Bamberg
Gastronomie

Welterbestadt des Sauftourismus?

Bamberg zieht viele Gäste an. Nicht jeder benimmt sich. Fördern gastronomische und öffentliche Angebote übermäßigen Alkoholkonsum? Lässt sich "Sauftourismus" eindämmen? Darüber sprechen ein Wirt, der Tourismusdirektor und der Bürgerverein Mitte.
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Foto: Kevin Cegla Montage: Micho Haller
Foto: Kevin Cegla Montage: Micho Haller
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Sauflieder grölen, Gäste anpöbeln, Barhocker und Biergläser klauen, Flaschen zerdeppern, die Bedienung antatschen: "Jede Woche habe ich drei Gespräche mit besoffenen Männergruppen, warum ich ihr Geld nicht will", sagt Lars Baldes, Mitinhaber der Gaststätte "Zapfhahn" (Untere Sandstraße) sowie der Bars "Dude" und "Kawenzmann".

Teilweise kommt es zu bedrohlichen Situationen: "Wenn ich die rausschmeißen will und dann bauen sich 15 Besoffene vor mir auf, ist das nicht gerade angenehm", erzählt er. Da helfe nur: Selbst ruhig bleiben und dem Vernünftigsten und Nüchternsten ins Gewissen reden.

Sind die Wirte schuld?

Bamberg ist attraktiv - und wird zunehmend attraktiver: Ankünfte und Übernachtungszahlen haben sich in den vergangenen 25 Jahren nahezu verdreifacht. Nicht alle Gäste wissen sich zu benehmen. "Und es hat sich rumgesprochen, dass man in Bamberg gut trinken kann", sagt Baldes. Die Folgen des "Sauftourismus": Schlägereien, Erbrochenes und Scherben auf dem Gehweg, Urin an der Hauswand. Vor allem Sandstraßenbewohner haben unter dem Ansturm auf die Welterbestadt zu leiden.

"Für die Leute in der Innenstadt ist das schon eine Seuche", sagt Reiner Dietz, Vorsitzender des Bürgervereins Bamberg-Mitte. Denn den Schaden trägt die Allgemeinheit. "Als Lösung bietet sich an, die Konzession eines Gastwirtes mit einer Abgabe zu koppeln", schlägt deshalb ein Café-Betreiber in der jüngsten"Inselrundschau"(Zeitschrift des Bürgervereins ) vor. Die Höhe der Abgabe soll sich nach Kundenzahl und Alkoholangebot richten. Denn den Grund für die Probleme sieht der Autor in langen Öffnungszeiten verbunden mit breitem Alkoholangebot. Oft wird mit dem Finger auf die Wirte gezeigt. "Aber ich habe mit den Besoffenen mehr Ärger, als ich an ihnen verdiene", sagt Wirt Baldes. Die meisten Besucher wüssten sich zu benehmen. "Aber es gibt eben auch diese Saufgruppen. Die sind eine absolute Katastrophe. Und die bedienen wir auch nicht. Das sind zum Teil Touristen, aber auch Besucher aus der Region.

Die Gastronomie in der Stadt habe sich laut Baldes in den vergangenen Jahren zum Positiven entwickelt: "Die Spelunken sind fast alle verschwunden, die Qualität steigt." Junggesellenabschiede würden kaum noch bedient. "Ein Lied dürft ihr singen, beim Zweiten fliegt ihr raus", ist die Devise bei Baldes. Von der vorgeschlagenen Abgabe für Wirte hält er gar nichts. "Ich zahle ja Steuern. Soll ich auch noch dafür zahlen, dass wir in Bamberg eine gute Gastroszene und Bierkultur haben? Dass die Stadt attraktiv ist?"

Ist die Stadt verantwortlich?

Mit der Attraktivität der Stadt, die Welterbe und Braukultur vereint, wirbt auch der Tourismus- und Kongress-Service (TKS). Dass die Zahl der "Sauftouristen" in Bamberg in den letzten Jahren deutlich zugenommen habe, liege auch an den Angeboten des städtischen Tourismusunternehmens, mutmaßte ein Sandbewohner im Interview mit der Zeitschrift "Sandblatt". In diesem Zusammenhang wurde die "Bierschmecker-Tour" des TKS genannt.

"Dabei ging es nie um übermäßigen Konsum, sondern um den Genuss", wehrt sich Tourismusdirektor Andreas Christel. Den Vorwurf zu lesen, habe ihn sehr berührt. Mittlerweile sei die Meinungsverschiedenheit aber "intern geklärt" worden.

TKS hat bereits reagiert

Laut Christel sei das TKS-Angebot mit studentischen Touren wie dem "Bierdiplom" verwechselt worden. Hier ging es darum, in jeder Brauerei mindestens ein Bier zu trinken - also neun bis zwölf Seidla, je nach Zählweise - mit absehbaren Folgen. Bei der Bierschmecker-Tour gibt es hingegen vier Biergutscheine für Brauerei-Gaststätten. "Die muss man auch nicht an einem Tag besuchen", stellt Christel klar. Um die Sauftouristen abzuhalten, werde die Tour auch nicht mehr an große Gruppen verkauft. Zudem wurde die Zahl der Biergutscheine von fünf auf vier reduziert.

Der Sauftourismus hat laut Christel mehrere Ursachen. Die steigende Zahl der Touristen spiele eine gewisse Rolle, aber auch die der Studenten. Zudem würden die Menschen in ihrer Freizeit öfter ausgehen als früher, auch in der Region. "Und alle diese Menschen müssen sich in der Innenstadt einen begrenzten Raum teilen." Dass das Sandgebiet als Partymeile gelte, "wollen wir nicht, bewerben wir nicht, aber der Ruf hält sich nun einmal hartnäckig." Die einzige Lösung sehen Bürgervereinsvorsitzender Dietz und Tourismusdirektor Christel in gegenseitiger Toleranz und Rücksichtnahme. Damit ließe sich der Sauftourismus zwar auch nicht gänzlich vermeiden, "ein paar schwarze Schafe wird es immer geben. Aber menschenleere Straßen wollen wir doch auch nicht", sagt Christel.

Das sieht auch Sandwirt Lars Baldes so. Seine Verwandtschaft aus Baden und der Schweiz komme drei Mal im Jahr zu Besuch. Weil die Stadt so schön sei. Und auch, weil man gut ausgehen könne. "Trotz allem Ärger: Wir Bamberger sollten stolz auf die hohe Lebensqualität sein."

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