Bamberg
Denkwerkstatt

Whiteboards statt Tafeln: Das ist zu wenig

Um Schulen zukunftsfähig zu machen, muss mehr passieren als Digitalisierung, betont Bildungsbüro-Leiter Matthias Pfeufer vor der ersten Denkwerkstatt.
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Das Whiteboard als Tafel und das iPad als Schulheft - in immer mehr Klassenzimmern ist das Realität. Für Bildungsbüro-Leiter Matthias Pfeufer reichen diese Neuerungen allein nicht aus.  Foto: Sabine Weinbeer
Das Whiteboard als Tafel und das iPad als Schulheft - in immer mehr Klassenzimmern ist das Realität. Für Bildungsbüro-Leiter Matthias Pfeufer reichen diese Neuerungen allein nicht aus. Foto: Sabine Weinbeer
Wie lernen und kommunizieren wir in der Zukunft? Das ist vielleicht die wichtigste von vier Workshop-Fragen bei der Denkwerkstatt "Bamberg 2050", zu der die Volkshochschule Bamberg-Stadt und der Fränkische Tag am Samstag, 27. Januar, einladen (Anmeldungen sind noch möglich: siehe Infokasten). Schließlich wird in Kindergärten, Schulen und Universitäten der Grundstein für die Entwicklung der nächsten Generationen gelegt. Als Experte in dieser Arbeitsgruppe tritt Matthias Pfeufer auf. Der 47-Jährige ist Leiter des Bamberger Bildungsbüros, das unter anderem "inhaltliche und strukturelle Impulse für die (Weiter-)Entwicklung der Bamberger Bildungslandschaft" setzen soll. Im Interview hinterfragt Pfeufer den Einzug digitaler Arbeitsmittel im Schulalltag und lobt den integrativen Charakter von Bildungseinrichtungen.

Müssen sich Schulen architektonisch verändern bis zum Jahr 2050?
Matthias Pfeufer: Ganz klar ja. Aktuell müssen wir aufpassen, dass wir mit der Digitalisierung nicht das Bisherige linear fortsetzen. Architektonische Neuerungen sind notwendig, um Lernlandschaften zu schaffen, die anregungsreich sind und verschiedene Lern- und Sozialformen ermöglichen. Wenn wir die üblichen Tafeln in den Klassenzimmern nur durch White- oder Smartboards ersetzen, geht die Ausrichtung nach vorne und das sehr stark gleichschrittige Arbeiten in einer Klasse weiter. Das ist lerntheoretisch nicht mehr der aktuelle Stand, wo es darum geht, selbstorganisiertes Lernen zu ermöglichen. Es gibt mittlerweile auch in Bayern ausreichend Beispiele, wie so eine moderne Schule aussehen kann. Beispielsweise in Oettingen, wo ein Bestandsgebäude so saniert wurde, dass nun ein kompletter Jahrgang in Klassenzimmern untergebracht ist, die zu einem Plenum in der Mitte geöffnet sind. Die alten Klassenstrukturen werden aufgebrochen - es heißt nicht, die 5a hat jetzt Mathe und die 5b hat Englisch und die Tür ist zu, sondern Fünftklässler aus der a, b und c können bei der Englisch-Lehrerin sein, andere sind bei Mathe und wieder andere lernen selbstständig. Das Arbeiten in Kleingruppen ist genauso möglich wie ein Frontal-Unterricht. Meistens wird bei Sanierungen jedoch der alte Grundriss einer Flurschule - das heißt breiter Flur und dann rechts und links Zimmer - beibehalten, schon allein wegen rechtlicher Auflagen wie dem Brandschutz.

Braucht es im digitalen Zeitalter überhaupt noch einen "Ort Schule" oder ließe sich dieser auch im virtuellen Raum abbilden?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es den weiter braucht. Natürlich bietet das Internet potenziell den Zugang zu fast allen Informationen. Aber erstmal muss man die Fähigkeiten haben, sie auch zu finden, und zum Zweiten ist es ganz zentral, dass es Begegnungsorte gibt, an denen dann auch ein Austausch über die Informationen stattfindet - bewerten, einordnen, hierarchisieren, welchen Wert hat Information A und B. Schule muss perspektivisch mehr denn je dazu da sein, die Kinder und Jugendliche mündig zu machen. Außerdem geht es hier um die Frage, in welcher Gesellschaft wir in Zukunft leben wollen. Die Schule ist schließlich einer der wenigen Orte, wo Leute unterschiedlicher Couleur, aus unterschiedlichen Milieus, mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen kommen. Das ist eine Zwangsgemeinschaft, aber eine gute, weil solche Begegnungen ohne den Ort Schule nicht möglich wären.

