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Bamberg
Wirtschaft

Wie Bamberger Tüftler und Unternehmer der Krise trotzen

Ein Strullendorfer Schnapsbrenner versorgt Apotheker und Einrichtungen mit kostenlosem Alkohol zur Desinfektion. Den Rohstoff dafür liefern ihm viele Privatleute aus der Region.
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Markus Raupach und Stefanie PfeifferJennifer Richter
Markus Raupach und Stefanie PfeifferJennifer Richter
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80 Prozent Alkohol, 100 Prozent Hilfe: Schnapsbrenner Matthias Motzel ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Feuerwehren, Apotheker, lokale Behörden und Einrichtungen haben sich bei dem Strullendorfer gemeldet. Sie alle haben ein Problem: In der Corona-Krise sind Desinfektionsmittel Mangelware, der zur Herstellung elementare Alkohol ebenfalls. Motzel hilft. Kostenlos. Aus den dünnen Hähnen seiner Destillerie rinnen neuerdings keine Edelbrandweine, sondern hochprozentiges Ethanol. C2H5OH gegen Covid-19.

"Ich möchte gar nichts verkaufen. Ich verkaufe nichts, ich gebe es denen, die es brauchen", betont der Strullendorfer.

Und gegeben haben auch viele Nachbarn, Bekannte und wildfremde Menschen aus der Region - nämlich ihre alten Schnapsvorräte. Nach Aufrufen in den sozialen Medien und in unserer Zeitung füllte sich der große Sammelkanister im Hof der Brennerei mehrfach. Wodka und Jägermeister, Korn und Gin: Was sonst für ein großes Besäufnis gereicht hätte, landete im großen Bottich. "Der Mischmasch hat gar nicht schlecht geschmeckt, viele Leute haben teilweise guten Whisky vorbeigebracht", freut sich Motzel, der mal probiert hat und dem die Begeisterung über die Hilfsbereitschaft am Telefon deutlich anzumerken ist.

Die Leute standen Schlange im Hof, hielten Abstand und nahmen ihre leeren Flaschen wieder mit. Motzel berichtet von Ärzten und Krankenschwestern, die ihre Spirituosenschränke geplündert haben. Und er zeigt ein Foto, wie eine Polizistin nach ihrem Dienst eine ganze Kiste Korn entsorgte. "Auch die können derzeit Desinfektionsmittel gut brauchen", berichtet der Brenner.

Am Abend des ersten Tages waren 300 Liter Schnaps zusammengekommen. "Ich war echt geplättet. Gigantisch. Ich habe 166 Liter rausgebrannt mit einem Alkoholgehalt von 79 Prozent."

Mangelware beschaffen

Dieser hochprozentige Alkohol wird bei der Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet - und ist daher heiß begehrt.

"Es gibt aktuell so gut wie keinen Alkohol mehr auf dem Markt", erklärt Hartmut Held. Der Apotheker wollte selbst Desinfektionsmittel herstellen - und hat deshalb bei Motzel angefragt, ob er nicht Hochprozentiges liefern könne. "Seit Anfang März dürfen Apotheken wieder Desinfektionsmittel mischen", berichtet Held. Der Alkohol tötet Keime ab, aber er trocknet auch die Hände aus - daher würde auch Glycerin als Pflegemittel benötigt - das ebenfalls langsam knapp werde. Dazu Wasserstoffperoxid zum Abtöten von Sporen. Für die Rezeptur der Weltgesundheitsorganisation hat der Apotheker nun eigentlich alles beisammen - doch auch Plastikfläschchen seien aktuell nur zu Wucherpreisen erhältlich, ärgert er sich.

Kleine Stückzahlen

Ein Problem, mit dem nicht nur er zu kämpfen hat, sondern auch andere Apotheker. Mehrere stellen nun eigene Desinfektionsmittel in kleineren Mengen her - etwa Jürgen Auernhammer von der Vitale Apotheke im Bamberger Hafen. "Da wir pro Apotheke pro Tag nur 100 Stück als verlängerte Rezeptur produzieren dürfen, bitten wir um Verständnis, dass wir pro Kunde nur eine Packung abgeben können", erklärt Auernhammer.

Alkohol für Italien

Sein Kollege Held und Schnapsbrenner Motzel überlegen nun, Rohalkohol ins italienische Krisengebiet zu schicken, wo er bitter benötigt werde. Entsprechende Lieferungen stimme man gerade mit dem Zoll ab. Der Strullendorfer Brandweinspezialist ist außerdem gerade dabei, mit den Behörden die Genehmigung für einen zweiten Brennvorgang einzuholen - denn von der Sammelaktion am vergangenen Wochenende hat er noch 350 Liter Schnapsreste im Kanister. Daraus will er weitere 190 Liter Alkohol brennen.

Weitere Tüftler:

Bier und Brot in der Not

B rot und Bier: "Das sind in Bayern Grundnahrungsmittel", findet Markus Raupach - deshalb hat er mit der Bäckerin Stefanie Pfeiffer einen Lieferservice für beides auf die Beine gestellt. Unter der Internetadresse www.bierundbrot.online können Kunden aus Bamberg und dem nahen Umland ihre Bestellungen abgeben - etwa für zwei Laibe Steinofenbrot, zwei Zimtschnecken und dazu sechs Flaschen regionales Bier.

Einen Lieferservice samt Onlineshop bietet auch Bambergs kleinste Brauerei: der Hopfengarten. Unter der Adresse https://hopfengarten-bamberg.de nimmt der Gärtnereibetrieb Bestellungen entgegen - auch für Gutscheine.

Lokal und digital

H art trifft die Krise den Bamberger Einzelhandel. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, um so wichtiger werden nun digitale Schaufenster - und Vertriebswege. Online-Shops sprießen aus der virtuellen Erde. So hat Lions5, eine 2018 in Bamberg gegründete Softwarefirma, unter der Adresse https://stopcrisis.bonista.de lokalen Unternehmern eine Plattform geschaffen, um Gutscheine zu verkaufen, wie Geschäftsführer Andreas Schönberger erklärt.

Ähnliches entsteht gerade unter der Adresse www.bamberghelfen.de unter der Federführung des Bamberger Uhrenhandels Horando. Beide Initiativen sind laut den Organisatoren nicht auf Profit aus.

Taxifahrer gehen einkaufen

B ei den Bamberger Taxifahrern herrscht in der Corona-Krise häufig tote Hose. Deshalb konzentrieren sich die mehr als 40 Taxiunternehmer mit ihren fast 80 Fahrzeugen vermehrt auf Besorgungsfahrten.

"Dabei können die Bürger das Taxi nutzen für Fahrten zu Supermärkten, Apotheken und so weiter - und müssen dabei nicht einmal selbst mitfahren", wie Michael Fiegl, Geschäftsführer der Taxigenossenschaft erklärt. Hierfür würden Pauschalen berechnet, die bei rund 15 Euro liegen. Die Taxifahrer gehen bei den Einkäufen in Vorleistung.

Auch andere Bamberger Taxiunternehmer bieten ähnlichen Service - nach Absprache.

Aktion:

Aufruf Auch Sie haben eine kreative Geschäftsidee, um der Krise zu trotzen? Dann melden Sie sich bei uns. Wir wollen pfiffige Projekte aus Stadt und Landkreis Bamberg vorstellen.

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