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Bamberg
Gesundheit

Wird bei Corona-Tests im Kreis Bamberg geschlampt? Fahrer erhebt schwere Vorwürfe

Fahrer Andreas Reisch hat auf mangelnde Schutzmaßnahmen bei Corona- Haustests hingewiesen. Die Reaktion: Er wird gekündigt. Dabei teilen auch Ärzte und seine Kollegen die Bedenken.
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Die Schutzkleidung wird laut Reisch nach Corona-Tests einfach im Kofferraum gebunkert und im normalen Hausmüll entsorgt. Er bemängelte auch weitere Missstände, etwa fehlende Schutzbrillen. Mehrere Ärzte weigern sich unter diesen Bedingungen, Haustests durchzuführen. Foto: Andreas Reisch
Die Schutzkleidung wird laut Reisch nach Corona-Tests einfach im Kofferraum gebunkert und im normalen Hausmüll entsorgt. Er bemängelte auch weitere Missstände, etwa fehlende Schutzbrillen. Mehrere Ärzte weigern sich unter diesen Bedingungen, Haustests durchzuführen. Foto: Andreas Reisch

Die Vermittlung meldet am Freitag, 6. März, gegen 23.30 Uhr einen Corona-Verdachtsfall im Bamberger Stadtgebiet. Andreas Reisch und ein Allgemeinmediziner bekommen den Auftrag, einen Abstrich bei der Person zu Hause vorzunehmen. Nichts Ungewöhnliches: Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns (KVB) werden im Freistaat täglich rund 800 solcher Haustests durchgeführt (Stand: 12. März).

Ärzte wollen Test nicht machen

Der Arzt fragt den Fahrer Reisch nach der Sicherheitsausrüstung. Denn nicht alle Vehikel des Dienstleisters "Helfende Franken", der für die KVB Hausbesuche durchführt, hätten die notwendige Schutzausrüstung. Reisch und der Arzt begutachten den Bestand. Zwar seien die vom Robert-Koch-Institut (RKI) vorgegebene FFP2-Maske (Mund- und Nasenschutz) und die Haube im Fahrzeug gewesen. Allerdings nicht die richtige Schutzkleidung. Und Schutzbrillen überhaupt nicht. "Augen sind auch Schleimhäute, wo das Virus andocken kann", informiert Reisch, der mehrere Fortbildungen zu Desinfektion besucht habe und mittlerweile auch hauptberuflich in diesem Segment arbeite. Deshalb habe er sich mit dem Arzt geeinigt: "Wir machen das nicht."

Wenig später sei ein Anruf eingegangen, Reisch schätzt vom KVB: "Die haben gesagt, wir sollen uns nicht so anstellen, es gebe nur eine geringe Infektionsgefahr. Aber es gibt nicht ein bisschen schwanger und auch nicht ein bisschen infiziert", empört er sich. So blieben Fahrer wie Arzt bei der Weigerung.

Am Samstag um 7 Uhr geht bei Reisch der nächste Corona-Test-Auftrag rein. Nun ist er mit einem anderen Arzt unterwegs, auch der weigert sich. Diesmal sind zwei Fahrzeuge im Dienst. "Der andere Arzt hat es dann gemacht. Ich schätze wegen des Geldes", sagt Reisch. Denn Maßnahme und Arbeitszeit brächten einem Arzt pro Corona-Test rund 100 Euro ein. Das Problem: Das andere Fahrzeug habe überhaupt keine Schutzausrüstung. Also habe der Auftrag gelautet: Fahrzeuge tauschen. "Da bin ich raus", sagt Reisch. Ein Abstrich löse häufig einen Nies- oder Hustenreiz aus. So könne der Arzt das Virus aufnehmen, "und dann fahre ich mit dem eine halbe Stunde durch die Gegend". Zudem bemängelt er, dass gebrauchte Schutzkleidung in zugeknoteten Beuteln im Hausmüll lande - was wieder nicht den geltenden Richtlinien entspreche und gefährlich sei.

Briefe an die Verantwortlichen

In einem "Brandbrief" macht Reisch den Dienstleister "Helfende Franken" auf die Missstände aufmerksam - er wählt einen offenen und freundlichen Ton. Zehn Kollegen unterschreiben die Bitte, für vernünftige Schutzausrüstung zu sorgen. Ein Arzt, der die Bedenken teilt, meldet sich per Mail direkt bei der KVB - mit Reischs Brief im Anhang.

Auch eine andere Ärztin erklärt in einem Brief an die KVB , dass sie wegen mangelnder Ausrüstung nun keine Tests mehr durchführen werde. Alle drei Briefe liegen der FT-Redaktion vor. "Als Ärztin im nächtlichen Bereitschaftsdienst habe ich auch ,normale Patienten' zu versorgen. Ohne geeignete Schutzmittel würde ich diese gefährden. Darüber hinaus auch den Fahrer, meine Familie und meine Kollegen", schreibt sie. "Ich nehme meinen ärztlichen Versorgungsauftrag sehr ernst, aber die momentane Praxis gefährdet meines Erachtens mehr Menschen, als es hilft, die Verbreitung des Virus einzudämmen."

Die KVB habe reagiert - aber nicht wie von Ärzten und Fahrern erhofft, sondern laut Reisch, indem sie dessen Arbeitgeber "Helfende Franken" anwies, Reisch nicht mehr fahren zu lassen. "Ich bin quasi suspendiert", sagt er. Weil er die Fahrten im Nebenerwerb betreibt, habe er sich davon aber nicht einschüchtern lassen.

"Ich finde, das Vorgehen der KVB ist kriminell", sagt Georg Knoblach, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Bamberg. Er meint das in zweifacher Hinsicht: Zum einen, Druck auf Reisch auszuüben. Zum anderen, die Mitarbeiter nicht durch die nötigen Maßnahmen zu schützen, das sei ein Verstoß gegen Arbeitsrecht. "Das ganze System krankt daran, dass die KVB die Masse der Verdachtsfälle gar nicht abfahren kann und nicht genug Schutzausrüstung zur Verfügung hat", schätzt Knoblach. So komme es immer wieder zu Schlampigkeiten. Er habe etwa Beschwerden aus den Labors gehört, dass teilweise die Beschriftungen der Proben nicht lesbar seien.

KVB dementiert

Die KVB dementiert auf Nachfrage alle Vorwürfe. "Testungen werden nur dann durchgeführt, wenn die nach RKI-Ablaufschema erforderliche Schutzausrüstung den Ärzten im Fahrdienst zur Verfügung steht", teilt KVB-Sprecher Axel Heise mit. "Aktuell sind alle im Einsatz befindlichen Fahrzeuge des KVB-Bereitschaftsdienstes entsprechend ausgestattet."

Nachgehakt, ob "aktuell" bedeute, dass es einmal anders war, antwortet Heise: "Sollte kurzfristig bei einem Fahrzeug die Schutzausstattung nicht vorhanden sein, dann wird dieses auch nicht zu einem Corona-Verdachtsfall gesendet." Auf die Frage nach dem Umgang mit Fahrer Reisch lautet die Antwort: "Wenn jemand nicht fahren will, muss er nicht fahren. Wir üben vonseiten der KVB keinen Druck aus, weder auf den von uns beauftragten Fahrdienstleister und schon gar nicht auf einzelne Fahrer."

Anlaufstellen

Reisch und Knoblach halten die bayerische Praxis der Hausbesuche für Corona-Tests nicht für geeignet: Zu viel knappe Schutzkleidung würde verbraucht, zu groß sei die Gefahr für Ärzte und Fahrer. Anlaufstellen seien generell die bessere Wahl. Noch in dieser Woche soll eine in Bamberg kommen, wo man auch das baden-württembergische Modell der "Corona-Drive-Ins" übernehmen wolle - Verdachtsfälle also mit dem Auto an eine Station fahren und dort den Abstrich, der in einem geschützten Becher bereitsteht, selbst vornehmen können. Oder eben eine Anlaufstation, wie sie in Scheßlitz erfolgreich betrieben werde. "So kann vermieden werden, dass die Verdachtspatienten untereinander in Kontakt kommen", erklärt Knoblach.

Doch die KVB weigere sich, Anlaufstellen zu unterstützen. Stattdessen werden die Stationen in unserer Region laut Knoblach von der gemeinnützigen Krankenhausgesellschaft des Landkreises (GKG) und der Sozialstiftung Bamberg (SSB) finanziert. "Die stehen in Konkurrenz, das ist nicht selbstverständlich." Knoblach appelliert: "Es ist wichtig, dass die KVB jetzt nicht mehr fährt, sondern bayernweit Anlaufstellen unterstützt."

Laut KVB-Sprecher Heise befinde man sich hierzu in Gesprächen. "Unsere Bedenken bezüglich Testzentren bestehen in einem Punkt: Aufgrund der Erfahrungen in anderen Bundesländern fürchten wir, dass Menschen ungesteuert in die Testzentren kommen könnten. Wer sich dort testen lassen darf, muss vorher unbedingt geklärt werden. Nur so lässt sich eine Vermischung von Infizierten und gesunden Patienten, die vielleicht einfach nur verunsichert sind, vermeiden."

Fahrer Reisch habe sich vor allem an den Fränkischen Tag gewandt, weil es ihm um die Sicherheit gehe: "Der Virus verbreitet sich auch deshalb so schnell, weil aus monetären Gründen geschlampt wird." Er wolle keine Panik verbreiten, Corona sei eher harmlos. "Aber wenn es nicht gelingt, die Infrastruktur zu schaffen, um das einzudämmen - wie wird es dann, wenn wir mal mit Ebola kämpfen müssen? Dann haben wir ein riesiges Problem!"