Aktuell gibt es in Bamberg viele solche Begegnungsorte, weil es auch viele verschiedene Schularten gibt. Glauben Sie, dass das 2050 auch noch so sein wird?
Da wage ich kaum, eine Prognose abzugeben. Ich denke, die Grundschule als gemeinsamer Einstieg wird bleiben. Wie es dann in der Sekundarstufe I und II ausschaut, ob es dann zu einer Konzentration kommt, lässt sich schwer vorhersagen. Wir haben in der Sekundarstufe I allein in Deutschland 30 bis 40 verschiedene Schul- Bezeichnungen. Es wird aber sicher unterschiedliche Grade von Abschlüssen und unterschiedliche Längen der Schulzeit geben, und das ist auch sinnvoll. Im Sinne der Idee von einer offenen, inklusiven Gesellschaft wären umfassende Ganztagesschulen sicher vorteilhaft.

Wenn wir auf Schule als Arbeitsort schauen: Welche Anforderungen gibt es an die Lehrer der Zukunft?
Ich habe vor meiner Arbeit für die Stadt Bamberg im Bereich der Lehrerbildung gearbeitet und weiß: Universitäre Lehrerbildung steht immer in einem Spannungsverhältnis - einerseits die Konzentration auf die Fachlichkeit, andererseits die pädagogisch-psychologische Ausbildung. Ich glaube, es braucht beides. Künftig muss die Lehrerbildung noch stärker als ein berufsbegleitender Prozess gesehen werden. Wichtig ist ein fachlich gutes Fundament in dem Fach, das ich unterrichte, damit ich neue Entwicklungen auch einordnen und didaktisch flexibel auf Veränderungen eingehen kann. Doch nach Uni und Referendariat ist ein Lehrer nicht fertig, sondern er muss in den dann folgenden 35 Berufsjahren permanent dran bleiben. Dafür braucht es auch Zeit: Lehrkräfte müssen von gewissen Unterrichtsverpflichtungen befreit werden, um sich über einen längeren Zeitraum weiterbilden zu können. Zentrale Fortbildungen, wie sie derzeit stattfinden, halte ich für nicht besonders zielführend.

Wie wichtig wird digitale Kompetenz für die Lehrer?
Die Frage ist für mich vor allem, wie man die digitalen Möglichkeiten in Lernprozesse sinnvoll integriert. An den Schulen müssen Konzepte erarbeitet werden, wie man mit den Ressourcen vor Ort umgeht und die zur Verfügung stehende Technik angemessen einsetzt. Es bringt nichts, alle Lehrer für technische Szenarien fortzubilden, die dann praktisch in den Schulen nicht vorhanden sind. Momentan ist überhaupt nicht klar, was unter dem viel zitierten digitalen Klassenzimmer standardmäßig zu verstehen ist. Das verunsichert auch die Lehrer.

Kann es dann sein, dass die Entwicklungen, die wir momentan in den Schulen bräuchten, erst dann da sind, wenn wir sie nicht mehr benötigen?
Das kann sein, bei der schnelllebigen Technik ist das nicht auszuschließen. Es braucht auf jeden Fall Lehrer mit einer grundsätzlichen Lernbereitschaft, um sich immer wieder auf neue Entwicklungen einzustellen, aber auch mit dem Selbstbewusstsein zu sagen, ich muss nicht alles mitgehen.

Die Schüler tauschen sich heute am Handy ja viel in abgehackter Sprache und über Emojis aus. Inwieweit wird das die Kommunikation im sozialen Umgang verändern?
Je nach Zusammenhang wird es unterschiedliche Formen von Kommunikation geben. Das ist schon ein bisschen vergleichbar mit Mehrsprachigkeit. Wenn ich Kurznachrichtendienste nutzen will, will ich mich ja schnell austauschen und nutze bestimmte Formen der Kommunikation. Telegramme gibt es ja auch schon ganz lang, da hat man auch in kurzen, abgehackten Sätzen die wesentlichen Botschaften übermittelt. Es wird weiterhin direkte Gespräche geben und da werden sich Jugendliche auch nicht mit Emojis verständigen. Natürlich kann man kulturpessimistisch sagen, durch die Kurznachrichtendienste verlernen die Jugendlichen alles - Rechtschreibung und normale Sprache. Aber man sollte sie nicht unterschätzen: Kinder und Jugendliche können auch je nach Setting umschalten - vorausgesetzt in ihrem Wohnumfeld gibt es auch weiterhin solche Begegnungsräume zwischen den verschiedenen Schichten.

