Bamberg
Bamberger Symphoniker

Wie die Konzerthalle an der Regnitz zum Klang-Labor wird

Wie der schwedische Klarinettist und Dirigent Martin Fröst beim Debüt an der Regnitz Klassik und Moderne faszinierend verbindet.
Artikel drucken Artikel einbetten
Umjubeltes Bamberg-Debüt: Martin Fröst beeindruckte als Klarinettist und als Dirigent.Foto:Jochen Berger
Umjubeltes Bamberg-Debüt: Martin Fröst beeindruckte als Klarinettist und als Dirigent.Foto:Jochen Berger
+8 Bilder

Martin Fröst ist ein Musik-Verführer. Der schwedische Klarinettist und Dirigent ist ein Musiker, der mit besonderer Vorliebe in die Rolle des unerschrocken neugierigen Fremdenführers durch das faszinierend vielfältige Wunderreich der Klänge schlüpft.

Wenn Fröst als Klarinette spielender Dirigent auf dem Podium steht wie beim Studentenkonzert der Bamberger Symphoniker, muss niemand mehr Angst haben vor moderner Musik. Schräge Klänge, komplexe kompositorische Strukturen, neue Töne, die unbekannten Regeln folgen? Bei Fröst ist das scheinbar überhaupt kein Problem. Das Publikum lauscht ihm gebannt, auch wenn es die Musik, die er spielt, gar nicht kennt oder nicht auf Anhieb völlig versteht. Denn Fröst gelingt es, die Faszination, die die Musik auf ihn ausübt, scheinbar selbstverständlich auf seine Zuhörer zu übertragen.

Mitreißender Schwung

"Retrotopia" hat Fröst sein aktuelles Projekt mit einem nur scheinbar verrätselten Motto versehen. Denn schnell entschlüsselt sich das Wort-Gebilde als Kombination aus Retrospektive und Utopie, aus Rück- und Ausblick. Im Fall von Mozart und Beethoven klingt die vermeintlich betagte Musik in Kombination mit zeitgenössischen Klängen keineswegs alt, sondern fast unbekümmert frisch.

Mozarts Ouvertüre zu "Hochzeit des Figaro" - Fröst lässt sie von den Bamberger Symphonikern mit Elan und geschärften Konturen musizieren. Und Beethovens gerne unterschätzte "Vierte" - sie enthüllt in seiner Interpretation mitreißenden Schwung, aber auch gesangliche Feinheiten.

Martin Frösts Dirigat wirkt dabei wie eine in die Luft geworfene Zeichnung.

Bei Mozarts Ouvertüre wie bei Beethovens "Vierter" scheint Fröst vor allem an den Linien und an den Spannungskurven der Musik interessiert, die er mit vibrierender, manchmal fast nicht zu bändigender (Bewegungs-)Energie nachzeichnet. Das Orchester folgt seinem herausfordernden Dirigenten mit großem Elan und großer Konzentration.

Schroff und zärtlich

Ausschließlich moderne Klänge dann im zweiten Teil - Klänge freilich, die beweisen, dass niemand vorauseilend Angst vor dem Etikett zeitgenössisch haben muss. Jacob Mühlrads "Angelus Novus", inspiriert von einer aquarellierten Zeichnung Paul Klees aus dem Jahr 1920, entfaltet eine beachtliche Sogwirkung.

Diese Musik schwirrt und seufzt, ballt sich zu Dissonanzen zusammen und entschwebt.

"Nomadia" haben die Brüder Göran und Martin Fröst eine Gemeinschaftskomposition genannt - eine Musik voller verblüffender Assoziationen, voller spannender Übergänge und überraschender Verbindungen, schroff und zärtlich, kraftvoll und zerbrechlich zugleich. Zusammengehalten wird sie nicht zuletzt durch die Intensität, mit der Fröst als Solist und Dirigent in Personalunion die auseinander laufenden Fäden verbindet.

In Jesper Nordins "Emerge" verwandelt Fröst die Konzerthalle an der Regnitz vollends in ein Klanglabor - mit Hilfe einer Gestrument getauften Software, die der Komponist bei der Bamberger Erstaufführung am Laptop eigenhändig steuert.

Diese Software übersetzt die mit Sensoren aufgenommenen Bewegungen, die Fröst in die Luft zeichnet oder schneidet, in faszinierende Klänge. Dahinter verschwindet fast der Umstand, dass Fröst nicht zuletzt auch ein fantastischer Klarinettist ist, der die Möglichkeiten seines Instruments beinahe in jede Richtung auslotet und mit Tönen fashziniert, die aus der Stille auftauchen.

Fröst macht seinen Auftritt als dirigierender, zweisprachig moderierender Solist regelrecht zur Performance, die auch das Orchester in Bann zieht. Stehende Ovationen und ein raffiniert arrangierter Klezmer-Tanz als umjubelte Zugabe.

Aus dem Leben eines vielseitigen Künstlers

Martin Fröst, im Dezember 1970 im schwedischen Sundsvall geboren, studierte in Stockholm und Hannover. Als Solist gastierte Fröst bereits bei vielen namhaften Orchestern vom Royal Concertgebouw Orkest bis zum Gewandhausorchester Leipzig. Als Dirigent leitete er beispielsweise das Oslo Philharmonic Orchestra, das Royal Stockholm Philharmonic und das Stuttgarter Kammerorchester. Das erste gemeinsame Konzert mit den Bamberger Symphonikern gab er im Mai 2014 im Wiener Konzerthaus.

Die nächsten Konzerte der Bamberger Symphoniker

Samstag, 1. Dezember, 20 Uhr, Sonntag, 2. Dezember, 17 Uhr - Bamberger Symphoniker, Philharmonischer Chor München, Dirigent: Michael Schonwandt; Werke von Grieg, Strawinski, Gade - Tickets im Vorverkauf in der Tageblatt-Geschäftsstellect



Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren