Bamberg
Barrierefreiheit

Wo die Blindenschrift schweigt

Für Menschen mit Behinderung werden kleine Hindernisse zu unüberwindbaren Hürden. Die Kulturzentren der Stadt sind teilweise schwer erreichbar. Selbst im nagelneuen Bürgerrathaus tun sich unsichtbare Hürden auf - das fängt schon bei der Toilette an.
Artikel drucken Artikel einbetten
Foto: Schanz
Foto: Schanz
+5 Bilder

Mit ihrem Blindenstock voraus hat Luzia Ehrlich den barrierefreien Aufzug ins neue Rathaus am ZOB genommen, hat sich an der Wand entlang und den Schaltern vorbei bis zu den Toiletten vorgetastet. Dort steht in Blindenschrift markiert, dass es sich um ein WC handelt - nur nicht, ob für Damen oder Herren. "Das wurde anscheinend vergessen. Ich kann jetzt höchstens mal reinriechen, ob ich was erkenne", scherzt die 66-Jährige aus der Gartenstadt.

Der Weg bis in die Innenstadt war für Ehrlich schon ein Abenteuer an sich. Vor allem der Zentrale Omnibusbahnhof ist für Blinde eine Art Überraschungsei: "Die Busse halten nicht immer an den selben Stellen", erklärt Ehrlichs Orientierungstrainer Michael Kleiß. Die sehbehinderten Menschen wissen also beim Aussteigen nie genau, wo sie gerade sind. Außer sie fragen jemanden.

Dagegen hat die Stadt im neuen Bürgerrathaus an ihre Bürger mit Beeinträchtigung gedacht. Rillen am Boden weisen der blinden Bambergerin den Weg direkt vom Aufzug bis zum Infoschalter. "Den hab' ich gut gefunden", berichtet Ehrlich. "Das hat man hier wirklich sehr gut gelöst, auch wenn teilweise ein Teppich über den Rillen liegt", lobt auch Kleiß.

Doch dem Orientierungstrainer stechen auch im nagelneuen Rathaus am ZOB Kritikpunkte in seine gesunden Augen: "Die Beleuchtung hier drin ist katastrophal für Sehbehinderte." Die in die Wände integrierte Illumination sehe zwar toll aus, bewirke in den insgesamt dunklen Räumen aber eine starke Blendwirkung für Menschen mit eingeschränktem Sehsinn. Draußen auf dem Vorplatz kritisiert Kleiß, dass die Rillen blinde Menschen in eine Sackgasse führen, anstatt eine Überquerungsmöglichkeit in Richtung ZOB zu markieren. Luzia Ehrlich ist dennoch dankbar, dass es die Hilfen gibt: "Ich will halt auch immer wieder mal in die Stadt und selber ein bisschen erkunden", erzählt die 66-Jährige.

Menschen müssen nicht blind sein oder eine schwere Behinderung haben, um im Alltag von Barrieren ausgebremst zu werden. Karola Kümmelmann zum Beispiel kommt mit ihren 79 Jahren auch ohne Rollator gut zurecht - aber: "Wenn ich manche steilen Treppen nur sehe, wird mir ganz anders." Das Atmen fällt schwer, größere Anstiege sind eine Qual.

Am neuen Rathaus am ZOB nimmt sie dennoch tapfer die paar Stufen nach oben. Dann jedoch bleibt sie stecken: "Die Drehtür ist schwierig, da wenn du ein bisschen schusselig bist, hängst du drin." Ursächlich für den Stillstand ist jedoch nicht die Seniorin, sondern ein Kinderwagen, den zwei Eltern schieben - für sie und Kümmelmann wäre der Aufzug die bessere Wahl gewesen.

"Der Zugang müsste vielleicht etwas besser ausgeschildert sein. Wenn man weiß, dass es ihn gibt, findet man ihn aber auch", sagt ihr Begleiter Wolfgang Budde, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der älteren Bürger Bambergs.

Die Bedienung des digitalen Automaten im Eingangsbereich stellt Kümmelmann ebenso vor eine Herausforderung - doch sie meistert sie und bekommt eine Wartenummer ausgespuckt. Insgesamt finden beide Vertreter des Seniorenbeirats lobende Worte für das neue Rathaus.

Der Kontrast zu anderen wichtigen Gebäuden in der Stadt ist riesig, wie der Arbeitskreis aufzeigt: Angefangen bei der Villa Dessauer bis zur Alten Hofhaltung, vom historischen Brückenrathaus bis zum Dom stehen Barrieren im Weg. Unsichtbar für gesunde junge - unüberwindbar für ältere Menschen mit Beeinträchtigung.

Die Stadt zeigt sich bemüht, verweist jedoch auf das Spannungsfeld mit denkmalpflegerischen Aspekten im Weltkulturerbe. "Hier gilt es, behutsam vorzugehen. Jedes alte Gebäude vollständig barrierefrei zu machen, wird kaum möglich sein." Dass dennoch Verbesserungen möglich sind, zeige das Sandgebiet - hier senkte man Barrieren durch die Umgestaltung des Straßenraumes, den Wegfall von Bordsteinen und behindertengerechte Pflasterung. Dem WC im Bürgerrathaus werde man sich annehmen, verspricht die Stadt.

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren