Hallstadt
Automobilzulieferer

Mitarbeiter mit stillem Protest vor Hallstadter Michelin-Werk

Die Belegschaft des Hallstadter Michelin-Werks protestiert still gegen die Schließung. Der Betriebsrat drängt darauf, abgeschlossene Verträge einzuhalten
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Mit Grablichtern protestierten die Michelin-Mitarbeit gegen die Schließung des Werks. Foto: Julian Megerle
Mit Grablichtern protestierten die Michelin-Mitarbeit gegen die Schließung des Werks. Foto: Julian Megerle
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Beim Ausatmen entstehen kleine Wolken, so kalt ist es bereits. Kurz vor 22 Uhr stehen am Werkstor die Mitarbeiter. Zeit für die Nachtschicht. Aber es ist kein normaler Schichtwechsel. Gut 100 Grablichter brennen vor der Pforte. Viel mehr steht dem Reifenhersteller Michelin ein Gezeitenwechsel bevor: Das Werk in Hallstadt muss schließen. Bis 2021 fallen hier 856 Stellen weg. Eine Zahl, hinter der Menschen und Familien stehen, die nun eine ungewisse Zukunft vor sich haben.

Michelin-Werk in Hallstadt: Laut Vertrag darf kein Werk vor 2022 schließen

Manche haben den Aufschwung der Firma von Anfang an miterlebt: "Ich bin vor 43 Jahren bei Michelin in die Lehre gegangen", erzählt ein älterer Mitarbeiter. Im Laufe der Jahre wuchsen die Zollgrößen der produzierten Reifen mit der Entwicklung der Autos. Erst 2024 könne er in Rente gehen und steht nun enttäuscht da, nachdem es doch solange aufwärts ging. "Der Konzern hat die Situation doch gewollt", meint ein Mitarbeiter aus der Produktion, der seit 15 Jahren dabei ist. Die Herstellung werde an billigere Standorte verschoben. Dabei gelte der Standort in Hallstadt als Vorzeigebetrieb in Sachen Qualität. "Bei uns steht immer noch der Stempel Made in Germany drauf, dass darf nicht vergessen werden", fährt das Gewerkschaftsmitglied fort.

Ein Vertrag, der Anfang 2018 zwischen Konzernführung und Betriebsrat ausgehandelt wurde, sieht vor, dass Michelin bis Ende 2022 kein Werk in Deutschland komplett schließen darf. "Wenn Teile davon geschlossen werden sollen, kann das nur mit Einbindung der Betriebsräte passieren", erklärt Josef Morgenroth, Betriebsratsvorsitzender von der Gewerkschaft IGBC. Im Laufe der nächsten Woche stehe ein Gespräch mit der Unternehmensleitung von Michelin Europa Nord an. Dort solle nochmals auf die Einhaltung des Vertrages gedrängt werden.

Michelin in Hallstadt: "Ich hätte niemals gedacht, dass unser Werk schließen muss"

"Allen ist klar, dass Michelin hier vertragsbrüchig geworden ist", kritisiert der Organisator des stillen Protests das Verhalten des Konzerns. Seit 15 Jahren hält der Familienvater nun schon der Firma die Treue. Gut 160 Mitarbeiter hat er gezählt, die heute mit protestieren. "Die Leute sind gekommen, weil's brennt", erklärt er. Jede der Kerzen, die vor den Grabkreuzen stehen, symbolisiere Mitarbeiter, ihre Familien und ihr Umfeld, das durch die drohende Werksschließung betroffen sei. "Ich bin enttäuscht von der Politik, welche die Werkschließung einfach so hinnimmt", betont der Mitarbeiter, der schon bei Michelin in der Ausbildung war. Zudem kämpften viele mit der Angst und Unsicherheit, wie es mit einem neuem Job oder Übergangsregelungen weitergehen soll.

"Ich hätte niemals gedacht, dass unser Werk schließen muss", empört sich Robert, der seit 31 Jahren seiner Arbeit die Stange hält. An den ursprünglichen Vertrag glaubt er nicht. Jetzt gehe es um eine gerechte Abfindung. "Wir mussten in den vergangen Jahren schon auf Teile unseres Lohns verzichten, dass der Standort gehalten werden kann. Das Geld könnte der Konzern jetzt für die Abfindung rausrücken", findet er.

Hallstadter Michelin-Werk: In den Arbeitsplatz verliebt

"Mir gefällt es hier super gut. So einen Arbeitsplatz finden wir nicht nochmal", meint die Auszubildende Vanessa. Ihr Kollege Lukas pflichtet ihr bei: "Ich habe mich in kurzer Zeit in die Firma und den Arbeitsplatz verliebt." Die beiden 17-jährigen Azubis aus Bamberg und Umgebung sind im ersten Lehrjahr und können ihre Ausbildung nicht komplett abschließen, selbst wenn der Tarifvertrag bis 2022 gelten würde. Aber sie wollen nicht den Kopf in den Sand stecken und die Ausbildung fortsetzen. Denn in der "kleinen Familie" der Azubis sei klar: "Wir stehen das zusammen durch."

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