Was genau heißt das für die Stadt Bamberg - wie muss die sich dafür rüsten?
Wir müssen dazu kommen, dass es keine abgeschlossenen Stadtgebiete gibt, sondern dass es immer Austausch zwischen den einzelnen Stadtteilen gibt, also auch zwischen Hochkultur und Menschen, die einfach anders ihre Freizeit verbringen. Das erfordert eher Anstrengungen von den Gebildeten. Und es läuft ja schon mit vielen Programmen, wie zum Beispiel der Kulturtafel, die versucht, sozial Schwächere über Restkarten an Kulturangebote heranzuführen. Schulisch kann man über den KS:BAM ansetzen, der Kulturservice für Kitas und Schulen, der unterschiedliche kulturelle Erfahrungen ermöglichen will. Hier kann dann auch gelernt werden, anders zu kommunizieren und miteinander umzugehen. Insgesamt besteht schon die Gefahr, dass abgekapselte Räume entstehen, die wenig Kontakt zu anderen zulassen. Im Extremfall wird dort in einer komplett anderen Sprache kommuniziert und Deutsch zu lernen, ist gar nicht mehr nötig. Das ist eine stadtplanerische Herausforderung. Für mich ist eine inklusive Gesellschaft, in der jeder an allem partizipieren kann, ein wesentliches Ziel, aber die Tendenzen gehen eher in eine andere Richtung.

SMS, E-Mails, Facebook - die Verschriftlichung nimmt aktuell stark zu. Wird das auch die verbale Auseinandersetzung beeinflussen?
Man sieht es ja schon, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Da gibt es vier Schüler in der S-Bahn, die per WhatsApp miteinander kommunizieren, obwohl sie sich gegenüber sitzen. Es könnte derzeit auch einfach der Reiz des Neuen sein, ehe irgendwann auch wieder eine Übersättigung stattfindet. Ich habe etwa das Gefühl, dass private E-Mails teilweise ziemlich lange liegen gelassen werden. Das "Ich reagiere sofort" ist etwas, das schon wegen der Fülle im Moment wieder nachlässt. Wie sich das entwickelt, ist allerdings schwer vorauszusehen, weil es hier noch viele technische Innovationen geben wird und das Smartphone im Jahr 2050 wohl nicht mehr das Kommunikationsgerät sein wird. Eine Schwierigkeit sehe ich darin, dass der Grad an Verbindlichkeit trotz Verschriftlichung nachlässt.

Wie das?
Weil einfach die Chance besteht, sehr kurzfristig Vereinbarungen abzusagen oder zu ändern - durch Messenger-Dienste. Ich erlebe das immer wieder in meiner Funktion als U13-Fußballtrainer. Da ist es fast schon Standard, dass Leute das Training zwei Minuten vorher absagen. Eine andere Frage lautet: Bedeutet mehr Verschriftlichung auch mehr Dauerhaftigkeit? Natürlich wird vieles verschriftlicht, aber gleichzeitig wird auch vieles als Spam aussortiert und gelöscht. Da komme ich zu einer meiner Aussagen vom Anfang zurück: Kinder müssen die verschiedenen Formen von Kommunikation lernen. Das kommt nicht von allein, das muss man trainieren.

Die Frage stellte Martin Wilbers, aufgezeichnet von Michael Memmel


Anmelden für die Denkwerkstatt "Bamberg 2050"

Hintergrund: Die Denkwerkstatt "Bamberg 2050" vom Fränkischen Tag und der Volkshochschule (VHS) Bamberg-Stadt soll Abschluss und Höhepunkt des VHS-Semesters Herbst/Winter sein, das in seinen Vorträgen schwerpunktmäßig Bamberg als "Stadt im Wandel" beleuchtet.

Kontakt: Für einen Platz bei der Denkwerkstatt am Samstag, 27. Januar, von 13 bis 18 Uhr im Verlagsgebäude der Mediengruppe Oberfranken (Gutenbergstraße 1, Bamberg) können sich Interessierte ab sofort bewerben - online hier oder telefonisch unter der Nummer 0951/188 108 (Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr). Die Veranstaltung ist als offenes Diskussionsforum gedacht, bei dem sich alle Bürger mit ihren Ideen in die Entwicklung der Stadt einbringen können.
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