Bamberg
Justiz

Wölfe in Schafspelzen

Die vier Angeklagten im Neonazi-Prozess präsentierten sich am ersten Verhandlungstag selbst als kleine Lichter. Ihre Gewaltbereitschaft und rechte Gesinnung wurden dennoch deutlich.
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Zwei der Angeklagten suchten den Schutz vor den Kameras, zwei nicht. Während die beiden im Vordergrund Teilgeständnisse ablegten, schwiegen die beiden im Hintergrund zu den Vorwürfen.  Foto: Ronald Rinklef
Zwei der Angeklagten suchten den Schutz vor den Kameras, zwei nicht. Während die beiden im Vordergrund Teilgeständnisse ablegten, schwiegen die beiden im Hintergrund zu den Vorwürfen. Foto: Ronald Rinklef

Glatze und Kurzhaarschnitte, muskulöse Arme und halb verdeckte Tätowierungen unter grauen Pullovern und schwarzen Sakkos, eine blaue Kapuzenjacke tief ins Gesicht gezogen: Das ist der bürgerliche Anstrich, den sich die vier Angeklagten vor Gericht geben. Die Fotos, die Vorsitzender Richter Manfred Schmidt an die Wand projizieren lässt, zeigen eine andere, eine radikale Seite der vier Bamberger. Darauf tragen die Neonazis das schwarz-weiß-rote Logo ihrer rechtsextremen "Weisse Wölfe Terrorcrew" (WWT) auf der Brust. Die Gesichter nach einer Schlägerei blutverschmiert.

Führungszirkel der "Sektion"

Bei einem dieser Bilder müssen sich Jennifer P. und ihr Mann Thorsten P. (Namen geändert) sichtlich das Lachen verkneifen, als sich ihre Blicke im Gerichtssaal treffen. Der Stahlbauer soll der "Sektionsleiter" der Bamberger "Terrorcrew" gewesen sein, seine Frau seine Stellvertreterin. Oliver T., der ebenfalls grinst, war laut Anklageschrift für Organisation und Finanzen zuständig. Peter F. hortete Feuerwerkskörper. Er grinst nicht.

"Die WWT verfügte über eine verfestigte Organisationsstruktur mit verbindlichen Verhaltensregeln für ihre Mitglieder", berichtet Staatsanwalt André Libischer. "Die Angeschuldigten waren als Mitglieder des Führungszirkels der harte Kern dieser Vereinigung." Die Mehrzahl der "Wölfe" wollte bei Konzerten und Veranstaltungen Gleichgesinnte aus dem rechtsradikalen Lager treffen.

Dem Führungszirkel jedoch - insbesondere Oliver B. und Sektionsleiter Thorsten P. - war das laut Staatsanwaltschaft nicht genug. "Sie haben den Einsatz von Gewalt und verbotener Pyrotechnik zum Nachteil des linken politischen Gegners sowie gegen Asylbewerberunterkünfte zur gewaltsamen Durchsetzung ihrer rechtsextremistischen Ideologie geplant."

Kernfragen des Prozesses

Bereits am ersten Verhandlungstag wird absehbar, um welche Kernfragen sich der Prozess drehen wird. Denn die Angeklagten - sofern sie sich überhaupt äußern - leugnen, dass es irgendwelche Anschlagspläne gegeben habe. Große Sprüche, nichts dahinter: Mehr sei nicht gewesen, lautet die Version der Beschuldigten.

Große Sprüche rissen der Sektionsleiter und sein Orga-Chef auch am 19. August 2015 gegen 2 Uhr vor einer Bamberger Asylunterkunft. Oliver B. fragte einen Sicherheitsmann sinngemäß, ob es ihm Spaß mache, das Haus zu bewachen. Dieser antwortete laut Anklageschrift, dass er schon Schöneres gemacht habe, aber auch Schlechteres. Thorsten P. habe diesen ermahnt, "dass man es mit seinem Gewissen vereinbaren müsse. Das sei eine Frage der Ethik und der Moral", zitierte ihn der Staatsanwalt. In Bamberg würden viele denken wie sie, es gebe mehrere militante Anhänger: "Wenn die 1500 kämen, werde es Steine regnen."

Erinnerungen an "Rostock 92"

Der Wachmann müsse sich dann entscheiden, ob er sich hinter ihn oder in den Weg stellen wolle. "Es werde dann nicht mehr heißen ,Rostock 92' sondern ,Bamberg 2015'", liest der Staatsanwalt vor. Die Ausschreitungen gegen ein Asylheim in Rostock-Lichtenhagen gelten als die massivsten rassistisch motivierten Anschläge in Nachkriegsdeutschland. Für die Staatsanwaltschaft ist eindeutig, dass dadurch Ängste geschürt werden sollten. "Wobei sie damit rechneten, dass der Wachmann den Vorfall an Sicherheitsbehörden melden werde."

Waren die Drohungen wirklich nur heiße Luft? Hat Thorsten P. die Bamberger "Weissen Wölfe" nach wenigen Wochen wieder aufgelöst, als ihm klar wurde, dass die Mitglieder nur saufen und nichts zustande bringen, wie er sagt? Oder gibt es einen Zusammenhang zu den fast 100 Kilogramm illegale Feuerwerkskörper, die Peter F. bei sich zu Hause lagerte? Dessen Verteidiger verneinte: Sein Mandant habe sich lediglich "an Silvester daran ergötzen wollen".

Es sind nur zwei von zahlreichen Straftaten, die den Angeklagten zur Last gelegt werden. Mal zerschmetterte einer die Fensterscheibe eines linken Szenetreffs in Bamberg mit einem Gullideckel. Mal stellten sich zwei "Weisse Wölfe" an die Obere Brücke, um wahllos Passanten zu verprügeln. Mal verbrannte ein Mitstreiter ein Plakat mit der Aufschrift "Stammheim ist bunt". An Christi Himmelfahrt 2015 soll die Gruppe außerdem am Grünen Markt eine Prügelei mit vermeintlichen Linksaktivisten angefangen haben, die sich als Polizisten herausstellten. Dabei soll Jennifer P. kräftig mitgemischt haben.

Die Teilgeständnisse der Angeklagten P. und F. beziehen sich lediglich auf die Körperverletzungen und kleinere Delikte. Nur die Spitze des Eisberges? Das muss der Prozess zu Tage fördern - die Staatsschutzkammer des Landgerichtes hat weitere 26 Verhandlungstage bis Ende Januar angesetzt. Am heutigen Donnerstag sollen Ermittler der Polizei zu Wort kommen.



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