzen und scheint sich gut in die Stadt zu integrieren.

50 Millionen Euro

Die Zeichen stehen günstig, dass das neue Quartier an den Stadtmauern auch wirtschaftlich die Erwartungen, die an ein 50-Millionen-Euro-Projekt geknüpft sind, erfüllen kann. Als eine erste Gruppe von Neugierigen zusammen mit dem Vorsitzenden der Sparkasse Bamberg, Stephan Kirchner, am Freitag die neue Passage erkundete, herrschte bereits reger Betrieb. Viele Kunden schauten sich um und kauften ein. Der bereits vor drei Wochen eröffnete dm-Drogeriemarkt erfreut sich nach Angaben der Marktleiterin ebenso guten Besuchs wie der Rewe-Markt an der Langen Straße. Er schafft für viele Innenstadtbewohner seit 6. Dezember ein lange ersehntes zusätzliches Angebot der Nahversorgung.

Bamberg zeigt sich wehrhaft

Besucher, die die neue Verbindung zwischen dem ZOB und der Langen Straße erkunden, können gar nicht umhin, auf die wuchtigen Reste der Stadtmauer zu stoßen, die Bamberg im 15. Jahrhundert nach der Stadterweiterung umschloss. Sie und eine ältere Mauer aus dem 13. Jahrhundert, die unsichtbar im Untergrund schlummert, gaben dem neuen Viertel seinen Namen. Im neuen Quartiershof verschaffen sie einen Eindruck von der wehrhaften Geschichte dieser Stadt.

Es ist aber vor allem die Hinterlassenschaft der jüdischen Geschichte, die die Passage zu etwas Besonderem macht - einem Gegenentwurf zu den geschichts- und meist auch gesichtslosen Einkaufsmalls der Grünen Wiese. So will die Sparkasse im Untergeschoss des Hauses Hellerstraße 19 voraussichtlich im kommenden Frühjahr im Rahmen einer Ausstellung den Blick auf eine jüdische Mikwe freigeben, ein rituelles Tauchbad, das noch im Mittelalter aus ungeklärten Gründen aufgelassen worden war. Auch das Gebäude, das um 1720 darüber gebaut wurde, gehörte Bürgern jüdischen Glaubens, die ihren Wohlstand unter anderem in reichen Wandgemälden und Stuckdecken zeigten.

Dass mitten in Bamberg kein neuer Handelsriese entstanden ist, sondern eine kleingliedrige Gebäudelandschaft ist dem Einsatz vieler Denkmalschützer zu verdanken, die gegen die ersten Investorenplanungen heftigen Widerstand einlegten. Mehr als ein Jahrzehnt wurde um Flächenkonzepte nahe dem ZOB und eine anfangs öffentlich geplante Tiefgarage gerungen, zeitweise war sogar der Entzug des Welterbetitels für Bamberg in den Raum gestellt worden, sollten die Pläne eines 20 000 Quadratmeter großen Gebäuderiegels verwirklicht werden.

Dennoch ging es am Ende schneller als gedacht - Folge eines Kurswechsels bei den Verantwortlichen in der Bamberger Politik. Denn in der Null-Zins-Phase erkannte die Sparkasse den Charme, den es hat, selbst als Investor das Kleingeld von 50 Millionen Euro aufzubringen und die Gebäude im eigenen Bestand zu halten. So entschied sich die Sparkasse für das Naheliegende: Zwischen Handelsflächen und einem Hotel mit 132 Zimmern werden in den nächsten Monaten 46 Wohnungen bezogen. Man wird also im gleichen Haus wohnen und einkaufen können. Für die kaum zu übertreffende zentrale Lage in neuen und teils auch historischen Mauern müssen die Mieter freilich etwas tiefer in die Tasche greifen als üblich: Die Kosten liegen zwischen 9,60 und 14 Euro pro Quadratmeter.

Hörbar war am Freitag auch das Aufatmen in der Langen Straße. Pius Schiele, Sprecher der Interessengemeinschaft, freute sich über das absehbare Ende der Baustellenzeit in der geschäftsreichen Straße. Kopfzerbrechen bereitet Schiele freilich der Beschluss des Stadtrats, dass Autofahrer künftig in der Langen Straße nicht einmal mehr halten dürfen sollen. Vor einem Rewe-Markt sei das nur schwer akzeptabel.

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