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Bamberg
Corona

Wo in Bamberg die Kunst der Krise ein Schnippchen schlägt

Arnd Rühlmann und sein Kollektiv vom Bamberger "nana theater" haben ein "Pandemie Poesie Projekt" gestartet.
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Bamberger Größen wie Tanja Kinkel oder Nora Gomringer (Archiv-Foto) haben Klassiker wie "Heimatlose" von Joachim Ringelnatz oder Theodor Fontanes "Überlass es der Zeit" für das "Pandemie Poesie Projekt" in Szene gesetzt.  Foto: Archiv/Markus Häggberg
Bamberger Größen wie Tanja Kinkel oder Nora Gomringer (Archiv-Foto) haben Klassiker wie "Heimatlose" von Joachim Ringelnatz oder Theodor Fontanes "Überlass es der Zeit" für das "Pandemie Poesie Projekt" in Szene gesetzt. Foto: Archiv/Markus Häggberg
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Erst wurde nur zur Vorsicht gemahnt. Händeschütteln und Umarmen waren vorbei. Dann wurden Veranstaltungen abgesagt, später Schulen geschlossen. Nun herrscht seit gut zwei Wochen eine sogenannte Ausgangsbeschränkung in Bayern. Das Coronavirus hat das öffentliche Leben nicht nur im Freistaat rasant verändert.

In vielen Bereichen haben sich Arbeitsabläufe und Alltagsroutinen gewandelt. Auch die Bamberger Kulturszene hat zu knabbern. Das gilt auch für Arnd Rühlmann und sein Kollektiv vom "nana theater" im Club Kaulberg. Seit gut einer Woche sind die Pforten zu. Seither stellen sich viele Fragen: Wann können die ausgefallenen Vorstellungen nachgeholt werden? Wann endet die Beschränkung?

Spielpläne und Werbung lassen sich so erstmal nicht gestalten. Das alles ist aber kein Grund für Künstler Rühlmann, den Kopf in den Sand zu stecken.

Gut gelaunt am Telefon

Anders als man vermuten würde, sitzt zu Hause am anderen Ende der Telefonleitung ein gut gelaunter Schauspieler und erzählt von seinem neusten Streich: Dem "Pandemie Poesie Projekt". Gemeinsam mit anderen Akteuren und Autoren will Rühlmann Gedichte vortragen, um diese vor der Vergessenheit zu bewahren. Aber anstatt die Lyrik von der Bühne aus zu präsentieren, sitzen das Publikum und die Künstler daheim am Handy oder am PC.

Alle Videos sind online auf YouTube zu sehen und dauern zwischen einigen Sekunden und drei Minuten. Die Idee kam Rühlmann bereits vor der Krise: "Ich habe schon zu Kurt Tucholskys Geburtstag im Januar dessen Gedicht ,Rosen auf den Weg gestreut' eingesprochen", erzählt er.

Inzwischen haben Bamberger Größen wie Tanja Kinkel oder Nora Gomringer Klassiker wie "Heimatlose" von Joachim Ringelnatz oder Theodor Fontanes "Überlass es der Zeit" in Szene gesetzt. Man merkt: Der Rückzug ins Private findet sich auch in der Auswahl der Texte.

Satirisch und kritisch"

"Kunst hat immer etwas mit den Umständen zu tun, aus welchen heraus sie entsteht", hält Rühlmann fest. Dass sich die aktuelle Situation in der Stadt zu sehr auf den Inhalt durchschlägt, glaubt er nicht. "Ich bin doch selbst froh, wenn ich zwischendrin mal etwas ganz anderes lese oder höre", betont der Künstler, der sich vor dem Telefonat am internationalen Tag gegen Rassismus zu einer Online-Demo verabredet hatte. Andere Themen wie beispielsweise die Lage der Geflüchteten an der griechischen Grenze seien ja auch immer noch wichtig, sagt er.

Grundsätzlich soll das Projekt die ganze Vielfalt von Dichtung abdecken. Und satirisch und kritisch soll es sein. Man will obendrein die "selbst ernannten Kulturwächter" aus der rechtspopulistischen Ecke auf die Schippe nehmen, die meinten, die Leitkultur für sich gepachtet zu haben. "Viele von denen haben doch selbst keine Ahnung, wieviel Kontroverse, Zeitkritik und Witz in der deutschen Literaturgeschichte stecken", ist sich der Schauspieler sicher.

Zugleich sieht er darin einen gewissen Bildungsauftrag: Viele Schüler und auch Studierende kämen mit diesen Werken nicht mehr in Berührung. Rühlmann und seine Crew wollen hier gerne helfen. Offenbar mit Erfolg: "Uns erreicht mehr Rückmeldung als ich am Anfang befürchtet hatte", erzählt er mit einem Lachen.

Auch eigene Werke in Planung

Alte Meister und ehrwürdige Meisterinnen sind aber längst nicht alles: "Wir haben auch schon moderne, eigene Werke in Planung", verrät Rühlmann. Die mit dem deutschen Weltmusikpreis ausgezeichnete Klezmer-Sängerin Andrea Pancur hat für das Pandemie-Poesie-Projekt ein eigens verfasstes Gedicht beigesteuert. Damit ist die Münchnerin aber nicht der einzige künstlerische Einfluss von außerhalb. Anfragen laufen bereits in alle Winkel der Republik. So verbringt Künstler Rühlmann die Zeit damit, Videos zu schneiden, Texte zu suchen und den Ablauf des Projekts zu organisieren.

Zwischendrin klopfen Medien an, die sich für die Idee interessieren. Es heißt also Weitermachen, auch wenn noch unklar ist, ob die finanziellen Hilfen von Bund und Land die "großen Löcher in der gesamten Kulturszene" stopfen können. Mittels Spendenplattform sammelt das "nana theater" schon etwas handfeste Unterstützung für die Zeit nach der Krise.

Am Rande der Armutsgrenze

Allgemein müssen sich viele darstellende Künstler oft am Rande der Armutsgrenze durchschlagen, weiß der gebürtige Hesse. Durch die Krise ändere sich der Blick der Gesellschaft: "Nun zeigt sich, dass wir Künstlerinnen und Künstler etwas wert sind in diesem Land", schätzt der Darsteller die Lage ein.

Auch wenn Spenden natürlich willkommen seien, um die Zukunft des Theaters zum Anfassen mit Bühne und Schauspieltruppe zu sichern, geht es doch auch um den Drang nach künstlerischer Betätigung. Freilich sei die Situation etwas komisch so ohne direkten Beifall. Wenn das Publikum Unterhaltung bekomme, ein paar Cent zur Absicherung für das "nana theater" im Club Kaulberg herausspringen und die Kulturschaffenden sich austoben können, dann sei das eine "Win-win-win-Situation", findet Rühlmann.

Ob das Projekt schneller viral gehe als Corona, könne er nicht beantworten: "Ich bin schließlich Schauspieler und kein Mediziner", meint er und lacht. Wenn's gut laufe, könne sich daraus aber eine feste Institution über diese Phase hinaus entwickeln. Wer weiß: Vielleicht hat ja auch ein Ausnahmezustand wenigstens eine gute Seite.

Zum Projekt geht es hier.

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