Bamberg
Premiere

Weltekel und Clownerie

Das Theater Wildwuchs hat sich im Palais Schrottenberg Heiner Müllers "Hamletmaschine" vorgenommen.
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Ein Dreierteam als Hamlet, Ophelia und Horatio (v. l. Sebastian Stahl, Kristina Greiff, Daniel Reichelt)  Foto: Denis Meyer
Ein Dreierteam als Hamlet, Ophelia und Horatio (v. l. Sebastian Stahl, Kristina Greiff, Daniel Reichelt) Foto: Denis Meyer
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Ein Sarg wird hereingetragen. Oder ist es ein Kühlschrank? Eine x-beliebige Kiste, auf der später rot verschmiert "Hamlet" zu lesen sein wird? Das ist gleich zu Beginn ein Hinweis auf die Mehr-, ja Vieldeutigkeit dieses sperrigen Textes.

Der vielleicht gerade deshalb nicht selten gespielt wird. Dabei ist Heiner Müllers "Die Hamletmaschine" überhaupt kein Drama. Was sonst? Es ist eine Sammlung von Reflexionen, ausgehend von seiner Übersetzung der Shakespeare'schen Tragödie, angereichert mit Anspielungen auf die Geschichte des Kommunismus, aufs Verhältnis von Frauen und Männern, auf die Rolle des Intellektuellen im Sozialismus und nicht nur dort.

Man darf die Entstehungszeit nicht vergessen: 1977, als "Die Hamletmaschine" entstand, war der Kalte Krieg unterirdisch am Brodeln, dachte noch keiner an die Implosionen des realen Sozialismus, schien die DDR noch quicklebendig zu sein. Und einer ihrer Star-Intellektuellen war zunehmend desillusioniert - 1976 war Wolf Biermann ausgebürgert worden. Alles dies ist als Hintergrundrauschen hinzuzudenken, wenn die Zuschauer, "ausgestopfte Pestleichen im Zuschauerraum", wie es einmal heißt, zunächst einigermaßen ratlos mit dieser wüsten Melange konfrontiert werden.

Distanz zur Rolle erlaubt

Das Theater Wildwuchs mit seinem Regisseur Frederic Heisig und einem Dreierteam - Marilena Lippmann spricht im Hintergrund - an Schauspielern stellt sich der Herausforderung lustvoll. In wechselnden Rollen sieht man Daniel Reichelt, Sebastian Stahl und Kristina Greiff als Hamlet, Horatio und Ophelia, wobei naturgemäß nicht immer klar ist, wer jetzt wen spielt. Auch Distanz zur Rolle ist erlaubt. Clownnasen kann man als Symbole dafür deuten. Wer spricht mehr als 40 Jahre nach dem "roten Jahrzehnt" noch vom Kommunismus, der wieder oder endgültig zum Gespenst geworden ist?

In der kargen Dekoration (Guido Apel) geben die drei Schauspieler alles. Selten sah man Wildwuchs-Protagonisten zu solcher Form auflaufen - brüllend, flüsternd, rülpsend. Denn "Heil. Coca-Cola!" wird einmal dem kapitalistischen Symbol per se gehuldigt. Ja, man muss schon einiges aushalten können im dicht besetzten Barocksaal des Palais. Offenbar wollten sich viele dem Spektakel aussetzen, auch fürs Publikum eine Zumutung.

Dabei darf man diese Inszenierung keinesfalls als postmodernen Klamauk abtun, mit Engelsflügeln (Kostüme Lena Lorang) und aufdringlicher Körperlichkeit. Es gelingen vor allem in den Aufstands-Passagen eindringlichste Szenen mit Stiefelgetrampel oder mit auf einen Regenschirm projizierten Bildern. Einmal wird eine Art Brecht'scher Kampfsong angestimmt. Lenin, Marx und Mao tauchen verfremdet auf, ein Totenschädel als Hamlet-Reminiszenz; Ophelia klagt und tobt.

Florian Berndts mal elektronische, mal auf Instrumenten erzeugter Soundtrack wabert düster durch die 70 Minuten. Am Schluss bleibt Ekel, Ekel, Ekel.

"Die Hamletmaschine" erlaubt inszenatorische Fantasien wie kaum ein anderer Text. Das Theater Wildwuchs nutzt den Freiraum intelligent und unbekümmert. Der Name Raskolnikow macht einen stutzig. Manche Außenseiter lesen Dostojewski und Kafka als große Humoristen. Wie, wenn auch Heiner Müllers Text so gegen den Strich gebürstet werden muss? Dann hätten auch die Clownnasen ihre ureigenste Berechtigung.

Weitere Vorstellungen am 23., 29., 30. November, 6. Dezember im Palais Schrottenberg, Kasernstraße 1 Karten gibt es beim Collibri, Austraße 12, Telefon 0951/30182710; BVD, Lange Straße 39-41, Telefen 0951/98082-20 Dauer ca. 70 Minuten

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