Heiligenstadt

Wie nah ist die Nahversorgung wirklich?

Die Probleme sind längst erkannt: In Franken verschwinden auf dem Land mehr und mehr Geschäfte. Supermärkte gehen nur dorthin, wo ihnen genug Platz geboten wird. Und der Online-Handel nimmt zu. Doch kann die Politik die Entwicklung tatsächlich steuern?
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Dorfläden, wie der vor zwei Wochen eröffnete in Unterleinleiter (Landkreis Forchheim), liegen im Trend. "Ein guter Ansatz, um Dörfer wieder attraktiver zu machen", sagt Professor Tobias Chilla vom Institut für Entwicklungsforschung der Universität Erlangen. Foto: Barbara Herbst
Dorfläden, wie der vor zwei Wochen eröffnete in Unterleinleiter (Landkreis Forchheim), liegen im Trend. "Ein guter Ansatz, um Dörfer wieder attraktiver zu machen", sagt Professor Tobias Chilla vom Institut für Entwicklungsforschung der Universität Erlangen. Foto: Barbara Herbst
Als Bayerns Finanz- und Heimatminister Markus Söder vorgestern in einer Regierungserklärung ankündigte, das Landesentwicklungsprogramm (LEP) "nicht komplett neu aufrollen, aber verschlanken und entbürokratisieren" zu wollen, so half diese Aussage den an der Entwicklung des ländlichen Raums Interessierten kaum weiter. Das wurde auch gestern bei einer Veranstaltung zum Thema "Einzelhandel im ländlichen Raum" deutlich, zu der das Institut für Entwicklungsforschung im Ländlichen Raum Ober- und Mittelfrankens nach Heiligenstadt (Landkreis Bamberg ) geladen hatte.

"Mit dem LEP kann man alles begründen und nichts", brachte es Johann Kalb, Landrat des Landkreises Bamberg, in seiner Begrüßung auf den Punkt. Zumindest sei die Landesentwicklung nun Aufgabe des Heimatministeriums, lobte Alexander Popp, 2. Bürgermeister der Stadt Bad Berneck (Landkreis Bayreuth) und Regionalmanager für Stadt und Landkreis Bayreuth.
"Als man die Landesplanung einst ins Wirtschaftsministerium gepackt hat, hat man den Bock zum Gärtner gemacht." Popp schilderte die Probleme am Beispiel Himmelkron.

Vier Kilometer von Bad Berneck entfernt, geht es dort gerade um die Ansiedlung des Möbelriesen XXXLutz an der A9, gegen die sich die Stadt Bayreuth wehrt, weil sie Wettbewerbsnachteile für ihren Einzelhandel befürchtet. "Dabei ist das Kind schon längst in den Brunnen gefallen", sagte Popp im Hinblick auf die Zersiedelung. "Die Instrumente der Landesplanung halten da schon lange nicht mehr mit." Es könne nicht sein, dass eine LEP-Fortschreibung so lange brauche. "Wenn das Ding fertig ist, ist es schon wieder veraltet."


"Autobahn allein kein Kriterium"

Interkommunale Zusammenarbeit klappe im Moment nur durch freiwillige Initiativen. Gesetzliche Vorgaben gebe es nicht, sagte Roland Wölfel aus Forchheim, Geschäftsführer und Partner der bundesweit tätigen Beratungsgesellschaft Cima. Es müsse in der Politik mehr um Entwicklung gehen und weniger um eine "Landesplanungsgenehmigung". Der Diplom-Geograph zeigte die Trends beim Einzelhandel auf. "Wir werden weniger, älter, bunter - aber nicht überall gleichermaßen." Deshalb seien kleinräumige Betrachtungen entscheidend.

So sei zum Beispiel eine Autobahn allein kein Kriterium. "Die Kommunen entlang der A9 haben zum Beispiel eine andere Entwicklung als die an der A73", sagte Wölfel. Wer Koppelungseffekte haben wolle, müsse den Faktor Nähe betrachten. Das spürten derzeit auch viele Städte. "Nähe bringt immer Geschäft", sagte Wölfel. Es gelte, Wohnräume und Handel zusammenzubringen. "Wir müssen uns lösen von der Innenstadt, die nur Handel ist."
Hellmut Fröhlich, Referent für Standortentwicklung der IHK Nürnberg für Mittelfranken, machte deutlich, dass aus Kammersicht flächendeckende Einkaufszentren an den Autobahnen möglichst zu vermeiden seien. "Wir wollen keine Innenstadt 2.0 an der Autobahn." Ebenso sei die Nahversorgung eines Ortes auf dem Land "sicher nicht in einem zwei Kilometer entfernten Gewerbegebiet gegeben".

Von welchen Überlegungen sich ein potenzieller Nahversorger leiten lässt, zeigte Alexander Pavlovic auf, Expansionsleiter Süd (Bayern) von Rewe. Mit der Handelsschiene "Rewe-Nahkauf" - in Franken gibt es 30 bis 40 solcher inhabergeführten Läden - ziele der Konzern auf die Nahversorgung. Diese Läden hätten eine Größe von 300 bis 1300 Quadratmeter. Die mehr als 150 fränkischen Rewe-Märkte mit Vollsortiment bräuchten aber mindestens 1000 Quadratmeter Fläche. Pavlovic nannte das Beispiel Heinersreuth, eine Gemeinde vier Kilometer vor Bayreuth. Dort habe sich Rewe mit Erfolg angesiedelt, weil die Lage an der B85 für hohe Kundenfrequenz sorge. Im Hinblick auf den zunehmenden Online-Handel bei manchen Produkten ("Der Umsatz mit Tierfutter ist bei uns eingebrochen.") kritisierte Pavlovic, dass Anbieter wie Amazon Sozialdumping betrieben und die Steueroase Luxemburg nutzten. Dies müsse eingeschränkt werden.

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