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Bamberg
Wohnungen

Wie viel wurde in Bamberg wirklich gebaut?

Auf dem Papier entstanden in Bamberg seit 2004 knapp 6000 neue Wohnungen. Doch bei genauerem Hinsehen entlarvt sich die Steigerung als zweifelhaft.
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Es ist die Seite 72 im statistischen Jahrbuch der Stadt Bamberg für 2018, die Fragen aufwirft. Dort wird der Zuwachs an Wohnungen und Wohngebäuden der letzten 20 Jahre aufgeschlüsselt. Eine scheinbar gute Nachricht: Bambergs Wohnungszahl lag Ende 2018 mit 43 244 so hoch wie nie zuvor. Seit 2004 stieg die Zahl der Einheiten um stolze 5879 an (allerdings nicht wie vor kurzem berichtet um 7082).

Doch auch 5879 neue Wohnungen würden einen großen Fortschritt bedeuten. Denn bei einer durchschnittlichen Belegung von 1,7 Personen pro Einheit käme man rechnerisch auf Platz für 10 000 neue Menschen. Doch wie erklärt sich dann die gefühlte Verknappung von Wohnraum in Bamberg? Ist der Mangel nur eingebildet?

Hans-Jürgen Greiner-Fuchs vom Amt für Statistik der Stadt kann aufklären: Die hohe Zahl von 5879 neuen Wohnungen in Bamberg ist gewissermaßen einem statistischen Effekt geschuldet, der die Zahl der Wohnungen größer erscheinen lässt, ohne dass es zu einer vergleichbaren Vermehrung des Angebots gekommen wäre. 2011 wurden erstmals die teils bereits seit Jahren bestehenden Studentenappartements in Bamberg zum Wohnungsbestand hinzugerechnet. Die vom Bayerischen Landesamt für Statistik ermittelte Zahl wächst damit binnen eines Jahres um 2666, obwohl 2011 nur 239 Wohnungen tatsächlich neu gebaut wurden.

Ein-Raum-Wohnungen bevorzugt

Raum für Interpretationen lässt eine weitere Kenngröße im Jahrbuch: der so genannte Rohzugang an neu gebauten Wohnungen. Nach den Angaben des Landesamtes entstanden in den letzten 15 Jahren 4233 neue Wohnungen; doch wieder sind es mit rund 1000 Studentenappartements vor allem kleine Einheiten, die geschaffen wurden. Wohnungen mit drei und mehr Zimmern fallen dagegen mit unterdurchschnittlichen Wachstumsraten regelrecht ab.

Außerdem weist die Zahlenreihe Schwankungen auf, die nicht mit der Nachfrage korrelieren: Die höchste Zahl an neuen Wohnungen wurde demnach bereits 1999 mit 806 erreicht. 2015, im Jahr des stärksten Bevölkerungswachstums, wurden dagegen nur 226 Wohnungen fertiggestellt, mehr als die Hälfte davon Ein- und Zwei-Zimmer Wohnungen.

Die Fraktion der Bamberger Allianz hat diese Zahlen zum Anlass genommen, die Bautätigkeit der letzten 24 Jahre in Bamberg etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Alt-OB Herbert Lauer kommt zu dem aus seiner Sicht eindeutigen Ergebnis, dass vor allem in den letzten Jahren zu wenig gebaut worden ist. Laut Lauer entstanden von 1994 bis 2005, einer Zeit mit stagnierender Bevölkerung, 4148 Wohnungen in Bamberg. In den zwölf Jahren danach wurden bei stürmischem Einwohnerzuwachs deutlich weniger Wohnungen als zuvor geschaffen, nämlich 3527. Zudem sei seit 2010 keine einzige Sozialwohnung in die Höhe gewachsen, während gleichzeitig 452 Wohnungen aus der Sozialbindung fielen. Für Lauers Kollegin, die OB-Kandidatin Ursula Redler, ist das Ausweis einer "verfehltenWohnungspolitik". Für viele Familien stelle sich das Problem eines realen Wohnungsmangels heute mehr als je zuvor.

Fallende Preise unwahrscheinlich

Mit der steigenden Diskrepanz zwischen dem Bedarf und dem Angebot an Wohnungen in Bamberg hat sich Klaus-Peter Möller befasst. Der Blick des Bevölkerungswissenschaftlers reicht im "Stadtentwicklungsplan Wohnen" bis ins Jahr 2030 und macht wenig Hoffnung, dass sich der Wohnraummangel in Bamberg in absehbarer Zeit abschwächen und die Preise wieder fallen könnten. Glaubt man Möller, liegt das vor allem am dauerhaften Zuzug und der daraus resultierenden kräftig wachsenden Zahl der Haushalte. In seiner inzwischen von der stark gewachsenen Einwohnerzahl überholten Modellrechnung von 2016 kommt Möller auf einen potenziellen Bevölkerungsanstieg von 82 000 Einwohnern bis 2030. Bei der von ihm unterstellten, für Schwarmstädte typischen Verkleinerung der Haushaltsgröße von 1,8 auf 1,7 Personen würde das einem Zuwachs von 7600 Haushalten bis 2030 entsprechen. Kann Bamberg so viele Menschen aufnehmen?

Möller geht in einer Rechnung von dem optimistischen Szenario aus, dass bis zum Jahr 2024 1000 neue Wohneinheiten auf dem Lagardecampus entstehen. Weitere 1000 Wohnungen könnten in den folgenden sechs Jahren dort dem Markt zufließen, wo sich heute noch das Ankerzentrum befindet. Doch trotz dieser unsicheren Annahme würde das Angebot an Wohnungen "bei weitem nicht ausreichen", um den Bedarf an Wohnraum zu decken. Möller spricht von einem "rückgestauten Zuzugsdruck", der sich bis 2030 auf 4900 Haushalte erhöhen könne. Nüchtern zieht der Wissenschaftler folgendes Fazit: "Den herrschenden Zuzugsstress werden weder die neu zur Verfügung gestellten Wohnungen, noch die eher abschreckende Verdichtung und die hohen Immobilienpreise aufheben. Jahr für Jahr wird der Zuzugswunsch für 500 Personen nicht erfüllt werden können."

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