München
Volksbegehren "Rettet die Bienen!"

Wildbienenexperte: Die Situation ist verheerend

Seit 20 Jahren beschäftigt sich Andreas Fleischmann mit Wildbienen. Im Interview zeigt der 38-Jährige auf, wie es um die Artenvielfalt in Bayern bestellt ist, welche regionalen Unterschiede es gibt und warum nicht jeder Blühstreifen sinnvoll ist.
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Frühlings-Pelzbiene Foto: Andreas Fleischmann
Frühlings-Pelzbiene Foto: Andreas Fleischmann

Ungefähr 20 000 Wildbienenarten gibt es weltweit. 515 sind in Bayern bekannt, davon aber 40 bereits ausgestorben oder verschollen. Von den verbliebenen 466 Arten gilt die Hälfte als bedroht. Die pelzigen Tierchen haben es Andreas Fleischmann, promovierter Biologe und Botaniker der Staatssammlung in München, angetan.

Herr Fleischmann, Honigbienen kennt jeder. Wildbienen dagegen nimmt kaum einer wahr. Was ist das Besondere an diesen Tieren?

Andreas Fleischmann: Die Honigbiene ist eine große Ausnahme unter den Bienen. Sie ist bei uns die einzige, die in Staaten lebt, wo der ganze Staat überwintert. Sie ist auch die einzige, die Honig macht. Das machen die Wildbienen nicht, deshalb sind sie den wenigsten bekannt. Wildbienen leben in der Regel solitär, da ist jedes Weibchen gleichzeitig die einzige Arbeiterin und die einzige Königin.

Kein Honig, kein Staat - sind die Wildbienen dadurch weniger nützlich als die Honigbienen?

Die Wildbienen sind extrem wichtig als Bestäuber, mehr sogar noch als die Honigbiene.

Wie bedroht ist die Artenvielfalt denn insgesamt?

Vieles ist noch gar nicht bekannt. Bei Schmetterlingen und Bienen wissen wir, dass da große Verluste stattfinden. Aber der Großteil der Insekten sind kleine unscheinbare Tierchen, die keine "Lobby" haben. Da ist oft nicht klar, was ausstirbt. Wir wissen nur: Es fehlt massiv etwas.

Wie zeigt sich das konkret?

Wir haben aktuell menschgemacht das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Das erste, das nicht durch äußere Umwelteinflüsse geschieht, sondern nachweislich menschgemacht ist.

Wann ging das los?

Seit der Industrialisierung, seit rund 100 Jahren, kann man das beobachten. Es ist aber die letzten 30 Jahre massiv geworden.

Was ist vor 30 Jahren passiert?

Da ging es los mit der Intensivierung der Landwirtschaft. Und es wurden überall immer mehr Flächen verbraucht. Der verringerte Lebensraum und die industrialisierte Landwirtschaft sind die Hauptfaktoren. Klimawandel, Parasiten oder sonstige Dinge haben damit so gut wie nichts zu tun.

Das hören die Bauern gar nicht gern.

Wir können das nur zusammen mit der Landwirtschaft aufhalten, es geht nicht gegen die Bauern. 60 Prozent der bayerischen Fläche sind in landwirtschaftlicher Nutzung. Dort sind die Lebensräume dieser Tiere, gerade der Insekten, vor allem im Offenland. Ein Wandel geht nur zusammen mit den Landwirten. Aber die Position, die der Bayerische Bauernverband vertritt, ist eigentlich nicht die der Landwirte.

Inwiefern?

Für mich ist das der bayerische Agrochemieverband, der hinter den großen Pharmafirmen und hinter den großen Konzernen steht, aber nicht die Interessen der Kleinbauern oder Biolandwirte vertritt, und erst recht nicht die der Biodiversität. Da werden Maßnahmen vorgestellt wie der blühende Rahmen, der jetzt groß beworben wird ...

Eine begrüßenswerte Initiative, oder?

Es schaut schön aus, da wird Saatgut gekauft, ausgesät, und dann hat man um das Maisfeld herum so einen Streifen. Nur: Das bringt für die Biodiversität wenig. Zum einen sind es häufig Pflanzen, die dem Gros der Artenvielfalt gar nicht nützt. Für Honigbiene und ein, zwei Hummeln mag das ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein sein. Aber, wenn in dem Feld weiterhin gespritzt wird, dann sind diese ganzen Pestizide auch in den Blütenpflanzen. Damit ist dieser blühende Rahmen keine Nahrungsquelle, sondern eher eine Falle. Mehr gefragt wäre eine Extensivierung der Landwirtschaft.

Ist die Lage zuletzt besser oder schlechter geworden?

Schlechter! Von Jahr zu Jahr verschwinden weitere Arten. Vor 30 Jahren, in meiner Jugend, da konnte ich noch bei mir im Süden Bayerns über die Felder gehen und musste aufpassen, dass ich auf keine Kiebitzeier trete. Heute steht der Kiebitz auf der Roten Liste, wir kämpfen um die letzten Populationen dieses Vogels, weil der nur auf landwirtschaftlichen Flächen nisten kann. Und so ist es auch bei vielen anderen Vögeln und Insekten. Die Roten Listen werden immer länger. Selbst die ganz gewöhnlichen Arten, wie etwa der Haussperling, über die sich früher keiner Sorgen gemacht hat, werden immer seltener.

Klingt bedrohlich.

Es geht noch weiter. Es verschwinden nicht nur Arten, es verschwindet auch Biomasse. 75 Prozent der Insektenbiomasse sind in den vergangenen 30 Jahren verschwunden. Das ist noch viel schlimmer, denn wir verlieren auch Menge. Damit fällt dann zugleich auch Futter für Vögel und andere Tiere weg. Daneben heißt das auch: 75 Prozent weniger Bestäubungsleistung.

Gibt es innerhalb Bayerns Unterschiede?

Ja, es gibt Regionen in Franken, da sieht es etwas besser aus. Unterfranken etwa war immer schon insektenreicher, weil es da wärmer ist.

Ist der Klimawandel gut oder schlecht für die Artenvielfalt?

Er ist insofern schlecht, weil wärmer zugleich auch trockener bedeutet - und darunter leiden die Pflanzen. Wenn dann nichts mehr blüht, weil alles vertrocknet ist, dann hilft das den Insekten nichts. Generell ist der Klimawandel aber nicht schuld am Verschwinden der Insekten. Bis auf wenige Ausnahmen, wie die Hummeln, die eher kälteliebend sind, mögen die meisten Insekten Wärme, d.h. je wärmer es ist, desto mehr Insekten haben wir.

Was kann der Einzelne tun?

Ein bisschen mehr extensivieren. Muss der Rasen alle zwei Wochen kahlgeschoren werden? Diese ganzen Rasenflächen, wo der Mähroboter fährt, nur damit es ausschaut wie ein Kunstrasen? Weniger mähen würde da schon helfen. Und Aktionismus vermeiden! Diese ganzen bunten Blühmischungen, die teils auch von Naturschutzverbänden mit gutem Willen jetzt ausgesät werden: Nur, da wird häufig leider das Gegenteil erreicht. Da wird Ödland, das ein wichtiger Nistplatz für Wildbienen und seltene Pflanzen ist, mit Humus aufgeschüttet und angesät. Damit erreicht man eigentlich genau das Gegenteil, das nützt der Artenvielfalt dann nichts.

Das Gespräch führte Matthias Litzlfelder.

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